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Rugby Ei zwischen Romantik und Chaos

 ·  Die Rugby-Bundesliga will die Grenzen des Heidelberger Biotops überwinden. Bisher drückt sich das hauptsächlich in extrem einseitigen Ergebnissen aus.

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© Bergmann, Wonge Harter Kampf: Rugby hat es in Deutschland nur im Biotop Heidelberg nicht ganz so schwer

Vermutlich ist es nicht jedermanns Sache, Unterhosen als eine Art Kunstobjekt zu betrachten. In einer kleinen Kathedrale des Sports in Heidelberg werden solche Kleidungsstücke, drapiert hinter Glas und einst getragen von Hannoveraner Meisterspielern, aber in Ehren gehalten. Sie gehören zu den mehr als 2000 Exponaten im Deutschen Rugby-Museum, das sich unweit des Heidelberger Zoos befindet. Und Stücke auch aus der großen Rugby-Welt beherbergt, zum Beispiel ein von der neuseeländischen Rugby-Legende Jonah Lomu signiertes Trikot. Dass solche Gegenstände in Heidelberg ausgestellt werden, kommt nicht von ungefähr.

Die Stadt am Neckar, die sich ihrer Romantik rühmt und weltbekannt wegen ihres Schlosses und der Alten Brücke ist, gilt als Rugby-Kapitale Deutschlands. Sie ist, einmalig im deutschen Sport, gleich mit fünf Mannschaften in der Rugby-Bundesliga vertreten. Würde man Rugby auf seine kämpferische Komponente reduzieren, ließe Heidelberg sich als Stadt der Raufbolde bezeichnen.

Bayern München des Rugby

Und es verwundert natürlich nicht, dass das führende deutsche Team vom Neckar stammt: Es handelt sich um den Heidelberger Ruderklub (HRK), der seit einigen Jahren die Bundesliga dominiert. Das sorgt allerdings für Diskussionen in der Szene, schließlich ist der HRK von den meisten seiner Konkurrenten so weit entfernt, dass er nicht nur wie ein FC Bayern München im Rugby dasteht, sondern wie Bayern München und Borussia Dortmund in einem. Das sei schädlich für die Liga, glauben manche Rugby-Experten im Lande.

Immerhin soll nun versucht werden, Rugby bundesweit stärker zu fördern. Mit einer Bundesliga, die deswegen kurzerhand erheblich aufgestockt wurde. Sie umfasst inzwischen 22 Teams; in der vergangenen Saison waren es noch zehn. Auch eine solche Expansion ist beispiellos im deutschen Sport. Die Liga, die aus einem Gemisch von Amateuren, Halbprofis und Profis besteht, wurde nach der Reform in vier Gruppen aufgeteilt; im Süden steht der Heidelberger Phalanx nur der TV Pforzheim gegenüber. Heidelberg ist durch den HRK, die Rudergesellschaft Heidelberg, den TSV Handschuhsheim, den SC Neuenheim und den Liga-Neuling Heidelberger TV vertreten.

Rugby-Biotop Heidelberg

Rugby hat in der 150.000 Einwohner zählenden Stadt in Nordbaden eine große Tradition; vor etwa 150 Jahren hatte ein englisches College in Heidelberg das Spiel mit dem ovalen Ball in seinen Lehrplan aufgenommen. Heidelberg ist mittlerweile nicht nur die Feine und die Schöne, sondern auch ein Tummelplatz für Männer mit breiten Schultern. Was jedoch nicht bedeutet, dass der Flug des Eies die Massen in seinen Bann ziehen würde. Rugby, das in Deutschland ein Nischendasein fristet, ist selbst in Heidelberg vorwiegend ein Sport für Liebhaber; in der Regel bilden nur einige hundert Zuschauer die Kulisse bei Bundesligaspielen. Und das Publikum muss wetterfest sein: Sogar in Heidelberg ist nur ein einziges Rugbyfeld mit einer Tribüne ausgestattet.

Heidelberg, sagt der Rugbyspieler Manuel Wilhelm, sei ein Rugby-Biotop. Er gehört der Rudergesellschaft an, und er ist der Mann, der das neue, umstrittene Bundesliga-Modell entworfen hat. Mit dem Segen des hauptsächlich von ehrenamtlichen Mitarbeitern geführten Deutschen Rugby-Verbandes (DRV). „Ich habe es dem DRV angeboten“, sagt Wilhelm, „und ich durfte es machen.“ Er möchte Rugby, das grundsätzlich eine Menge Rasanz birgt, in Deutschland flächendeckend voranbringen. Dafür wurde in Kauf genommen, Klubs in den Bundesliga-Status zu heben, die strenggenommen nicht bundesligatauglich sind.

Neue Struktur ist umstritten

Die krassen Leistungsunterschiede in der Liga spiegeln sich in erstaunlichen Ergebnissen. So hatte der Heidelberger Turnverein kürzlich 8:99 gegen den TV Pforzheim verloren; das entspricht einem 1:14 im Fußball. Auch im Norden des Landes, wo der DRC Hannover unlängst sein Team wegen Spieler-Mangels aus der Bundesliga abmeldete, ist das Gefälle beträchtlich; am Samstag unterlag der Hamburger RC dem FC St. Pauli 8:65.

