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Russisches Anti-Homosexuellen-Gesetz Isinbajewa macht Rückzieher

 ·  Jelena Isinbajewa fühlt sich missverstanden: Sie nimmt ihre Äußerungen zu „Männern und Frauen“ zurück. Doch die Diskussion zum russischen Anti-Homosexuellen-Gesetz hat die Leichtathletik-WM erreicht.

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© AP Vergrößern Rückzieher nach Salto Nullo: Jelena Isinbajewa fühlt sich missvertanden

Spätestens als Superstar Jelena Isinbajewa Partei für Kremlchef Wladimir Putin ergriffen hatte, erreichte die Debatte um das umstrittene russische Anti-Homosexuellen-Gesetz endgültig auch die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Moskau. Die britische Siebenkämpferin Louise Hazel attackiert ihre berühmte Kollegin massiv und warf ihr „Homophobie“ vor.

Dass Putin unlängst gegen internationale Proteste ein Anti-Homosexuellen-Gesetz in Kraft setzte, sorgt während der Wettkämpfe in der russischen Hauptstadt für Zündstoff. Vor allem westliche Medien reagierten entrüstet auf die Aussagen von Stabhochsprung-Weltmeisterin Isinbajewa, die das Verbot von „Homosexuellen-Propaganda“ in ihrer Heimat vehement verteidigte. Isinbajewa hatte auf eine Protestaktion der schwedischen Hochspringerin Emma Green Tregaro heftig reagiert. Green trug lackierte Fingernägel in den Farben des Regenbogens, dem Symbol der Schwulen-Bewegung. „Wir hatten diese Probleme in der Geschichte nicht und wir wollen sie in der Zukunft nicht haben. Bei uns leben Männer mit Frauen, Frauen mit Männern“, hatte Isinbajewa erklärt. „Sie ist mit Putin befreundet, was soll man da sagen“, meinte die deutsche Speerwerferin Linda Stahl zu Isinbajewas Äußerung..

Zwar ruderte die Russin am Freitag zurück, in dem sie in vom Leichtathletik-Weltverband IAAF verbreiten ließ: „Englisch ist nicht meine Muttersprache und ich denke, ich bin da gestern vielleicht missverstanden worden mit dem, was ich gesagt habe.“ Sie habe sagen wollen, „dass die Menschen Gesetze in anderen Ländern respektieren sollten, vor allem wenn sie Gäste sind“. Auch Sportminister Witali Mutko und Alexander Schukow, Chef des Nationalen Olympischen Komitees, fordern, ausländische Athleten und Gäste hätten sich an diese Regel zu halten. Und das Innenministerium warnt vor offen gezeigter Homosexualität. Isinbajewa wiederum erklärte nun, sie respektiere die Ansichten anderer Athleten und sprach sich nun „mit größtem Nachdruck“ gegen Diskriminierung von Homosexuellen aus.

Wenige Monate vor den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi bemüht sich Russland, die hitzige Debatte im Keim zu ersticken. Boykott-Forderungen einiger westlicher Politiker und Aktivisten wurden weggewischt. Öffentlich hinterfragt wird das Thema in Russland ohnehin kaum. Die meist staatlich kontrollierten Medien berichten so gut wie nicht über die Aussagen von Superstar Isinbajewa, die in Sotschi als „Bürgermeisterin“ des Olympischen Dorfes eingeplant ist.

Sowohl der amerikanische Präsident Barack Obama als auch die Bundesregierung lehnen bei aller deutlichen Kritik einen Boykott von Olympia in Sotschi ab, anders als etwa 1980 bei den Sommerspielen in Moskau.

Sport und Politik nicht vermischen

Zugute kommt dem Kreml vor allem die Haltung der einflussreichen Sportverbände. Zwar forderten das Internationale Olympische Komitee (IOC) und der Fußball-Weltverband Fifa - Russland richtet 2018 auch die Fußball-WM aus - von Moskau Klarheit über das Gesetz. Selbst halten sich die Verbände aber mit Kritik merklich zurück. Die Statuten würden eine Diskriminierung aufgrund sexueller Vorlieben ohnehin verbieten, heißt es.

Seit Jahren betonen IOC und Fifa, dass Sport und Politik nicht vermischt werden dürften. Nun drohte das IOC sogar, Sportler von den Olympischen Spielen auszuschließen, die für die Rechte Homosexueller demonstrieren. Das diene lediglich dem Schutz der Athleten, die sich sonst zu einer politischen Aussage gezwungen fühlen könnten, zitierte „Zeit online“ die IOC-Sprecherin Sandrine Tonge.

Digel hält Diskussion für deplaziert

Das deutsche IAAF-Councilmitglied Helmut Digel hält die Debatte um das russische Anti-Homosexuellen-Gesetz bei der WM in Moskau für deplaziert. „Ich bin der Meinung, dass man die Sportarena nicht zur politischen Artikulation nutzen sollte“, erklärte der Tübinger Soziologe. „Man muss die Gesetze eines Landes respektieren. Außerdem kennt kaum jemand den wirklichen Inhalt des Gesetzes.“

Klar ist: Das von Putin unterzeichnete Anti-Homo-Gesetz stellt nicht Homosexualität an sich unter Strafe. Das betonen auch russische Politiker bei jeder Gelegenheit. Bei Geldstrafe verboten sind seit Ende Juni aber positive Äußerungen vor Minderjährigen über Homo-, Bi- oder Transsexualität.

Vor allem Bürgerrechtler sind über das Verbot entsetzt: Aufklärung etwa über Aids werde unmöglich, betonen sie. Noch immer ist unklar, was genau unter „Propaganda nicht traditioneller sexueller Orientierung“ zu verstehen ist. Das Zeigen der Regenbogenfahne zählt offenbar dazu. Doch ist auch strafbar, dass zwei Männer oder Frauen auf der Straße Händchen halten? Das Gesetz sei bewusst schwammig gehalten und biete Raum für Missbrauch, klagen Kritiker.

Das russische Verbot von „Homosexuellen-Propaganda“

Wer sich in Russland im Beisein von Minderjährigen positiv über Homo-, Bi- oder Transsexualität äußert, muss mit hohen Geldstrafen rechnen. Das von Kremlchef Wladimir Putin unterzeichnete Gesetz gegen die „Propaganda nicht traditioneller sexueller Orientierung“ dient nach offiziellen Angaben dem Jugendschutz. Homosexualität selbst ist im größten Land der Erde nicht strafbar.

Unklar ist nach Ansicht von Kommentatoren aber, für welche Vergehen eine Geldstrafe von umgerechnet bis zu 25.000 Euro droht. Der Text sei schwammig formuliert und biete Raum für Missbrauch, klagen Kritiker.

Bürgerrechtler betonen zudem, das Gesetz schüre den Hass gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle. Ausländern drohen Arreststrafen und Abschiebung, wie auch das Auswärtige Amt in Berlin in seinen Reisehinweisen für Russland warnt. Die Staatsduma in Moskau hatte das Gesetz ohne Anhörung von Experten durchgebracht und im Juni ohne Gegenstimme angenommen.

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