Alexander Widiker mag nicht klagen über den Morgen danach, im großen und ganzen jedenfalls. Der Körper sendet zwar Signale, aber Widiker sagt: „Es fühlt sich ganz okay an.“ Lässt sich aushalten, dass die Beine ein bisschen schwer sind und das linke Knie schmerzt, ist eigentlich nicht der Rede wert. Das mit dem Knie, das er sich verdreht hatte, schleppt er schon einige Zeit mit sich herum, seit einem Länderspiel vor zwei Wochen in Polen. Das hatte eine Trainingspause zur Folge, aber am Samstag war Widiker wieder im Einsatz. Mit ganzem Herzen und mit aller Kraft. Und ohne Furcht vor Nebenwirkungen.
Die gibt es ja immer wieder mal im Rugby, das war auch am Samstag in Heidelberg so, beim Spiel der Deutschen gegen Moldawien. Da lag Widiker, der Kapitän des deutschen Nationalteams, plötzlich am Boden, ziemlich benommen. Und musste sich am Kopf behandeln lassen, nachdem er einen Hieb gegen die Schläfe erhalten hatte. Kein Foul, sagt Widiker, Künstlerpech. „Ich hatte danach ein bisschen die Kontrolle verloren“, erzählt er. Die Kontrolle über sich selbst. Er stürzte sich kurz darauf aber schon wieder mitten ins Getümmel. Typisch für Widiker, den Anführer und Kämpfer: immer vorangehen, auch wenn es weh tut. Das lohnte sich in Heidelberg. Die Deutschen gewannen 32:14, es war ihr zweiter Sieg in der EM-Division 1b.
Am Sonntag sagt Widiker zufrieden: „Die Mannschaft hat sich gefunden.“ Nach all den Prügeln, die sie in der Saison zuvor in der Division 1a hatte einstecken müssen, nach dem Abstieg und nach der Neuausrichtung. Wer nicht weiß, dass Widiker Rugby spielt, könnte ihn für einen Ringer halten oder einen Judoka. Oder einen Möbelpacker für Extremtransporte. 1,72 Meter groß, 110 Kilogramm schwer: Eckdaten eines Mannes, der im Rugby seinen Platz im Zentrum hat. Inmitten der schwersten Jungs, der Stürmer, die das Gedränge bilden. Es ist eine Formation aus acht Spielern, die sich aneinander festhalten - und sich, in gebeugter Haltung, gegen acht Konkurrenten stemmen.
Ein eigenartiges Gebilde von 16 Männern also, das wie eine gigantische Schildkröte anmutet und es ohne weiteres auf ein Gesamtgewicht von eineinhalb Tonnen bringen kann. Es geht bei dieser außergewöhnlichen Körperballung um Balleroberung, mit Drücken, Schieben - und Hakeln.
Die Choreographie der Muskelmänner
Widiker ist der Hakler der Deutschen, er steht in der erste Reihe des Sturms, und wenn der Gedrängehalb, der Spieler mit der Nummer neun, den ovalen Ball in das Gedränge wirft, muss Widiker das „Ei“ mit dem Fuß nach hinten bugsieren - im besten Fall nimmt der Gedrängehalb den Ball danach wieder auf und leitet einen Angriff mit Ballstafetten ein. Das ist die Sache der Schnellsten in einem 15 Spieler umfassenden Rugbyteam.
Ein Ei hat seine Ästhetik und ein Bulldozer ebenfalls. Und auch ein Gedränge im Rugby, das - als wäre es eine Planierraupe - mit großem Druck den Boden für das schnelle Pass-Spiel bereitet. Vermeintlich archaisch, zumindest grob. Und doch steckt auch im Gedränge, dem Kollektiv der Muskelmänner, eine feine Choreographie. Die Bewegungen der acht Gleichgesinnten müssen aufeinander abgestimmt sein, nur im Gleichschritt lässt sich Widerstand brechen und der Gegner zurückdrängen. „Wenn einer nicht funktioniert“, sagt Widiker, „dann funktioniert das ganze Gedränge nicht.“
Er lebt als Rugby-Spieler für diese Aufgabe, er ist der Motor des Bulldozers. „Der Hakler“, sagt Widiker, „ist der wichtigste Mann. Er bringt die ganzen Jungs nach vorne.“ Mit gesenktem Kopf, großer Anspannung, mit Härte und manchen Tricks. Dazu gehört, den gegnerischen Hakler mit dem Nacken hochzudrücken und ihn damit aus dem Gleichgewicht zu bringen. „Dann verliert er komplett den Stand“, sagt Widiker.
Rauferei mit klarer Organisation
Der gebürtige Kasache ist 30 Jahre alt, er spielte früher in Heidelberg beim SC Neuenheim, stand vier Jahre lang beim RC Orleans in der dritten französischen Liga unter Vertrag und schloss sich nach der Rückkehr nach Deutschland dem Heidelberger Ruderklub an, derzeit die Nummer eins im deutschen Rugby als Meister und Europapokalsieger. In Frankreich, sagt Widiker, habe er viel als Hakler gelernt. Als Spieler auf dieser Position ist er außerdem für die Einwürfe bei der Gasse zuständig. Auch dabei ist Geschick im Umgang mit dem „Ei“ erforderlich. „Ich war schon immer „ballverliebt“, sagt Widiker. Und dazu bereit, sich seiner Haut zu wehren im Kampfsport Rugby.
Das war vor allem in Frankreich so, wo schnell mal die Fäuste flogen unter den rauhen Gesellen. „Da knallte es öfter“, sagt Widiker. Vor einiger Zeit in Berlin, als die Deutschen zum EM-Auftakt die Ukrainer bezwangen, hatte er einen Schlag ins Gesicht erhalten. Der ukrainische Sünder kam mit einer Zehn-Minuten-Strafe davon. Eigentlich, sagt Widiker, selbst kein Kind von Traurigkeit, wäre eine Rote Karte angebracht gewesen. Nicht, dass es im Gedränge ständig zu regelwidrigen Konfrontationen kommen würde. Im offenen Kampf der Stürmer aber, mit freien Händen, setzt es im Eifer des Gefechts schon mal einen Nasenstüber. Oder einen schmerzhaften Tritt. Nach dem Abpfiff aber reichen sich die Kombattanten wieder die Hand.
Das ist Rugby. Eine Rauferei mit klarer Organisation. Und mit unerschrockenen Taktgebern wie Widiker. Der Heidelberger nennt sich Halbprofi. Er lässt sich, unterstützt vom Hauptsponsor seines Vereins, neben dem Sport zum Maschinenbautechniker ausbilden. Er braucht schließlich eine Orientierung nach der Rugby-Karriere. Widiker weiß ganz genau, wie wichtig Halt ist, das lehrt ihn nicht zuletzt das Rugby. Nur damit kann man überhaupt bestehen im ewigen Gedränge.