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Schach Die kalten Krieger sind milde geworden

21.09.2009 ·  Es war der kälteste aller Kriege am Schachbrett. Und der längste. Erst nach 14 Monaten und 72 Schachpartien war der Champion ermittelt. 25 Jahre nach ihrem legendären Duell treffen Karpow und Kasparow noch einmal aufeinander.

Von Christian Eichler, Valencia
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Es war der kälteste aller Kriege am Schachbrett. Und der längste. Als sich am 10. September 1984 der 33-jährige Weltmeister Anatoli Karpow und sein 21-jähriger Herausforderer Garri Kasparow in Moskau ans Schachbrett setzten, hieß der Herr über den benachbarten Kreml und das größte Reich der Welt Konstantin Tschernenko – ein altersschwacher Hardliner altkommunistischer Prägung. Fünf Monate später gab es immer noch keinen Sieger zwischen dem Lieblingszögling des russischen Schachregimes und dem jungen, aufsässigen Aufsteiger aus Baku.

Karpow war zwar 5:0 in Führung gegangen, hatte aber den nötigen sechsten Sieg nicht erzielen können, denn Kasparow stellte seine Spielanlage um und verlor ab der 27. Partie einfach nicht mehr. Er kam auf 1:5 heran und dann, mit zwei Siegen in der 47. und 48. Partie, sogar auf 3:5 – da brach Florencio Campomanes, der Präsident des Schach-Weltverbandes, die Partie „ohne Sieger“ ab und kündigte eine Neuansetzung an. Er tat das auf Antrag des sowjetischen Verbandes – und gegen den Willen von Kasparow. Er wolle die Spieler schützen, so Campomanes, vor allem aber meinte er damit wohl Karpow, der im Verlauf des mehr als fünfmonatigen Marathon-Matches zehn Kilo abgenommen hatte. So wurde Campomanes ein dauerhaftes Feindbild für Kasparow, der sich acht Jahre später vom Weltverband löste und eine Konkurrenz-WM schuf, die die Schachwelt mehr als zehn Jahre lang spaltete.

Nach 14 Monaten und 72 Schachpartien hieß der Champion Kasparow

Knapp ein Jahr nach dem ersten Zug saßen sich die beiden Gegenpole des sowjetischen Schachs noch einmal gegenüber, um endlich einen Sieger zu ermitteln. Kasparow entschied das Duell mit einem brillanten Sieg in der 24. und letzten Partie. Es war der 9. November 1985. Nach 14 Monaten und 72 Schachpartien hieß der Champion Kasparow, der jüngste Weltmeister der Schachgeschichte. Und nebenan im Kreml saß nicht mehr der Betonkopf Tschernenko, sondern Michail Gorbatschow.

Garri Kasparow, geboren als Garik Weinstein, Sohn einer Armenierin und eines deutschstämmigen Juden, war immer einer, der an Widerständen wuchs. Die boten ihm die Mächte der Sowjetunion reichlich, nachdem er sich geweigert hatte, seine Analysen Karpow 1981 im WM-Duell mit dem emigrierten Regimekritiker Viktor Kortschnoi zur Verfügung zu stellen, so wie es die sowjetische Schachführung von ihren Großmeistern verlangt hatte. Zwei Jahre später verhinderten die sowjetischen Behörden seine Reise zum Halbfinalduell um die WM-Herausforderung, wodurch Kasparow aus dem Rennen gewesen wäre, hätte nicht sein Gegner Kortschnoi fairerweise eine Neuansetzung vorgeschlagen. Kasparow gewann überlegen, ebenso das Kandidatenfinale gegen Wassili Smyslow.

Als er gegen Karpow nach schwachem Start am Drücker war, wurde das Duell abgebrochen, was Kasparow später als „Komplott“ durch Campomanes, Karpow und die sowjetische Schachführung bezeichnete. Und selbst als er den Titel schließlich gewonnen hatte, war es nicht genug: Weil der Weltverband das verstaubte Privileg des Titelverteidigers auf eine Revanche wiederbelebt hatte, musste Kasparow Karpow 1986 gleich noch einmal besiegen.

Fünf WM-Duelle mit insgesamt 144 Partien in der der „k. u. k.“-Ära

Es folgten zwei weitere WM-Kämpfe der „k. u. k.“-Ära des Schachs, und immer triumphierte der junge, aggressive, kombinationsfreudige Stil Kasparows knapp über das vorsichtige Kontrollspiel Karpows. Im vergangenen Jahr veröffentlichte Kasparow ein Buch über ihre fünf WM-Duelle, 144 Partien von 1984 bis 1990, deren Einfluss auf die Schachwelt kaum zu überschätzen ist – vor allem der ihres Mammut-Matches 1984/85. Das weltweite Interesse am Schach, das nach Bobby Fischers Abtritt erlahmt war, erwachte damals wieder, viele hochklassige Turniere wurden ins Leben gerufen, und eine neue Generation von Spielern orientierte sich an dem Stil und Niveau des Duells, das dem Kampf um die WM-Krone eine neue Qualität gegeben hatte.

Nun treffen sich die eiskalten Antipoden von einst als milde Männer mittleren Alters wieder – bei einer Wiederholung des Duells ab diesem Montag in Valencia, 25 Jahre danach. „Es ist schön, dass sich der spanische Verband an dieses Jubiläum erinnert“, sagte Kasparow, der seine Energie nach 15 Jahren als Weltmeister nun auf seine Arbeit als Oppositionspolitiker in Russland und neuerdings auch auf die als Trainer des norwegischen Nachwuchsgenies Magnus Carlsen konzentriert. Die Partien gegen Karpow, der noch viel länger als Kasparow nicht mehr auf dem alten Niveau spielt, seien „wie ein Ausflug in meine Jugend“. Ein Marathon wie einst in Moskau ist allerdings ausgeschlossen: Es sind lediglich drei Abende mit Kurz- und Blitzpartien angesetzt.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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