Die neue Struktur, vom Deutschen Rugby-Tag beschlossen, stößt deswegen auf einige Kritik. Claus-Peter Bach etwa, der frühere Präsident des DRV und jetzige Vorsitzende des SC Neuenheim, hält sie für Unfug. „Mit Leistungssport hat das nichts zu tun.“ Der Heidelberger Sportjournalist fürchtet, dass mancher bei häufigen hohen Niederlagen die Lust am Rugby verlieren könnte. „Für die Schwachen ist es tödlich“, klagt Bach. Selbst der DRV ist von der massiven Erweiterung der Bundesliga nicht vollends überzeugt. Sein Sportdirektor Volker Himmer hält die Grundidee zwar für „sehr gut“, ihm ging aber alles zu schnell. Die Neuregelung, sagt er, „ist ein Jahr zu früh gekommen“.

Wilhelm sieht das anders. „Man muss das als Entwicklungsschritt sehen“, betont er und verweist darauf, dass nun in Leipzig und auch in Hamburg im Fernsehen über Rugby berichtet worden sei - „das wäre vorher undenkbar gewesen“. Die Einwände gegen das neue System erklärt er sich damit, „dass einige der Arrivierten halt ihr Tafelsilber verteidigen wollen“.

Olympia in weiter Ferne

Zum Establishment im deutschen Rugby zählen alle Heidelberger Teams - bis auf den Turnverein. Auf den Rugbyplätzen am Neckar ist gelegentlich auch Dirk Niebel zu Gast, der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Der mit Heidelberg verwurzelte Politiker steht dem DRV, der nur knapp der Zahlungsunfähigkeit entging, auch als Schirmherr zur Verfügung. Wirklich Staat machen lässt sich mit dem deutschen Rugby allerdings nicht. Das Nationalteam gilt in Europa als drittklassig; somit sind auch im Siebener-Rugby, das in das Programm der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro aufgenommen wurde, keine großen Sprünge möglich. An eine Olympia-Teilnahme zu denken, sagt Verbandsfunktionär Himmer, wäre vermessen.

Daran ändern auch Fachkräfte wie Sean Armstrong nichts. Der Australier, eine der Stützen des HRK, lebt seit einigen Jahren in Heidelberg und kann nun als „Rugby-Deutscher“ im Nationalteam eingesetzt werden. Der deutsche Meister, maßgeblich unterstützt von dem Unternehmer Hans-Peter Wild (“Capri-Sonne“), setzt seit längerem auf einen Stamm erfahrener Ausländer - und stieg damit zur Nummer eins in der Bundesliga auf. Die Ausnahmestellung des Ruderklubs beschreibt Wilhelm so: „Wir haben wahrscheinlich nur eine Mannschaft mit Bundesliga-Niveau.“

Top-Scorer beim HRK sind Recken wie der hünenhafte Neuseeländer Caine Elisara oder Tim Kasten. Elisara geht mit dem Ei wie mit einem Basketball um; er versteht den Ball mit einer Hand zu packen. Der deutsche Nationalspieler Kasten stand vor seinem Engagement beim HRK beim RFC Southend in der dritten englischen Liga unter Vertrag. Jetzt ist er bei einer von Wild gegründeten Rugby-Academy angestellt. Er bezieht, weil die Academy wie alle anderen Heidelberger Teams an Schulen nach Talenten sucht, ein Gehalt als Trainer - und nebenbei wird Kasten bei der Academy zum Sport- und Fitnesskaufmann ausgebildet.

Silber von 1900

Die Wild-Initiative, von der der HRK stark profitiert, sorgte für einige Irritationen im Rugby-Mikrokosmos Heidelberg, für Eifersüchteleien und auch Neid. „Wir sind angefeindet worden“, sagt Jan Michael Clauss, einer der Macher der Academy. Doch er will seinen Weg konsequent fortsetzen. „Wir lassen uns unsere Arbeit nicht kaputtreden.“

Zumindest der Neuenheimer Bach behauptet, sich vom Klassenprimus HRK angestachelt zu führen; sein Team habe die Anstrengungen, etwa im Training, erhöht. Auch die große Dichte an Rugby in Heidelberg stört ihn nicht. „Das hat 100 Jahre lang gut funktioniert“, sagt Bach, „es belebt das Geschäft.“ Der Ruderklub dürfte freilich unangefochten an der Spitze bleiben; am Samstag bewies er seine Klasse mit einem 43:0-Sieg in Split im Halbfinale der Vereins-EM, einem Wettbewerb der dritten europäischen Kategorie.

Es hatte schon mal mehr Glanz gegeben für das deutsche Rugby, zu sehen im Heidelberger Museum. Dort wird olympisches Silber aufbewahrt. Es stammt aus dem Jahr 1900.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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