14.10.2009 · Das 18 Jahre junge Talent Magnus Carlsen verblüfft die Schachwelt mit einem Rekordsieg. Der Schützling des ehemaligen Weltmeisters Garri Kasparow ist damit auf dem besten Weg, seinem Lehrer nachzueifern.
Von Stefan LöfflerMagnus Carlsen verblüfft die Schachwelt. Um zweieinhalb Punkte deklassierte er in Nanking das übrige, immerhin vom Weltranglistenersten Wesselin Topalow angeführte Feld. Dass Carlsen ein exzellenter Positionsspieler ist und Kämpferqualitäten besitzt, war schon früher bekannt. In China legte er seine Partien zudem schärfer an als bisher und fuhr exzellent damit. Seine über zehn Runden erspielte Leistung ist mit 3002 Elopunkten der höchste bisher gemessene Auftritt in einem hochrangigen Wettbewerb. Spielte Carlsen beständig auf diesem Niveau, würde er mit dieser rund zweihundert Punkte über den Besten liegenden Wertungszahl geführt.
Dabei ist der Blondschopf aus Lommedalen bei Oslo erst 18 Jahre und zehn Monate alt. Erst seit gut neun Jahren beschäftigt er sich mit Schach. Die meisten Spitzenleute haben zwischen dem fünften und siebten Lebensjahr begonnen. Nun schießen die Spekulationen ins Kraut, wie weit Carlsen es im Schach noch bringen kann. Vor der Abreise nach China wagte sich der unprätentiöse Norweger für seine Verhältnisse weit vor: „Seit ein paar Jahren denke ich, dass ich das Potential habe, Weltmeister zu werden“, sagte Carlsen in der schwedischen Talkshow „Skavlan“.
Kasparow erwartet Wunderdinge
Die in ihn gesetzten Erwartungen liegen höher. Vor allem seitens Garri Kasparows, der ihn bei dem Fernsehauftritt begleitete. Der frühere Weltmeister glaubt, dass Carlsen Schach auf ein höheres Niveau bringen kann. Vier Jahre nach seinem eigenen Rückzug vom Profischach hat der Russe begonnen, ihn zu trainieren. Ihre ersten Treffen im Frühjahr und Sommer wurden geheim gehalten. Der Erfolg stellte sich auch nicht unmittelbar ein. Carlsens frühere Resultate in diesem Jahr waren durchwachsen. Im September dann machten sie ihre Zusammenarbeit publik. Kasparow reiste zwar nicht mit nach Nanking, half aber aus der Ferne mit Analysen und persönlichen Einschätzungen der Gegner. „Er hat das meiste Wissen über Schach und über die Psychologie“, schwärmt Carlsen.
Als fünfter Spieler nach Kasparow, Kramnik, Topalow und Anand, aber weit jünger als alle seine Vorgänger, überschreitet Carlsen die Marke von 2800 Punkten in dem auf den ungarischen Mathematiker Arpad Elo zurückgehenden Wertungssystem. Mit 2801 Zählern trennen ihn noch neun Punkte von Topalow. Die höchste jemals geführte Elozahl 2851 erreichte Kasparow 1999. Dass Carlsen den von seinem Trainer gesetzten Rekord brechen wird, gilt unter dem Eindruck von Nanking als ausgemachte Sache. Die Frage ist nur: wann?
Schon mit 20 Weltmeister?
Allerdings kommt ihm eine inflationäre Tendenz entgegen. Die durchschnittlichen Elozahlen der Weltspitze legen Jahr für Jahr um bis zu fünf Punkte zu. In den achtziger Jahren waren Kasparow und Anatoli Karpow die einzigen Spieler, die mit mehr als 2700 Punkten geführt wurden. Heute sind es mehr als dreißig. Carlsens Leistung in China ist nominell zwar rekordverdächtig, aber nicht höher zu bewerten als das Niveau von Karpows erstem Platz 1994 in Linares oder Topalows WM-Sieg 2005. Als Höchstleistung über eine längere Periode sticht Kasparows Serie über 36 Partien in Wijk aan Zee, Linares und Sarajevo im Jahr 1999 heraus.
Kasparow wurde 1985 mit 22 Jahren jüngster Weltmeister. Carlsen könnte es schon mit zwanzig schaffen. Vorausgesetzt, der Weltschachbund hält seinen selbstgesetzten Zeitplan ein: Im April ist der nächste WM-Kampf zwischen Titelverteidiger Viswanathan Anand und Topalow angesetzt. Vor Ende 2010 soll der nächste Herausforderer ermittelt werden. Seinen Platz unter den Kandidaten hat Carlsen als Zweiter der Weltrangliste nun sicher.