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Schach : Unmenschliche Züge

  • -Aktualisiert am

Dunkle Machenschaften: Im Schach geht die Angst vor Betrug um Bild: Wohlfahrt, Rainer

Paranoia im Schach: Es geht die Angst vor Betrug um. Wie kann die digitale Unterstützung ausgebremst werden?

          Alle vier Jahre wird im Schach das Regelwerk angepasst. Doch die am 1. Juli fällige Aktualisierung lässt auf sich warten. Die Regelhüter sind unschlüssig, wie der zunehmende Betrug mit elektronischen Hilfsmitteln zu unterbinden ist. Die Präventionsstrategie des Weltschachbunds Fide erschöpfte sich über Jahre darin, das Läuten eines vergessenen Mobiltelefons mit Partieverlust bestrafen zu lassen. Unter Tausenden Fällen ist keiner mit Betrugsabsicht belegt.

          Inzwischen ist Schachsoftware auf einem leistungsstarken PC Carlsen, Anand und Co weit überlegen. Auf einem Smartphone erreicht sie immerhin Großmeisterniveau. Nun grassiert in den Turniersälen Paranoia. Wer mehr als drei Minuten außer Sicht ist, macht sich verdächtig. Nach Außenseitersiegen kommt es immer öfter  zu Anschuldigungen. Kaum ein Monat vergeht, ohne dass irgendwo jemand während seiner Partie bei der Analyse am Handy erwischt wird. „Die Glaubwürdigkeit des Wettkampfschachs steht auf dem Spiel“, warnt Yuri Garrett von der Berufsspielervereinigung ACP. Sie hat bei der Fide eine gemeinsame Kommission durchgesetzt. Diskussionsstoff boten die letzten Monate genug.

          Der Italiener Loris Cereda wurde als „lokaler Kasparow“ gefeiert, bis in einer Sonnenbrille, die er am Brett trug, eine Mikrokamera entdeckt wurde. Mutmaßlich, um einem Helfer seine aktuelle Stellung zu übermitteln. Der Italienische Schachverband wollte Cereda lebenslang ausschließen. Doch ein Berufungsgericht fand einen Betrug nicht erwiesen und hob die Sperre auf. Falko Bindrich geriet während einer Bundesligapartie unter Verdacht. Nachdem sich der frühere Nationalspieler innerhalb einer Stunde dreimal in die Toilette eingesperrt hatte, forderte der von seinem Gegner alarmierte Schiedsrichter die Herausgabe seines Smartphones.

          Der Unparteiische wollte prüfen, ob eine Schachsoftware aktiviert war. Bindrich weigerte sich. Auf dem Gerät seien heikle private und Firmendaten. Der Deutsche Schachbund wertete es wie eine verweigerte Dopingprobe. Die zweijährige Sperre wurde von einer Schiedsstelle allerdings aufgehoben. In der Spielordnung der Bundesliga war die Sanktion nicht vorgesehen. Inzwischen haben der Verband und die Liga ihre Spielordnungen überarbeitet.

          Die selben Züge wie Houdini

          Die größten Wellen schlug der Fall Borislaw Iwanow. Der Klubspieler besiegte auf einmal Großmeister reihenweise, gewann Opens in Kroatien, Bulgarien und Spanien. Rasch zeigte sich, dass Iwanow dabei nahezu genau jene Züge spielte, die das führende Schachprogramm Houdini vorschlägt. Doch ein Übermittlungsweg wurde nicht entdeckt. Als sich immer mehr Gegner weigerten, gegen Iwanow anzutreten, wollte der bulgarische Schachverband seine Spielstärke testen. Iwanow blieb der angesetzten Prüfung fern. Eine bis September ausgesprochene Sperre focht er vergeblich vor einem Zivilgericht an. Als Wink mit dem Zaunpfahl fügte der Verband an, Iwanow könne nach der Sperre überall spielen, wo er zugelassen werde.

          Was auf den Bulgaren zukommt, kennt Jens Kotainy bereits. Bei einem Turnier in Dortmund wurde er abgewiesen. Der Bundesligaklub SF Katernberg hat ihn auf Druck seiner Mitspieler abgemeldet. Beim Oster-Open in Deizisau hatte der Hohenlimburger Abiturient praktisch wie Houdini gespielt, wenn seine Partie online übertragen wurde. Bei Bundesligakämpfen eine Woche später fiel das gleiche auf. Kaum war die Übertragung wegen einer Panne unterbrochen, zeigte Kotainys Spiel menschliche Züge.

          Forderung nach Sperren

          Steht eine Partie live im Internet, reicht es, wenn ein Helfer den besten Zug analysiert und an einen Sensor irgendwo auf der Haut sendet. Es genügt sogar, wenn gezielt stärkste Züge, die nicht offensichtlich sind, signalisiert werden. Um Betrug zu erschweren will die Bundesliga ihre Partien künftig zeitversetzt ins Netz stellen.

          Beim „Sparkassen Chess Meeting“, das dieser Tage wieder im Dortmunder Schauspielhaus läuft und nach vier Runden vom Russen Wladimir Kramnik und dem Engländer Michael Adams angeführt wird, ist die verzögerte Übertragung seit Jahren Standard. Kotainy verteidigt sich damit, dass mit dem Computer aufgewachsene und trainierende Spieler öfter Computerzüge machen als ältere Spieler. Doch seine Übereinstimmung mit Houdinis erster Wahl dürfte binnen kurzem von deutlich unter fünfzig Prozent auf über neunzig Prozent gesprungen sein. Weltklassespieler entscheiden sich gemittelt in sechzig Prozent der Stellungen wie das führende Schachprogramm.

          Viele Profis fordern inzwischen, überführte Computerbetrüger lebenslang zu sperren. Andere Formen des Betrugs, etwa geschobene Resultate, spielen in der Diskussion fast keine Rolle mehr. Wenige haben bemerkt, dass Schachwetten nahezu aus dem Angebot der Buchmacher verschwunden sind. Eine wichtige Rolle spielten verdächtige Einsätze, die sich 2009 auf den Trainingspartner eines beteiligten Großmeisters zurückführen ließen. Gespielt wurde in Dortmund.

          Quelle: F.A.Z.

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