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Russlands Eishockey-Team Mit Rezepten von heute den Fluch von einst bezwingen

12.05.2007 ·  An diesem Samstag kämpfen Russlands Eishockey-Spieler um den Einzug ins WM-Finale. Nach vielen Enttäuschungen zuletzt könnten sie ausgerechnet in Moskau ihre Mission Gold erfüllen. Doch der Druck auf die „Sbornaja“ ist groß.

Von Marc Heinrich, Moskau
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Das Chodynka-Feld im Zentrum Moskaus ist ein mehrere Hektar großer Fleck Erde mit durchaus vielfältiger Bedeutung für die russische Hauptstadt. Vor hundertelf Jahren fanden auf den Wiesen die ausgelassenen Krönungsfeierlichkeiten des letzten Zaren Nikolaus II. statt, in deren Verlauf Hunderte Menschen aus der Zuschauerschar bei einer Massenpanik ihr Leben verloren. Später errichteten die Machthaber in den angrenzenden Birkenwäldern eine Militärakademie und Rüstungsschmiede, um im Kalten Krieg gewappnet zu sein. Und an diesem Wochenende soll nun an Ort und Stelle Sporthistorie geschrieben werden.

Die russische Eishockey-Nationalmannschaft will in der ausverkauften Chodynka-Arena, einem Sportpalast mit 14.000 Plätzen, ihre Siegesserie in den ausstehenden beiden Partien bei dieser Weltmeisterschaft fortsetzen. „Wir haben zuletzt nicht viel Erfolg bei großen Turnieren gehabt. Aber das macht uns nur noch hungriger“, verkündete Jungstar Jewgeni Malkin vor dem Halbfinale an diesem Samstag gegen Finnland. Der NHL-Stürmer der Pittsburgh Penguins war noch gar nicht geboren, als 1986 die Eissputniks der Sowjetunion vor eigenem Publikum auftrumpften; 1993, parallel zum Zerfall des Riesenreichs, holten ihre russischen Nachfolger den bislang letzten Titel für die einstige Supermacht.

Viele Jungmillionäre statt funktionierende Einheit

„Mein Heimatland hat eine große Eishockey-Tradition, und wir alle wissen, was ein Erfolg für die Menschen hier bedeuten würde“, meinte Malkin, einer von nur sieben Nordamerika-Profis im Team von Trainer Wjatscheslaw Bykow. Der zwanzigjährige Malkin kennt die Heldentaten seiner Vorgänger nur aus Erzählungen oder alten Fernsehsendungen. In Moskau verlor die „Sbornaja“ bei vier vorangegangenen Weltmeisterschaften keine einzige Begegnung, musste lediglich 1957 den Schweden den Vortritt lassen, weil sie zum Abschluss vor 55.000 Zuschauern bei minus zwanzig Grad im Dynamo-Fußballstadion nicht über ein 4:4 hinauskam.

Die weiteren Turniere 1973, 1979 und 1986 gewann man jeweils, ohne auch nur einen Punkt abzugeben. Vor sieben Jahren in St. Petersburg scheiterte die Mission Gold, weil zwar zahlreiche Jungmillionäre aus Übersee auf dem Eis standen, aber keine funktionierende Einheit. An diese Schmach möchte heute niemand denken. „Es ist nicht die Zeit, darüber zu reden, was damals alles schiefgelaufen ist“, sagte Bykow, der 1986 das Siegtor zum 3:2 im Finale gegen Schweden erzielte.

Ein „glücklicher“ Kapitän aus reinem Aberglauben

Der Coach, der im Alltag auch den Spitzenklub ZSKA Moskau betreut, zog aus den Problemen der Vergangenheit seine Lehren und sagte dem Egoismus den Kampf an: „Viele unserer NHL-Spieler haben im Nationaltrikot zuletzt immer nur für die Galerie gespielt, da habe ich manchen lieber gleich erst gar nicht eingeladen.“ Der 46-jährige Trainer beschwört stattdessen einen neuen Teamgeist mit gemeinsamen Bowlingabenden, Ausflügen mit der Familie und machte Pjotr Schtschastliwij auch ein wenig aus Aberglauben zum Kapitän - weil dessen Name das russische Wort für „glücklich“ ist.

„Die Psychologie bestimmt alles“, ist sich Viktor Tichonow vor dem Duell mit den Finnen sicher. Die Trainerlegende, die ihre Mannschaften zu acht WM-Triumphen und drei Olympiasiegen führte, weiß aus eigener Erfahrung um den Heimfluch, der auf den ausrichtenden Nationen liegt. Seit er mit der gefeierten KLM-Reihe Krutow, Larionow und Makarow 1986 ganz oben stand, heimste kein Team mehr vor heimischen Fans die Goldmedaille ein. „Die Spieler“, meinte Tichonow, seien in diesen Tagen in Russland einem enormen Druck ausgesetzt.

Zum großen Glück fehlen noch zwei Geniestreiche

„Zuschauer, Funktionäre, Verwandte und Freunde - alle erwarten nur das eine. Diese Umgebung schafft zahlreiche Ablenkungsmanöver - Anrufe, Autogramme, Interviews“, sagte der 76-jährige, der seinem Erben deswegen in guter alter Tradition empfiehlt, die „Mannschaft lieber ein bisschen mehr abzuschirmen“. Bykow, der seine letzten Jahre als Profi in der Schweiz verbrachte und sich ein wenig von der Gelassenheit der Eisgenossen aneignete, vernachlässigt die Tipps des Altmeisters. „Sicher, wir wollen für unser Land gewinnen und unserem Sport Ruhm wiedergeben“, sagte Bykow, dessen Auswahl bisher alle Gegner mit ihrer Angriffswucht förmlich überrannte, „aber die Rezepte von gestern sind nicht die richtigen Lösungen für die Aufgaben von heute.“

Zum großen Glück fehlen ihm und seinen Mitstreitern noch zwei weitere Geniestreiche. „Dafür brauchen wir mehr als Talent, Ausdauer und harte Arbeit. Wir brauchen auch ein bisschen Glück.“ Die Anhänger sind jedenfalls zuversichtlich. Die Preise für die Endspieltickets explodierten. Für Karten der besten Kategorie, die im Vorverkauf umgerechnet 450 Euro kosteten, wird auf dem Moskauer Schwarzmarkt längst das Zehnfache verlangt. Und auch bezahlt.

Quelle: F.A.Z., 12.05.2007, Nr. 110 / Seite 31
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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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