01.06.2010 · Der ehemalige Schachweltmeister Karpow will Präsident des Weltschachbundes werden. Sein Konkurrent, der noch amtierende „König“ Iljumschinow, hat aber gute Kontakte bis in den Kreml. Nun ist der Wettstreit eskaliert.
Von Alexander ArmbrusterAnatoli Karpow greift abermals nach der Krone. Der ehemalige Schachweltmeister will vom Schachspiel in dessen Organisation wechseln und Präsident des Weltschachverbands (Fide) werden. Das Vorhaben könnte die härteste und längste Partie seines Lebens werden. Denn außer ihm tritt zur Wahl Anfang Oktober der seit 15 Jahren amtierende Fide-Präsident Kirsan Iljumschinow an, das Oberhaupt der russischen Teilrepublik Kalmückien, der gute Kontakte hat - bis in den Kreml hinein.
Beide Kandidaten buhlen gerade um die nationalen Verbände. Der Deutsche Schachbund hat sich bereits auf Karpow festgelegt und ihn sogar zu seinem Kandidaten gemacht. Das ist möglich, weil Karpow auch Mitglied in einem deutschen Schachklub ist, der Schachvereinigung 1930 Hockenheim. Dafür unterstützt der 59 Jahre alte russische Großmeister die Kandidatur des Präsidenten des Deutschen Schachbunds, Robert von Weizsäcker, der Chef der Europäischen Schachunion (ECU) werden möchte und in dieser Position zugleich stellvertretender Fide-Präsident würde.
Karpow: „Was passierte, war eindeutig illegal“
Unklar wie brisant ist indessen, wie sich die Russische Schachföderation, Karpows Heimatverband, verhalten wird. In Moskau tobt momentan ein Machtkampf, wie ihn die Schachwelt selten erlebt hat. „Was sich dort in den vergangenen Wochen zutrug, war wahrscheinlich kriminell“, sagte Karpow gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Bisher passierte Folgendes: Am 21. April dieses Jahres teilte Arkadi Dworkowitsch, der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Russischen Schachföderation, während einer Pressekonferenz in Moskau mit, der Verband habe Kirsan Iljumschinow für das Amt des Fide-Präsidenten nominiert. Karpow schrieb einen Tag später in einem auf seiner Internetseite www.karpov2010.org veröffentlichten Brief, dass Dworkowitsch dazu nicht befugt gewesen sei. Laut Statuten könne darüber nur per Abstimmung in einer Sitzung des 32 Mitglieder umfassenden Gremiums entschieden werden. Dworkowitsch berief daraufhin eine entsprechende Zusammenkunft für den 14. Mai ein. An dem Treffen selbst nahmen dann aber weder er noch sein Kandidat Iljumschinow teil. Von den anwesenden Gremienmitgliedern stimmten siebzehn für Karpow, was selbst bei voller Besetzung die Stimmenmehrheit gewesen wäre.
Fide-Präsident Iljumschinow warf Karpow in der Folge vor, Delegierte getäuscht zu haben, woraufhin Karpow die Rechtmäßigkeit der Abstimmung bekräftigte. Danach eskalierte die Situation: Am 20. Mai sollen Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes das Büro der Russischen Schachföderation übernommen und dabei sowohl die Computer beschlagnahmt als auch den Geschäftsführer des Verbandes, Alexander Bakh, seines Amtes enthoben haben. „So eine Maßnahme darf nur von der Polizei durchgeführt werden auf Anordnung eines Gerichtes. Was passierte, war eindeutig illegal“, sagte Karpow. Er bezichtigt Dworkowitsch der „feindlichen Übernahme“ der Kontrolle des russischen Schachverbandes - und auch von dessen Internetseite. Dort ist Dworkowitschs Gesicht zu sehen und ein Text, in dem er die Versammlung, auf der Karpow nominiert wurde, wegen Verfahrensfehlern für nicht bindend erklärt. Auf der englischen Übersetzung der Seite wird hingegen kurioserweise die Blitzschachweltmeisterschaft des Jahres 2007 angekündigt.
Karpow und Kasparow stehen Seite an Seite
Wie es weitergeht, ist ungewiss. Karpow führt das Abstimmungsergebnis an und pocht darauf, dass er der demokratisch legitimierte Kandidat Russlands sei. Dworkowitsch auf der anderen Seite hat qua seines Amtes nicht nur Einfluss auf den russischen Schachverband, sondern auch einen direkten Kontakt zum russischen Staatspräsidenten Dmitrij Medwedjew, dessen oberster Wirtschaftsberater er ist. Der Kreml selbst habe bisher (offiziell) jedoch nicht Partei für eine der beiden Seiten ergriffen, teilte einer der wichtigsten Unterstützer Karpows dieser Zeitung mit - der ehemalige Schachweltmeister und russische Oppositionspolitiker Garri Kasparow.
Dass Karpow und Kasparow nun Seite an Seite kämpfen, nachdem sie sich über zwanzig Jahre auf und neben dem Schachbrett gegenüberstanden, erstaunt Schachspieler auf der ganzen Welt. Beide sind nach wie vor hoch angesehen und haben erst kürzlich zusammen mit dem norwegischen Shootingstar Magnus Carlsen in New York um Spendengelder für Karpows Wahlkampf geworben. Ob sie diese Partie allerdings gewinnen, wird sich erst zeigen. Die Stellung ist, schachlich gesprochen, im Moment äußerst unklar.