27.03.2004 · In zwanzig Minuten bis knapp vor die Ohnmacht: Das Duell zwischen Oxford und Cambridge ist das härteste Ruderrennen der Welt.
Von Christian EichlerSo etwas können nur Engländer erfinden. Einer, der es erlebte, sagt: "Näher kannst du der körperlichen Hölle nicht kommen" - und man bekommt nicht einmal einen Penny dafür. Tim Foster war Olympiasieger und Weltmeister, doch das Härteste, die "Hölle" eben, erlebte er nur hier, beim Boat Race, wie das Ruderduell zwischen den Universitätsmannschaften von Oxford und Cambridge in England genannt wird: sechseinviertel Kilometer, mehr als die dreifache Strecke gewöhnlicher Ruderregatten und damit für eine Kraftausdauersportart mörderisch lang, in Wind und Wellen durch den schwierigen Doppelbogen der Londoner Themse.
Eine Viertelmillion Menschen findet sich an den Uferhängen von Putney im Südwesten Londons einfinden, selbstverständlich ohne für ein Ticket bezahlen zu müssen, um dem letzten Relikt des guten alten britischen Amateursports bei der 150. Ausführung, 175 Jahre nach dem Debüt, ein doppeltes Jubiläumsspalier zu bieten - vielleicht auch einen Abschiedsgruß. Das Boat Race wird natürlich weitergehen, doch von der 151. Ausgabe an, so die Befürchtungen sportlicher Romantiker, wird vieles anders sein. Denn dieser spielerisch-edle, unkommerzielle Wettkampf der angehenden Oberschicht, den das Duell der berühmten Universitäten seit vorviktorianischer Zeit darstellte, wird 2005 einen Mann ins Boot lassen, der noch in jedem Sport, der ihn einließ, bald und für immer das Ruder übernahm: das Geld.
Nach fünfzig Jahren, in denen in jedem Frühjahr die gute alte BBC das Rennen im Fernsehen übertrug (im Radio sogar seit 1926), wird es zum Privatsender ITV übergehen. Die Einschaltquoten vom letzten Jahr, als das Rennen erstmals von Samstag auf Sonntag verlegt wurde und auf fast acht Millionen Zuschauer kam, weckten das kommerzielle Interesse für dieses vielleicht letzte Weltereignis des Amateursports. Beim Angebot von zwei Millionen Pfund für fünf Jahre wurden die Veranstalter weich. 400 Millionen Menschen in 180 Ländern, so die offiziellen Angaben, sehen Jahr für Jahr das Boat Race - wer mit so etwas kein Geld verdienen will, ist wohl rettungslos von gestern.
In der ersten Reihe aller Athleten
Werden irgendwann auch die Ruderer etwas vom Kuchen abbekommen wollen, werden sie Geld fordern? Das scheint unausweichlich. Wenngleich für gewöhnlich schon das Studium an einer der beiden Elitehochschulen, erst recht aber die Teilnahme an einem Boat Race ein Sprungbrett für eine glänzende Karriere ist, die auf sportliche Einnahmen verzichten könnte. "Physisch und geistig stehen diese Ruderer in der ersten Reihe aller Athleten", urteilt Douglas Calder, der 1961 für Cambridge antrat. "Das Boat Race bringt Weltklasseathleten mit Weltklassegehirnen im selben Körper zusammen. Kein Wunder, daß sie nach ihrem Examen die besten Jobs bekommen."
Calder selbst wurde übrigens Ruder-Reporter der "Times".
Bevor sich die "Dark Blues" von Oxford und die "Light Blues" von Cambridge am Sonntag zum 150. Mal auf den Weg machen, wird die reiche Tradition beschworen mit einem Veteranenrennen in Nachbauten der Originalboote von 1829. Seit damals hat die Themse allerlei erlebt. Mehrere Boote kenterten im Kampf um die Ideallinie. Vor drei Jahren kamen sich die beiden Achter gleich nach dem Start mit den Ruderblättern in die Quere - Cambridge verlor einen Riemen. 1877 gab es ein "totes Rennen", vermutlich aber nur, weil der Zielrichter völlig betrunken war. Wegen dieses Ausfalls fehlt in der Statistik ein Rennen: 149 Austragungen, 77 Siege für Cambridge, 71 für Oxford.
Den gewöhnlichen Ablauf des Rennens beschreibt der Deutsche Tim Wooge, der zweimal mit Cambridge gewann und im letzten Jahr als "Präsident" seines Teams mit seinem Achter nur hauchdünn geschlagen wurde, so: "Die ersten ein bis zwei Minuten Sprint-Tempo, um vor der ersten Kurve in Führung zu sein", dann das Taktieren, Manövrieren, Belauern, während man weiter pullt wie ein Ochse "und die Milchsäure beißt, die Lungen brennen, das Herz pocht"; zwischendurch in vom Kreislauf nur noch auf Stand-by-Modus notversorgten Hirnen die mühsame Denkarbeit, ob es sich lohnt, einen Zwischenspurt zu riskieren, der nur dann sinnvoll ist, wenn er vor der nächsten Flußbiegung eine Länge Vorsprung und damit einen Linienwechsel ergibt - und ganz am Ende nur noch Ziehen, Kämpfen, Schmerzenertragen, bis es vorbei ist, nach fast zwanzig Minuten. Das Rennen 2003 endete mit "dreieinhalb Minuten Vollgas", bis knapp vor der Ohnmacht, das knappste Rennen der Geschichte: Wooge und Cambridge verloren nach Zielfoto-Entscheid mit der kleinstmöglichen Marge, einem Fuß.
Nur auf sieben Töpfen
Wooge hat seine Ruderkarriere beendet und promoviert, dafür startet ein anderer Deutscher, der ein noch dramatischeres Mißgeschick wiedergutmachen will. 2002 war Sebastian Mayer, zweimaliger WM-Zweiter, auf dem letzten Kilometer so sehr mit seinen Kräften am Ende, daß er einen Asthma-Anfall erlitt und den Riemen nicht mehr ziehen konnte. Der Cambridge-Achtzylinder lief nur noch auf sieben Töpfen und büßte den sicheren Vorsprung ein. Seitdem hat Mayer öffentlich nicht mehr über den Vorfall geredet. Der Regensburger setzte ein Jahr aus, um seinen Biologie-Abschluß zu machen, dann stellte der Dreißigjährige sich wieder den harten Ausscheidungen, den mehr als dreißig Stunden Training pro Winterwoche. Der Kanadier Wayne Pommen, der letztes Jahr um den Start gebracht wurde, weil Cambridges Boot beim letzten Training von einem Schiff der Hafenwacht gerammt wurde und Pommen sich an der Hand verletzte, verzichtet sogar auf den möglichen Start bei den Olympischen Spielen, um die letzte Chance auf das "Boat Race" wahrzunehmen.
Ein halbes Jahr Schinderei, eiskaltes Wintertraining, kein Privatleben mehr neben dem Studium, um an einem zugigen Märznachmittag mehr als sechshundertmal mit voller Körperkraft mit einem Ruder Wasser wegzudrücken, und dann, wenn Atem und Kreislauf langsam wieder unter Kontrolle sind, mit schweren, dampfenden Gliedern, in Socken und Gummistiefeln im Uferschlamm watend, das Boot auch noch selber wieder wegzutragen, und all das nur für eine Medaille - das müssen wahre Amateure sein. Vielleicht die letzten.