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Sabine Lisicki „Ich bin eine Kämpferin“

22.01.2012 ·  Sabine Lisicki zeigt bei den Australian Open mentale Stärke. Die Berlinerin steckt Rückschläge weg und gewinnt. Nun steht sie in Melbourne vor einer großen Herausforderung.

Von Peter Penders, Melbourne
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© dapd Auf den Punkt genau topfit: Sabine Lisicki besiegt in Melbourne Swetlana Kusnezowa

Sabine Lisicki beschäftigt gleich zwei Mentaltrainer - einen bei ihrer Trainingsakademie in Florida, einen bei ihren Deutschland-Besuchen in Berlin. Die beiden Herren müssen ganze Arbeit geleistet haben in der Vergangenheit, allerdings laufen sie so langsam Gefahr, dass ihre Mitarbeit demnächst überflüssig wird.

Denn wenn ihr Schützling nach einem Spiel über die Partie spricht, dann müsste des Mentaltrainers Herz vor Begeisterung Kopfstände machen, wenn er denn zuhören könnte. „Immer nur an den nächsten Punkt denken“, so geht die Berlinerin ihrem Job nach, also immer nach vorne schauen, nie zurück, und was gewesen ist, gleich abhaken. „Ein Tennisspiel ist immer erst nach dem letzten Punkt entschieden“, sagt sie, und besser könnten das auch die mentalen Einflüsterer vermutlich nicht ausdrücken.

So eine Herangehensweise ist natürlich weder besonders originell noch exklusiv - der Menschenverstand sagt einem schon, dass dieser Weg der beste sein müsste, um ein Tennisspiel zu gewinnen. Dummerweise ist er, wie Hunderttausende Hobbyspieler und auch ein paar Dutzend Profispieler wissen, äußerst schwer einzuschlagen.

Denn es ist ausgesprochen leicht, von diesem Pfad der Tugend abzuschweifen, wenn das Gehirn noch mächtig Ärger über das gerade Erlebte signalisiert und sich die Wut aufstaut. Es gibt dann Profis wie den Zyprer Marcos Baghdatis, der bei diesen Australian Open vier Schläger in 25 Sekunden zertrümmert hat. „Das nützt doch nichts“, sagt Sabine Lisicki, „und außerdem schauen da doch auch Kinder zu.“

Fehlerhaftes Spiel

Die andere Art und Weise, mit irgendwie ärgerlichen Zwischenfällen auf dem Platz umzugehen, scheint da vielversprechender. Tennisschläger von Sabine Lisicki hätte man am Samstag im ersten Satz der Partie gegen Swetlana Kusnezowa nicht sein wollen, wenn die Besitzerin ähnlich veranlagt wäre wie der Kollege Baghdatis.

Viel mehr, als den Ball im Spiel zu halten, musste die Russin nämlich nicht machen, denn den Rest erledigte ihre deutsche Gegnerin mit ihrem fehlerhaften Spiel. Selbst der Aufschlag, von der Branche so gerühmt wie gefürchtet, war diesmal keine Hilfe, ganz im Gegenteil, er leistete brav seinen Anteil an Murphys Gesetz, und was schiefgehen konnte, ging auch schief. Die Deutsche gewann im ersten Durchgang kein Aufschlagspiel und gab den Satz 2:6 ab.

Nun wissen wir ja inzwischen, dass es gar nicht so schwer ist, solche negativen Erlebnisse hinter sich zu lassen - man denkt einfach nicht mehr daran, sondern nur an den nächsten Punkt. Klingt theoretisch extrem gut, ist aber in der Praxis zuweilen extrem irreführend, wenn der nächste Punkt genauso endet wie der vorherige. Auch das erste Aufschlagspiel im zweiten Satz ging daneben, die Russin führte schnell 2:0, nur die Lisicki-Schläger mussten weiter nichts befürchten. „Ich habe noch nie einen Schläger geworfen“, sagt sie.

Punkt um Punkt

Stattdessen hat sie die guten Stücke nach dem Spiel ganz vorsichtig in der riesigen Tasche verstaut, und irgendein fleißiger Helfer wird sie später zum Bespanner gebracht haben. Denn sie braucht sie ja alle wieder am Montag - im Achtelfinale gegen die Weltranglistenvierte Maria Scharapowa.

Die Partie gegen Swetlana Kusnezowa hatte sie 2:6, 6:4 und 6:2 gewonnen, und wie sie das gemacht hatte, war kein Geheimnis: „Ich habe gekämpft, Punkt um Punkt, immer an mich geglaubt. Ich bin eine Kämpferin“, sagte sie, und wäre man nun ihr Mentaltrainer, wäre man vermutlich sehr stolz. Vor einem Jahr war sie nach einer Verletzungspause in der zweiten Qualifikationsrunde in Melbourne gescheitert, aber aufgeben ist ihre Sache ja nicht. Mittlerweile ist sie auf Rang 15 der Weltrangliste angekommen, und der Einzug in das Achtelfinale wird sie in jedem Fall weiter voranbringen.

Es ist gut möglich, dass Sabine Lisicki auch am Montag häufig besser an den nächsten Punkt denken sollte - zumindest dann, falls Maria Scharapowa wieder ähnlich zielstrebig zur Sache gehen wird, wie sie das bislang bei diesen Australian Open getan hat. 2008 hat sie dieses Turnier gewonnen und dabei die Konkurrenz in einer Art und Weise dominiert, dass die Rangfolge in der Weltrangliste für lange Zeit geklärt schien.

Identische Verhaltensmuster

Dann aber verletzte sie sich schwer an der Schulter, und nach der nötigen Operation hat sie lange gebraucht, um zu alter Stärke zurückzufinden. Dort scheint sie nun angekommen zu sein, wie ihr 6:1- und 6:2-Erfolg über die Kielerin Angelique Kerber bewies. Das Ergebnis klingt viel deutlicher, als die 90 Minuten andauernde Partie tatsächlich war, denn im zweiten Satz hielt die Deutsche über weite Strecken bravourös mit. „Da ist es eng geworden, und das hat sie auch gespürt“, sagte Angelique Kerber, und die prominente Gegnerin bestätigte diese Einschätzung: „Wenn sie das über drei Sätze gespielt hätte, dann wäre es sehr gefährlich geworden.“

Wer dieses Achtelfinale am frühen Montagmorgen im deutschen Fernsehen (Eurosport) verfolgen kann, wird vermutlich auf die Idee kommen, dass Maria Scharapowa und Sabine Lisicki möglicherweise demselben Mentaltrainer vertrauen. Der Gedanke ist nicht die Spur abwegig, denn beide haben in der Akademie von Nick Bollettieri trainiert und dort identische Verhaltensmuster entwickelt.

Nach vielen Ballwechseln stehen sie mit den Rücken zum Gegner, reden auf die Wand ein und klopfen sich ermutigend auf den Oberschenkel und ballen die linke Hand zur Faust, bevor sie sich umdrehen und bereit sind für den nächsten Ballwechsel. Dann haben sie alles abgehakt, was gerade geschehen ist, nicht nur einen Fehler, sondern selbst einen perfekt und spektakulär herausgespielten Punktgewinn. Beim letzten Duell, im Halbfinale von Wimbledon 2011, war die Weltranglistenvierte aus Russland die Stärkere.

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Jahrgang 1959, Sportredakteur.

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