Graeme McDowell ist hin- und hergerissen, ob er auch am Sonntag in Medinah im alles entscheidenden Match des Ryder Cup antreten möchte: „Ein Teil von mir will diese Chance noch einmal, der andere Teil hasst es.“ Der 33 Jahre alte Nordire erinnert sich auch zwei Jahre danach noch mit wohligem Schaudern an die letzten sieben Löcher im Celtic Manor Resort in Newport in Wales. Denn seit dem 12. Loch war er sicher: Sein Duell, das letzte des Tages, mit dem Amerikaner Hunter Mahan würde den Ryder Cup entscheiden. Am 16. Loch gesellten sich fast alle Spieler beider Teams zu den zigtausend Fans, was den Stress für die beiden Protagonisten noch weiter steigerte: „200.000 Zuschauer machen dir nicht so viel Druck wie nur zwei Teamkameraden, die dich mit ihren Augen förmlich bitten, den Job zu Ende zu bringen. Ich war deshalb noch nie so nervös auf einem Golfplatz wie damals“, erinnert sich der Profi aus Portrush. „Ich wusste genau, was Sieger und Verlierer erwartet: Einer wird zum Helden, der andere ist der Schurke.“
McDowell entschied die Partie am 17. Loch für sich und sicherte Europa den denkbar knappen 14,5:13,5-Sieg. Der Matchwinner wurde von den Kameraden und den Fans frenetisch gefeiert. Mahan brach in der Abschlusspressekonferenz mit einem Weinkrampf zusammen und musste von seinen Kameraden getröstet werden.
Diese Reminiszenz zeigt, was den Ryder Cup ausmacht, warum er selbst gestandenen Profis die Knie schlottern lässt und Emotionen hervorruft wie kein anderes Golfturnier. „Du spürst tausend Mal mehr Druck als bei jedem Major“, sagt Ian Poulter, einer der erfolgreichsten europäischen Punktesammler. „Im Ryder Cup willst du für deine Kameraden, für den Kapitän, die Vizekapitäne und ganz Europa gewinnen“, fügt der Engländer an. Der 36 Jahre alte Profi genießt es im Gegensatz zu vielen Kollegen, wenn er sich nicht nur gegen amerikanische Gegner, sondern auch noch gegen feindlich gestimmte rund 40.000 amerikanische Fans in diesem Vorort von Chicago behaupten muss. Der im Einzel noch unbesiegte Brite verkündete vor der 39. Auflage des Duells, dass sein Team die Amerikaner töten wolle, auch wenn die deutsche Übersetzung des Wortes „kill“ in diesem Zusammenhang nicht den Sinngehalt seiner Aussage ausdrückt.
Im Ryder Cup ist eben alles anders: Die vornehme Zurückhaltung, die Einhaltung der im Golf Etikette genannten Benimmregeln, ist für die drei Tage außer Kraft gesetzt. Fans dürfen hemmungslos ihr Team unterstützen. Anders als bei normalen Golfturnieren werden nicht nur gute Schläge bejubelt, auch schlechte der gegnerischen Mannschaft gefeiert, eine Atmosphäre, die einige beflügelt und andere lähmt. Vor allem Debütanten tun sich schwer, diesem Druck standzuhalten - und das gilt selbst für einen Mann wie Brandt Snedeker, einen der vier Neulinge im amerikanischen Team.
Im Ryder Cup kann man sich nicht verstecken
Der 31 Jahre alte Amerikaner knackte am vergangenen Sonntag ganz cool den größten Jackpot im Golf von 11,44 Millionen Dollar (8,85 Millionen Euro), aber vor dem Eröffnungsmatch am Freitagmorgen mit dem 42 Jahre alten Routinier Jim Furyk gegen die nordirische Kombination Rory McIlroy und McDowell gab sich der Profi aus Nashville erst gar nicht der Illusion hin, der Sieg in der Tour Championship und im FedEx Cup hätte ihn für den Ryder Cup gestählt - obwohl es bei diesem Wettstreit um keinen Cent Preisgeld, sondern nur um die Ehre geht. „Ich habe mit vielen gesprochen. Auf diese Situation kann man sich nicht vorbereiten. Man muss einfach akzeptieren, dass man vielleicht den ersten Schlag total verzieht. Das ist schon vielen anderen passiert, man darf sich davon nicht entmutigen lassen und muss einfach weiterspielen.“
Doch das scheint leichter gesagt als getan. Der 23 Jahre alte McIlroy, derzeit die souveräne Nummer eins im Golf, gibt im Rückblick auf seinen ersten Einsatz für Europa zu, dass er in Wales nie die große Anspannung ablegen konnte und an keinem der drei Tage zu seiner Form fand. Paul Azinger, der das amerikanische Team vor vier Jahren in Louisville in Kentucky zum letzten Erfolg führte, erklärt, was den Kontinentalwettstreit von den vier wichtigsten Turnieren unterscheidet: „Wenn man bei einem Major schlecht spielt, ist man nicht im Fernsehen, es sei denn man heißt Tiger Woods oder Phil Mickelson.
Im Ryder Cup kann man sich nicht verstecken. Jeder Schlag wird im Fernsehen gezeigt.“ Am Ende gibt es zwar immer einen Helden, der wie vor zwei Jahren McDowell den entscheidenden Punkt gewinnt. Das heißt aber auch: Es gibt immer mindestens einen, meist auch mehre Sündenböcke, die damit leben müssen, ihre Kameraden und die Fans enttäuscht zu haben. Der Ryder Cup ist eben nichts für empfindliche Seelchen.