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Ruderer Lukas Müller Mann aus dem Maschinenraum

Lukas Müller mag kein moderner Galeeren-Sklave mehr sein. Der Wetzlarer hat nach dem Olympia-Gold im Achter den Übergang in ein anderes Leben geschafft - eines ohne Rudern. Das hatte er noch nie.

© Lisowski, Philip Vergrößern Lukas Müller: „Zum Schluss mehr ein Durchbeißen“

Ehrung auf Ehrung, Auszeichnung auf Auszeichnung, Besuch bei Bürgermeistern, Einträge in Goldene Bücher, Sponsorentermine. Seit August geht das schon so. Und am Jahresende stehen besonders viele Feierstunden an. In Baden-Baden hat der Deutschland-Achter an diesem Sonntag gute Chancen, als „Mannschaft des Jahres“ ausgezeichnet zu werden. Wenn bei diesen Anlässen das Rennen, das ihn zum Olympiasieger machte, noch mal gezeigt wird, ist das für Lukas Müller wie ein Blick zurück in eine ferne Vergangenheit. Weit weg, in sich geschlossen, abgeschlossen, vorbei.

© reuters Vergrößern Deutschland-Achter gewinnt Gold

Den hymnischen Reden, die auf ihn und seine Mitstreiter gehalten werden, lauscht er zwar, doch sie gehen nicht ins Herz. Müller ist im Kopf schon nicht mehr Teil des Ganzen, Teil des Teams, das für diese 2000 Meter auf dem Dorney Lake am 1. August so lange geschuftet hat. Aus dem modernen Galeerensklaven Müller ist in wenigen Wochen der einfache Student Müller geworden.

Der emotionale Rausch der goldverzierten olympischen Tage in London mündete beim Wetzlarer in einem Gefühl der Leere. Und der Besinnung. Seine Entscheidung stand fest: Er habe vor, künftig „etwas entspannter zu leben“. Mit 25 Jahren. Im sogenannten Maschinenraum (Bootsmitte) des Deutschland-Achters habe sein Maschinenbaustudium sehr gelitten. „Und durch Rudern hat man keine gesicherte Zukunft, auch wenn man erfolgreich ist“, sagt Müller.

Leben für Olympia

Vier Jahre lang war sein ganzes Leben und Streben auf Olympia ausgerichtet. Und der Aufwand, den die Ruderer betreiben (müssen), sucht in der Sportwelt seinesgleichen. Sie fahren im Leistungszentrum Dortmund ein hammerhartes Programm. Von morgens um 7 Uhr bis zum späten Nachmittag in bis zu drei Trainingseinheiten am Tag. Stumpfe Ergometer-Schufterei in der altersschwachen Turnhalle mit den kahlen Wänden, die Eisen klirren lassen in der Kraftkammer im Souterrain, Wassertraining auf dem immer gleichen Teilstück des Dortmund-Ems-Kanals.

Präsentation Deutschland-Achter © dpa Vergrößern Die alte Familie: Der Deutschland-Achter beim Training im vergangenen April

Dazu die regelmäßigen Ergometertests, bei denen die Achter-Distanz von 2000 Metern simuliert wird und die Athleten sich so verausgaben, dass sie mit übersäuerten Muskeln und rasselnder Lunge nicht selten vom Gerät kippen und sich übergeben. Und Müller und Kollegen konnten sich bis April nicht sicher sein, ob sie es gegen die interne Konkurrenz überhaupt in den Achter schaffen. Das Flaggschiff des Deutschen Ruder-Verbandes, das heraussticht aus der Flotte, dessen Mythos mit dem Olympiasieg 1960 entstand und das Boot zu einem deutschen Erfolgssymbol machte.

Der Spaß, das familiäre Miteinander im Leistungszentrum, das gemeinsame Instandhalten der Boote, die Reisen zu den Trainingslagern, das euphorische Gefühl, wenn die Schläge perfekt abgestimmt treffen und harmonieren und der eine Tonne schwere Achter „über das Wasser zu schweben scheint“ - Müller fühlte sich wohl in der Ruder-Welt. Durch den Psychostress der Auslese der acht Auserwählten sei es „zum Schluss mehr ein Durchbeißen gewesen“, sagt der 2,08 große und 102 Kilo schwere Hesse.

Jeder Rollsitz im Achter konnte zum Schleudersitz werden. Das hat Müller zu schaffen gemacht. „Das Trainingspensum und der Druck gingen zu Lasten des Spaßes.“ Als ihm Bundestrainer Ralf Holtmeyer später eröffnete, dass er seinen Platz aufgrund seiner konstant guten Leistungen immer sicher gehabt habe, half Müller das auch nicht mehr. Holtmeyer hat dieses System der Leistungsanreize eingeführt - und der Erfolg gibt ihm recht. 36 Rennen in Folge unbesiegt inklusive des Londoner Gold Race.

„Dankbar, dabei gewesen zu sein“

Ein Jahr Pause hat der zweimalige Weltmeister Müller mit dem Bundestrainer zunächst vereinbart, der nicht sonderlich froh war über die Entscheidung des Hessen. „Ich bin dankbar, dabei gewesen zu sein“, sagt Müller. „Und wenn ich zurückkehre, dann will ich es auch bis Olympia 2016 durchziehen.“ Die unheimliche Erfolgsserie des Achters werde in Müllers Augen dann aber kaum zu wiederholen sein: „Die anderen Nationen werden sich nicht wieder etwas vormachen lassen.“ Mit wie viel Lust er derzeit den Übergang in sein neues Leben angeht, spricht viel dafür, das es kein Zurück gibt.

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Mehrere Wochen am Stück nicht auf einem Rollsitz zu sein und Ruderblätter durch das Wasser zu ziehen ist für Müller eine neue Erfahrung. Der Wetzlarer hat spät mit dem Rudern angefangen (mit 16) und war früh am ultimativen Ziel: In acht Jahren von null auf Olympiasieger. Mehrere Stunden am Tag zu trainieren war für den Hünen normal, seitdem sein Talent bei der RG Wetzlar entdeckt wurde und das Revier an der Lahn ihm buchstäblich zu klein wurde. Zumal der Hüne seit Beginn seiner Karriere an Knieproblemen leidet. „Noch mal vier Jahre wird es vielleicht nicht aushalten“, sagt Müller. Er merke nun, wie es von Tag zu Tag besser wird. „Das Knie erholt sich gerade von den Strapazen.“

Und mit ihm der Rest von Lukas Müller. Obwohl sich in der Uni neuer Stress ankündigt. Müller liegt im Stoff einfach zu weit zurück. Er genieße zwar, dass er nicht mehr nur zwischen zwei Trainingseinheiten zum Lernen komme. Doch seine Aufholjagd im Stoff werde auch ganz schön anstrengend sein. Dazu muss er freilich noch daran denken, vernünftig abzutrainieren.

Sein durch den jahrelangen Drill aufgepumptes Herz verlangt nach Arbeit, will er keine Herzrhythmusstörungen riskieren. Auch seine Essensgewohnheiten haben sich geändert. In der Hochtrainingsphase vor Olympia musste er noch täglich 6000 Kalorien tanken, um die Maschine am Laufen zu halten. Heute seien es nur noch knapp die Hälfte. „Noch“, sagt Müller schmunzelnd, „bin ich nicht dick geworden.“

Quelle: F.A.Z.

 
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