27.10.2009 · Leichter, ausgeruhter und offenbar stärker: Basketballstar Dirk Nowitzki hat alles getan, um den Traum vom NBA-Titel zu erreichen. Sein Klub aus Dallas nicht. In der Nacht zum Mittwoch beginnt die Saison gegen die Washington Wizards.
Von Jürgen Kalwa, New YorkWenn man mit Mühe und Not die Play-offs in der NBA erreicht, kann man daraus eine simple Lektion ableiten: Die Mannschaft braucht Verstärkung. Je mehr, desto besser. Doch in der besten Basketball-Liga der Welt kann man sich nicht einfach seine Wunschspieler zusammenkaufen. Das verhindern die Restriktionen bei den Personalausgaben, über die eine möglichst große Leistungsbalance unter den 30 Mannschaften angestrebt wird. Mit Geld allein kommt man nicht zum Erfolg.
So standen den Dallas Mavericks im Laufe des Sommers nicht sehr viele Optionen offen, um Dirk Nowitzki Nebenleute zu besorgen, die aus einer mittelmäßigen Truppe einen ernsthaften Titelanwärter machen. Am Ende verbuchte Dallas nur einen wirklich bemerkenswerten Neuzugang: den 31-jährigen Shawn Marion, einen sprint- und sprungstarken Spieler mit einem Riecher für Rebounds. Allein das Alter des Spielers und die günstigen finanziellen Konditionen seiner Anstellung (7,9 Millionen Dollar pro Jahr) illustrieren jedoch, dass es die Mavericks wieder nicht geschafft haben, erste Wahl zu verpflichten. Marion, Spitzname „The Matrix“, ist über seinen Zenit hinweg.
So ragte mal wieder einer zu Beginn des Trainingslagers ganz besonders aus der Truppe der langen Kerls heraus: der 2,13 Meter lange Dirk Nowitzki. Der Würzburger wirkt entspannt wie lange nicht mehr, ausgeruhter als früher. Erstmals hatte er – auf Druck seines Vereinsbesitzers Mark Cuban – auf eine Teilnahme an einer EM mit der Nationalmannschaft verzichtet. Nach einem ausgiebigen Urlaub und der privaten Vorbereitung in der Heimat nahm er mit lockigen, langen Haaren die Mannschaftsvorbereitung auf seine zwölfte NBA-Saison in Angriff. Sie beginnt für Nowitzki an diesem Dienstag mit dem Spiel gegen die Washington Wizards.
Gepuzzelt wurde bei den stärksten Teams kaum
Am Umbau der Mannschaft hatte Nowitzki nichts auszusetzen. „Ich denke, wir haben einige wichtige Teile zum Puzzle hinzugefügt“, sagt er. So etwas Ähnliches hört man von Nowitzki vor jeder Saison. Positiv denken nennt man das. Erwartungen wecken, damit das Publikum in Dallas nicht murrt und womöglich den Verdacht schöpft, die teuren Stars leisteten nur Dienst nach Vorschrift. Alles nach dem Motto: Vom Gewinn der Meisterschaft träumen muss erlaubt sein.
Tatsächlich ist die Konkurrenz in der Western Conference auch in diesem Jahr mehr als formidabel. Gepuzzelt wurde bei den stärksten Teams kaum. Der Titelverteidiger Los Angeles Lakers, schon in der vergangenen Saison vorzüglich besetzt, konnte nicht nur einen Star wie Lamar Odom mit einem neuen Vertrag halten, sondern verstärkte sich mit einem echten „game changer“ – mit dem abwehrstarken und ehrgeizigen Ron Artest. Auch bei den jungen und doch schon ziemlich abgeklärten Profis der Portland TrailBlazers müssen keine Teilchen mehr zusammengefügt werden.
Genauso wenig wie die Denver Nuggets, die im Frühjahr die Mavericks aus den Play-offs warfen, oder die San Antonio Spurs, die Hauptkonkurrenten der Mavericks in der Southwest Division. Diese vier Klubs bieten allesamt mehr Substanz als das Team von Cuban, der sich neuerdings freimütig mit den vermeintlichen Segnungen von anabolen Steroiden beschäftigt und einer kontrollieren Freigabe unter ärztlicher Aufsicht das Wort redet. Ein Thema, das in der NBA bislang noch niemand offen angesprochen hat.
„Dirk ist besser in Form als in den vergangenen Jahren“
Solche Ausflüge wirken nicht einmal ungeschickt. Sie lenken von den Bemühungen des Trainers Rick Carlisle ab, eine Mannschaft mit einem hohen Altersdurchschnitt in einen Eilzug zu verwandeln. Aufbauspieler Jason Kidd ist 36 Jahre alt, Center Erick Dampier 34, der Wurfspezialist Jason Terry 32. Wie kann man mit dieser in die Jahre gekommenen Riege Tempo machen, bei der Beschleunigung des Basketballs Schritt halten?
An Dirk Nowitzki soll es nicht liegen. Mit Hilfe seines Managers und persönlichen Trainers Holger Geschwindner drückte der Star des Teams sein Gewicht um sieben Kilogramm. Carlisle war von dem Resultat beeindruckt: „Dirk ist besser in Form als in den vergangenen Jahren um diese Zeit.“ In fünf Vorbereitungsspielen bewies er mit einer Trefferquote von mehr als fünfzig Prozent seine Form: „Ich merke deutlich den Unterschied. Normalerweise brauche ich etwas Zeit, bis ich wieder ins Rollen komme. Aber in dieser Saisonvorbereitung hatte ich mehr Energie als je zuvor.“
Dirk Nowitzki: „Ich will auf jeden Fall in Dallas bleiben“
Gleichzeitig entlastete ihn die Entwicklung der leidigen Affäre rund um seine ehemalige Verlobte. Die Dame ist im Sommer wegen Betrugs und Verstoß gegen Bewährungsauflagen zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurden. Ihre angebliche Schwangerschaft stellte sich als Erfindung heraus. Er müsse sich „nicht irgendwie ängstigen vor der Zukunft“ und sei „eigentlich ein bisschen mehr erleichtert“, dass er sich nicht mehr auf eine Rolle als alleinerziehender Vater einstellen müsse, verriet Nowitzki der „Bunten“. Das Spiel steht längst wieder im Mittelpunkt.
Und so sieht der beste Basketballprofi Europas seine Zukunft bei den Mavericks, selbst wenn sich dort der Traum von einem Titel nicht erfüllen sollte. Nowitzki könnte nach Ablauf dieser Saison bei jedem anderen NBA-Klub anheuern und wäre sicher – selbst mit einem Gehalt von mehr als 20 Millionen Dollar pro Jahr – hoch willkommen. Doch die Loyalität zu seinem Arbeitgeber scheint groß: „Ich will auf jeden Fall in Dallas bleiben.“