Ob die Idee so richtig Ernst gemeint war, kann Vic Fangio selbst nicht mehr genau sagen. Auf jeden Fall klingt sie im Nachhinein gut. Als die San Francisco 49ers Ende Juli ihr Trainingscamp begannen, verteilte der Defensive Coordinator die dicken Ordner mit hunderten Spielzügen an seine Verteidiger. Alles wie gehabt eigentlich, bis auf ein kleines Detail.
Auf dem Deckel hatte Fangio ein Bild von Justin Smith angebracht. Der Defensive End stand vor seiner elften Saison in der National Football League (NFL) und hatte dennoch erst ein Playoff-Spiel vorzuweisen. „Unser Ziel war es, ihn wieder in die Playoffs zu bringen und das haben wir geschafft”, sagte Fangio kürzlich. Ein gewisser Stolz war nicht zu überhören.
Zu Saisonbeginn hatte niemand daran geglaubt, dass sich unter den letzten vier Playoff-Teams neben den New England Patriots, den New York Giants und den Baltimore Ravens auch die San Francisco 49ers befinden würden. Ein Heimsieg an diesem Montag (0.30 Uhr MEZ) gegen New York trennt den Klub noch von der sechsten Super-Bowl-Teilnahme. Dabei hatte man seit 2003 keine Saison mehr mit einer positiven Bilanz abgeschlossen, von den 128 Spielen nur 46 gewonnen.
Und als am 7. Januar 2011 mit Jim Harbaugh ein neuer Trainer verpflichtet wurde, brachen die in Lethargie verfallenen Niners-Fans nicht gerade in Begeisterung aus. Harbaugh hatte zwar 15 Jahre NFL-Erfahrung als Quarterback, seine Vita als Cheftrainer las sich jedoch bescheiden: drei Jahre University of San Diego, anschließend vier Jahre Stanford University.
„Stoße alles und jeden, stoße hart“
Aus der Lethargie ist längst Leidenschaft geworden. Harbaugh sorgte für eine Saison, wie sie San Francisco seit 1997 nicht mehr erlebt hat. Er vertraute dem nervenschwachen Quarterback Alex Smith und verpasste der Mannschaft das simple Mantra: „Stoße alles und jeden, stoße hart, stoße als Erster und stoße oft.” Beides zahlte sich aus. Smith hat mit fünf Interceptions die wenigsten Fehlpässe aller Quarterbacks geworfen, und die Defensive ist die zweitbeste der Liga; sie erlaubte den Gegnern im Schnitt lediglich 14,3 Punkte pro Begegnung.
Zudem überragte Kicker David Akers. Der Linksfuß spielte 1999 für die Berlin Thunder in der NFL Europe und erzielte mit 44 verwandelten Field Goals in dieser Saison ebenso viele Punkte wie der legendäre Wide Receiver Jerry Rice 1987 mit seinen 22 Touchdowns. Von den 16 Vorrunden-Spielen gewann San Francisco 13, und kam damit auf Platz zwei in der National Football Conference (NFC), was gleichbedeutend mit einem Freilos zum Playoff-Auftakt war.
Im Viertelfinale vor einer Woche gab es erstmals seit dem 5. Januar 2003 wieder ein Heimspiel, und mit dem 36:32 gegen die New Orleans Saints gelang dabei gar den ersten Sieg seit neun Jahren. Als Tight End Vernon Davis neun Sekunden vor Spielschluss einen 14 Yard-Pass von Alex Smith zum siegbringenden Touchdown fing, brach das 115 Kilo schwere Muskelpaket in Tränen aus, lief heulend auf Harbaugh zu und weinte an dessen Schulter weiter.
Davis sprach von einem „sehr emotionalen Spiel”. So viele Jahre, meinte er schluchzend, habe es immer so viele Zweifel gegeben. Dass diese ausgerechnet von ihm und Smith beseitigt wurden, passte ins Bild an diesem 14. Januar im Candlestick Park von San Francisco. Der Quarterback spielt seit 2005 für den Verein, Davis ist ein Jahr später hinzugekommen. Der goldene Glanz war da längst verflogen, die Aura der Achtziger hatte sich zu einem zu großen Ballast entwickelt.
Legendäre Spiele, grandiose Aufholjagden
San Francisco 49ers, das steht trotz vieler Jammer-Jahre immer noch für Football-Feste, fünf Super-Bowl-Siege von 1981 bis 1994, für Mythos, Magie und Montana - Joe Montana. Als der Quarterback 1979 zum Verein kam, hatte die Mannschaft gerade eine 2:14-Punkte-Saison hinter sich. Zwei Jahre später war San Francisco erstmals Champion. Es folgten legendäre Spiele, grandiose Aufholjagden, traumhafte Pässe auf Jerry Rice, mit dem Montana die effektivste „Touchdown-Maschine“ der Liga bildete. Die Niners waren die Dynastie der Achtziger und Montana eine Legende.
Eishockey hatte in dieser Zeit Wayne Gretzky, die Basketballer Magic Johnson und Larry Bird und die NFL „Golden Joe”. American Football besaß damals noch nicht den Stellenwert wie heute - und dennoch war Montana überall bekannt, sogar in Deutschland. Am 3. August 1991 gastierten die Niners für ein Vorbereitungsspiel gegen die Chicago Bears im Berliner Olympiastadion. An jenem Samstag drängten sich 66.876 Zuschauer in die Arena, um die großen Namen, die sie bis dahin nur aus der Presse kannten, live zu sehen.
Es war das Wochenende, an dem die Fußball-Bundesliga in ihre neue Saison startete, doch nirgendwo strömten so viele Menschen ins Stadion, wie in Berlin. Football statt Fußball - und das im Land des damaligen Weltmeisters - Montana machte es möglich. Nach dem 21:7-Sieg war der Superstar Gast im Aktuellen Sportstudio, das seinetwegen aus Berlin gesendet wurde. Die Torwand hatte Moderator Günther Jauch auch mitgebracht, auf die der Amerikaner jedoch nicht wie üblich mit einem Fußball schoss, sondern das Football-Ei warf.
Mittlerweile ist Montana 55 Jahre alt und erfreut über die Entwicklung der neuen Niners, insbesondere von Alex Smith. „Du kannst nicht immer einen großartigen Spielzug erzwingen. Manchmal musst du Geduld haben, das hat Alex und das ist der Schlüssel zur Offensive”, sagt Montana. In San Francisco sprechen viele mittlerweile vom Beginn einer neuen Ära. Von einem abermaligen Goldrausch zu reden, wäre sicherlich übertrieben. Aber zumindesten sind die Goldhosen zurück - und ihre Fans so berauscht wie seit langem nicht mehr.