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Schach-Sekundant Kasimdschanow : Eine Million Züge im Kopf

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Der Spitzenspieler und sein Sekundant: Rustam Kasimdschanow (links) und Fabiano Caruana Bild: Maria Emelianova/Chess.com

Fabiano Caruana ist auf dem besten Weg zum Sieg beim Schach-Kandidatenturnier in Berlin. Das liegt nicht nur am Amerikaner selbst. Rustam Kasimdschanow ist der wertvollste Sekundant der Welt.

          Der Grund, warum das Lager von Weltmeister Magnus Carlsen mit Fabiano Caruana als nächstem Herausforderer rechnet, heißt Rustam Kasimdschanow. Der usbekische Großmeister ist für Caruana mehr als ein Sekundant. Er ist sein engster Freund, manchmal sein Chauffeur und seit gut drei Jahren ständiger Trainer des Amerikaners, der beim Kandidatenturnier der Schach-WM in Berlin nach neun von 14 Runden mit sechs Punkten führt und an diesem Donnerstag auf den Zweitplatzierten Schachrijar Mamedscharow trifft. Andere Spieler wechseln ihre Sekundanten und Trainingspartner häufig, um ständig Neues zu lernen. Caruana hat lieber einen Vertrauten, auf den er sich voll und ganz verlässt.

          „Unsere Arbeit bleibt größtenteils ungesehen“, berichtet Kasimdschanow. Ständig müsse er das gesamte Repertoire seines Spielers auf dem aktuellen Stand halten. Eine Variante einer Eröffnung umfasse typischerweise 10 000 Züge. Bei hundert Varianten, die im Repertoire von Caruana eine Rolle spielen, kommt man auf eine Million Züge, die sein Spieler im Kopf haben muss. „Die Vorbereitung wird immer schwieriger, weil die Menge des Wissens nur wächst.“ Fast täglich gehöre das Wiederholen zum Training. „Das bedeutet viel monotones Durchclicken am Computer bei großer Verwechslungsgefahr, denn computergenerierte Züge lassen sich am Brett praktisch nicht finden“, sagt Kasimdschanow. Caruana hat zwar ein ausgezeichnetes Gedächtnis, aber nicht so ein gutes wie Carlsen. Zum Glück reiche es, wenn sein Spieler am Brett etwas mehr weiß als der Gegner. Also wenn die eigene Vorbereitung an der Reihe ist. Wie in jenem Wettkampf, auf den Kasimdschanows Ruf als wertvollster Sekundant der Welt zurückgeht.

          2008 für Anand tätig

          Vor und während der Schach-WM 2008 in Bonn tüftelte er für Viswanathan Anand jene Eröffnungszüge aus, mit denen der Inder seinen Titel gegen Wladimir Kramnik verteidigte. „Der Kampf ist wie ein Traum gelaufen. Ein bisschen Glück gehört immer dazu“, beschreibt Kasimdschanow, wie sich Kramnik damals auf die von ihm vorbereiteten Zugfolgen einließ. Anands Angebot, für ihn zu arbeiten, sei völlig überraschend gekommen. Es war sein erstes Engagement als Trainer. Mit damals 28 Jahren war er ja im besten Spieleralter. Mit 18 war er erstmals in der Schach-Bundesliga in Erscheinung getreten. Ein paar Jahre später übersiedelte er von Taschkent erst nach Solingen und dann nach Ruppichteroth bei Siegburg, wo er mit seiner Frau und zwei Söhnen lebt, wenn er nicht gerade mit Caruana unterwegs ist.

          2004 gewann er als Außenseiter die im K.o.-Modus ausgetragene Fide-Weltmeisterschaft. Darauf folgten Einladungen zu interessanteren Turnieren, doch seine Leistungen stagnierten. Was auch daran lag, dass ihn Fehler am Brett ins Grübeln brachten. „Fast alle Topspieler sind gut darin, mit einer Partie schnell abzuschließen. Fabiano kann das viel besser, als mir das je gelungen ist.“ In der Weltspitze könne heute jeder jeden schlagen, erklärt Kasimdschanow, dass inzwischen nahezu alle mit Niederlagen besser zurecht kommen. „Das Hollywood-Image vom emotional anfälligen Schachgenie trifft überhaupt nicht zu.“ Als sein zweiter Sohn geboren wurde, nahm er sich eine Auszeit vom Turnierschach. In diese fiel Anands Angebot. „Damals waren die Computer noch nicht so stark wie heute, in der Analyse musste man viel mehr steuern. Als erfahrenster Spieler im Team war das meine Aufgabe“, erklärt Kasimdschanow, warum die Wahl auf ihn fiel. Über den damaligen Weltmeister hat er nur Lob übrig.

          Gemeinsames Joggen

          Die Arbeit im Team schildert er als „ganz natürlich und organisch. Wenn wir abends gingen, hat Vishy oft weiter analysiert. Wenn wir morgens kamen, war er schon bei der Arbeit.“ Bei dessen WM-Siegen gegen Topalow und Gelfand war Kasimdschanow noch dabei. Ihre Wege trennten sich, bevor Anand den Titel an Carlsen verlor. Dazwischen lagen kurze Engagements für das deutsche Nationalteam, dem er 2011 als Eröffnungstrainer maßgeblich half, Europameister zu werden. Selbst für Deutschland anzutreten, kam für ihn nie in Frage. Usbekistan, das seine Entwicklung im Schach unterstützte und wo ein großer Teil seiner Familie lebt, fühlt er sich unverändert verbunden. Beim Kandidatenturnier 2014 sekundierte er Sergei Karjakin.

          Dann kam Caruana. Zwischen Turnieren in Europa wohnt der Amerikaner oft bei Kasimdschanow. Zusammen gehen sie joggen oder schwimmen, auch Yoga verbindet sie. „Ich bin kein Psychologe. Ich spreche Fabiano auch nicht auf Fehler an. Nur, wenn ich denke, dass ihm etwas nicht aufgefallen ist.“ In der Sowjetunion sozialisierte Trainer übten oft besonderen Druck aus, „als ob der Spieler ihnen schulde, fehlerfrei zu spielen. Da ich selbst Spieler bin, weiß ich, wie schwer Schach ist.“

          Obwohl er wegen des Kandidatenturniers und der Vorbereitung darauf schon sechs Wochen praktisch keinen freien Tag hatte, will Kasimdschanow gleich anschließend in Karlsruhe spielen: „Eigentlich müsste ich Urlaub machen. Aber ich vermisse das Spielen. Es ist das stärkste Open in Deutschland, und mein Klub organisiert es.“ Wird er dann aus den Analysen für Caruana Profit schlagen? Unwahrscheinlich, meint er. „Ich kann mich an das Wenigste davon erinnern.“

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