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Ruhmeshalle des Sports : Vom Parteibuch-Nazi zur Symbolfigur des Sports

Sepp Herberger, Fußball, 1897 - 1977 Bild: picture-alliance/ dpa

Die Auswahl der Athleten für die Hall of Fame, der Ruhmeshalle des deutschen Sports, provoziert eine differenzierte Auseinandersetzung mit widersprüchlichen Biographien. Fünf Mitglieder der Hall of Fame waren Nationalsozialisten mit Parteibuch.

          Elf Pappsäulen waren das Einzige, was von der Hall of Fame, der Ruhmeshalle des deutschen Sports, zu sehen war. Sie standen im Innenhof des Deutschen Historischen Museums in Berlin und trugen die Fotos und kurzen Biografien von vierzig deutschen Sportlern, von Rudertrainer Karl Adam bis Vorreiter Hans Günter Winkler. Ihre Bedeutung spiegelte eine von rund dreihundert Gästen besuchte Feier mit Bundespräsident Horst Köhler und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, mit politischer, sportlicher und sportpolitischer Prominenz sowie der Nationalhymne zum Schluss.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Dabei ging es um kaum mehr als eine Idee – aber wer wollte schon einen Gedanken geringschätzen? Ann Kathrin Linsenhoff, die Vorsitzende der Stiftung Deutsche Sporthilfe, versprach sogar um kurz nach zehn Uhr vormittags, die Hall of Fame zu eröffnen. Doch eine Tür hat dieses Gedankengebäude nicht, und schon gar nicht wird den ausgezeichneten Sportlerinnen und Sportlern ein Hausaltar im Museum der Deutschen errichtet werden. Die Pappstelen wurden noch am Nachmittag weggeräumt. Doch da war bereits die Website www.hall-of-fame-sport.de ins Netz gestellt. Im kommenden Jahr soll die Ruhmeshalle, um drei Athleten erweitert, eine Wanderausstellung werden.

          Roland Matthes ist der einzige DDR-Athlet in der Gedankenhalle

          Längst eröffnet war schon vorher die Diskussion, zu der der einstige Pfarrer, DDR-Dissident und Bundestagsabgeordnete Rainer Eppelmann sowie DDR-Schwimmstar und Olympiasieger Roland Matthes die jüngsten Beiträge geliefert hatten. Beide kritisierten, dass der Sport der DDR in der Ruhmeshalle von Matthes allein nicht ausreichend vertreten sei. „Die DDR hat einige große Athletinnen und Athleten hervorgebracht, allerdings sind die der Jury, die die Sportler ausgewählt hat, nicht so bekannt“, sagte Matthes.

          Helmut Bantz (r.), Turnen, 1921 - 2004

          Eppelmann, Vorsitzender der Stiftung zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur, nannte es „unerträglich, dass von allen, die zwischen 1950 und 1990 in der Deutschen Demokratischen Republik Leistungssport betrieben haben, bislang nur ein Einziger für würdig befunden wurde, dabei zu sein“ (siehe auch: Rainer Eppelmann: „Vorbilder können nicht Götter sein“).

          Die Erwählten sind tot - oder mit der Goldenen Sportpyramide ausgezeichnet

          Hans Wilhelm Gäb, bis Ende vergangenen Jahres Vorsitzender der Sporthilfe und der Vater des Gedankens Hall of Fame, wehrte sich mit dem Hinweis, die Sporthilfe hätte der Jury vorgeschrieben, Athleten allein posthum zu wählen; ausgenommen waren diejenigen, die die Sporthilfe mit der Goldenen Sportpyramide ausgezeichnet habe. „Die großen, lebenden Athleten Kati Witt und Heike Drechsler standen genauso wenig zur Bewertung an wie Steffi Graf, Armin Hary und Dirk Nowitzki“, sagte er.

          Der 71 Jahre alte Gäb beschrieb in einem sehr persönlichen Vortrag die Schwierigkeit der Nachgeborenen, zu verstehen, was andere in der Zeit des Nationalsozialismus getan hatten. Er habe lange befürchtet, verriet Gäb, dass sein Vater bei der SS gewesen sei; erst spät habe er erfahren, dass er eine schwarze Uniform trug, weil er bei der Panzertruppe diente.

          Die Namen stehen für die Widersprüchlichkeit der deutschen Geschichte

          Fünf Mitglieder der Hall of Fame – der Läufer Rudolf Harbig, Fußballtrainer Sepp Herberger, Sportfunktionär Willi Daume, Dressurreiter und Sporthilfe-Vorsitzender Josef Neckermann und Radtrainer Gustav Kilian – waren Nationalsozialisten mit Parteibuch; „in jungen Jahren“, wie Gäb betonte. Auf Kritik der Kölner Historikerin Renate Franz an Kilian, weil dieser sich bereitwillig von den Nazis habe hofieren lassen, führte er den Widerspruch des einstigen Fernsehreporters Klaus Angermann und weiterer Freunde Kilians an, Kilian sei der Auszeichnung ohne Einschränkung würdig. Das zeige, sagte Gäb, wie leicht man sich mit einem Urteil tue, und wie schwer es sei, Gerechtigkeit zu üben.

          Festredner Thomas Mergel gestand dem Sport eine Vielzahl von Erinnerungsorten zu, Anhaltspunkte für das kollektive Gedächtnis; Orte im Sinne von Pierre Nora, die nicht begehbar sind, sondern es vielen ermöglichen, Erinnerungen anzuknüpfen: Bern 1954, Armin Harys 10,00 1960, das 4:2 von Wembley. Namen stehen auch für die Gebrochenheit und Widersprüchlichkeit der deutschen Geschichte.

          „Es wird Streit geben“ - das zeige, wie wichtig der Sport sei

          „Josef Neckermann profitierte in den dreißiger Jahren von der Arisierung jüdischen Vermögens“, sagte der Historiker. Gerade er aber, wie Herberger und Daume, „wurden später zu Symbolfiguren der Bundesrepublik und Leitfiguren des deutschen Sports. Das eine muss gesagt werden genauso wie das andere.“ Auf den Pappstelen wie im Internet fehlt allerdings das eine.

          „Es wird Streit darum geben“, prognostizierte Mergel der Jury für die Besetzung ihrer Hall of Fame aufmunternd. „Aber das zeigt, wie wichtig Sport als Erinnerungsgeschichte ist.“

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