11.06.2009 · Der neue Deutschland-Achter steht. Für Cheftrainer Buschbacher zählt nur Leistung, Dortmund fühlt sich allerdings angegriffen: Das Renommier-Boot befindet sich im Strudel. Die neue Besetzung wird wohl nur eine Regatta bestreiten.
Von Evi Simeoni, DortmundWenn ein Ruder-Achter die Richtung wechselt, ist das ein aufwühlendes Ereignis. Es gibt Strudel und Widerstände. Bei der Präsentation des neuen Deutschland-Achters an seinem traditionellen Heimat-Stützpunkt in Dortmund war das deutlich spürbar. Nach dem offiziellen Teil diskutierten aufgewühlte Menschen in Grüppchen über die Zukunft des schwimmenden deutschen Renommierstücks. Geht sein Kurs in die richtige Richtung? Die erschütterndste Erkenntnis für Traditionalisten dürfte sein, dass es einen klassischen Deutschland-Achter in diesem Jahr eigentlich gar nicht gibt.
Die Besatzung, die in Dortmund vorgestellt wurde, wird möglicherweise nur eine einzige Regatta bestreiten, nämlich das Weltcup-Finale vom 10. bis 12. Juli auf dem Rotsee in Luzern. Immerhin bekommt dadurch Sponsor Evonik, was er verlangt: ein Premium-Produkt aus den vier schnellsten Paaren des Frühjahrs-Tests, der deutschen Kleinboot-Meisterschaften, und das im Luzerner Schaufenster. Und die Verfechter des Dortmunder Prinzips, dass der Achter am Ems-Kanal zu Hause sein und Priorität vor allen anderen Bootsklassen haben muss, fühlen sich wenigstens kurzfristig beruhigt, denn alle acht Ruderer trainieren dort.
Doch beim Weltcup in München Ende nächster Woche wird nur ein „Perspektiv-Achter“ zu sehen sein, die Cracks werden auf Vierer verteilt. Und bei den Weltmeisterschaften im August in Posen könnte das Boot wieder ein anderes Gesicht haben, denn der Verband verfolgt einen längerfristigen Plan. „Dies ist das Jahr des Experimentierens“, sagt Sportdirektor Michael Gentsch.
„An ihrer Stelle würde mir das auch so gehen“
Mühsam versuchen die Beteiligten, keine harten Fronten entstehen zu lassen. Doch die Vorstellungen des neuen Cheftrainers Hartmut Buschbacher, dessen Ziel vier olympische Goldmedaillen 2012 sind, und des Dortmunder Stützpunkts, der sein Monopol auf den Achter nicht verlieren will, scheinen unvereinbar. „Ein Kompromiss“ sei der aktuell vorgestellte Deutschland-Achter, hieß es am Rande der Veranstaltung, doch davon will Buschbacher, der Initiator des massiven Kurswechsels, nichts wissen. „Es wird fachlich interessant sein, diesen Achter in Luzern zu sehen.“ Auch die Erkenntnisse aus dieser Regatta würden in seine weiteren Überlegungen eingehen. Allerdings wissen die einzelnen Ruderer nicht, worum sie kämpfen werden: Nach Luzern werden die Boote für die WM nach den Vorstellungen Buschbachers besetzt.
Der Achter ist „Chefsache“, einen offiziellen Achter-Trainer gibt es nicht. Die Dortmunder Legende Ralf Holtmeyer ist wiederum für alle dort angesiedelten Riemenruderer zuständig, also auch für die Mannschaft, die unter dem Etikett „Deutschland-Achter“ in Luzern startet. Schlagmann dieser Crew ist der Wiesbadener Sebastian Schmidt, einer von drei Ruderern, die vom alten, bei den Olympischen Spielen in Peking havarierten Großboot übernommen wurden. Die anderen beiden sind Florian Mennigen und Kristof Wilke. Auch die weiteren fünf waren in Peking dabei: in dem von Krankheiten gebeutelten und mehrmals umbesetzten Vierer-ohne, der am Ende Sechster wurde, nämlich Toni Seifert, Filip Adamski, Richard Schmidt, Gregor Hauffe und Urs Käufer.
Nach der Präsentation stiegen alle acht zusammen mit dem neuen Steuermann Martin Sauer aus Berlin fürs Fernsehen ins Boot. Ein harmonisches Bild. Aber eine Momentaufnahme. An Land brodelte es weiter. „Der Verband will Dortmund kaputtmachen“, schimpfte Klaus Walkenhorst, der ehemalige Stützpunktleiter und Vermarkter des Namensrechts „Deutschland-Achter“, mit unterdrückter Stimme. Buschbacher kann das sogar verstehen. „Natürlich fühlt sich Dortmund angegriffen“, sagt er. „An ihrer Stelle würde mir das auch so gehen.“ Die Ergebnisse von drei Olympischen Spielen hätten aber doch gezeigt, dass das bisherige System das falsche sei. Die letzte Olympia-Medaille gewann das Boot mit dem hohen Anspruch 1996 in Atlanta. „Für mich zählt nur ganz leidenschaftslos die Leistung“, erklärt Buschbacher immer wieder. „Der Weg hier war nicht richtig. Und meinen Weg hat man noch nicht gesehen.“