Ralf Holtmeyer galt einmal als junger Heißsporn unter den Trainern - der Olympiasieg des Deutschlandachters in Seoul 1988 war das strahlende Ergebnis seines frühen Tatendrangs. 24 Jahre später gilt das Großboot des Diplomsportlehrers aus Osnabrück wieder als Olympiafavorit.
An diesem Wochenende pausiert der Deutschland-Achter aber beim Weltcup in München - und verzichtet auf den letzten Test vor den Spielen in London. Nach dem Weltcup in Belgrad hatten sich drei, vier Ruderer Infekte eingefangen, die noch nicht voll auskuriert sind. „Es ist sinnvoller, dass wir uns jetzt - sieben Wochen vor Olympia - ruhig und konsequent auf den Saisonhöhepunkt vorbereiten“, erklärt Holtmeyer. Der Bundestrainer im F.A.Z.-Gespräch.
Im Sommer werden Sie zu Ihren siebten Olympischen Spielen fahren. Das ist beachtlich für einen 56 Jahre alten Trainer.
Moment mal: 84, 88, 92, 96, 2000, 2004, 2008 - nein, zu den achten.
Ach. 1984 auch schon?
Ja. Und 1980 waren wir bereits nominiert, der Achter des Osnabrücker Rudervereins, aber da durften wir ja nicht wegen dieses sinnlosen Boykotts. 1984 in Los Angeles war ich mit einem Zweier-ohne dabei, wir sind Vierter geworden. Alle fangen immer mit dem Olympiasieg 1988 an, aber der hat eine lange Vorgeschichte.
Wären Sie gerne noch einmal der Ralf Holtmeyer von damals?
Wenn man jung ist, dann ist man naiv. Ich habe mir immer die dickste Stelle einer Mauer ausgesucht, um dagegenzulaufen. Damals habe ich mich mit Karl-Heinz Bantle angelegt, dem Sportdirektor des Deutschen Ruderverbandes, weil wir in Luzern mit dem Vereinsachter gegen den Verbandsachter fahren wollten - wir haben die Qualifikation schließlich geschafft. Letztendlich hat mich Bantle dann sogar unterstützt. So waren die Alten. Autoritär, aber letzten Endes dann doch fair. Mein Vater war auch so. Die ganze Generation. Hart, aber sie hatten eine klare Linie.
Sind Sie schon als Trainer auf die Welt gekommen?
Ich komme nicht aus dem Vereinsrudern, sondern aus dem Schülerrudern. Und da war es immer so, dass die Älteren den Jüngeren das Rudern beibringen mussten. Als der Osnabrücker Ruderverein dann einen Trainer suchte, wurde ich gefragt. Ich hatte zu der Zeit einen Motorradunfall gehabt und eine Schulterprellung und gerade Zeit. Das war 1975, ich war 19. Manchmal geht das rasant - es gab in dem Verein damals eine große Gruppe, eigentlich reiner Zufall. Erst wollte ich nicht. Ich dachte, im Verein, die alten Säcke, die schreiben dir dann vor, was du machen musst. Es waren die antiautoritären siebziger Jahre, damals wollte man mit den Alten nichts zu tun haben. Aber dann hat mich mein Vater überredet. Und es klappte sehr gut. Nach zwei Jahren waren wir Junioren-Weltmeister.
Dann war die Berufsfrage ja schon gelöst.
Nein, ich wollte eigentlich Lehrer werden. Aber dann kam Klaus Walkenhorst, der damals im Verbandsausschuss Leistungssport war - später Leiter des Dortmunder Stützpunktes. Wir haben uns getroffen, und er sagte, er sucht einen Trainer für Dortmund. Im Winter 85/86 bin ich hingegangen. Ich brauche immer so zwei Jahre: 1988 dann - bumm.
Gab es damals Ruderer, die älter waren als Sie?
Das nicht. Aber in der Osnabrücker Zeit war einer nur ein Jahr jünger als ich.
War das schwierig?
Nein, wir hatten sehr viel Freiraum, es war kein traditioneller Verein, alles sehr primitiv, wir mussten uns oft selbst helfen. Ich bin heute noch der Meinung, dass ein Trainer Freiraum braucht zur Entfaltung. Das ist auch heute noch der Unterschied zu den Kollegen, die in der DDR großgeworden sind. Die haben andere Vorteile. Sie denken sehr strukturiert. Aber meiner Meinung nach fehlt da manchmal die Eigenwilligkeit, die Kreativität.
Und heute? Können Sie Autoritäten akzeptieren?
Ich habe immer noch so einen Reflex - erst einmal antiautoritär. Das kommt durch meinen dominanten Vater. Er war Maurermeister. Anfassen, was schaffen - Ellenbogen raus. Wenn er sagte, kannst du mir mal helfen, dann hieß das: Sei mein Handlanger. Ich habe mich schon stark gegen ihn aufgelehnt. Heute verstehen wir uns viel besser.
Aber Sie müssen als Trainer doch selbst autoritär sein. Müssen Sie sich dazu zwingen?
Ja. Manchmal. Ich bin jetzt 35 Jahre Trainer. Man entwickelt natürlich eine Routine. Dazu kommt, dass ich jetzt die Vätergeneration der Ruderer bin. Der Vater unseres Schlagmanns Kristof Wilke zum Beispiel ist in meinem Alter. Das schafft eine biologische Autorität. Das war früher nicht so, da war ich eher älterer Bruder.
Würden Sie gerne noch dazugehören?
Man muss aufpassen, dass der Abstand nicht zu groß wird. Man weiß nicht mehr automatisch, was Thema ist, wenn sie zusammen ein Bier trinken. Wie sie ticken, das Lebensgefühl. Ich muss mich mehr in sie hineinversetzen.
Ticken diese Ruderer denn anders als die Generation vor 20 Jahren?
Da muss ich vorsichtig sein, weil ich mich selbst ja auch verändert habe. Ich glaube aber, dass die Ruderer heute noch stringenter sind. Diese leistungsorientierte Schicht, die das macht, ist sehr diszipliniert. Früher, wenn wir ins Trainingslager nach Sabaudia gefahren sind, 90 Kilometer von Rom entfernt, haben sie gefragt, wann können wir zusammen nach Rom fahren. Heute kapseln sie sich ab und schauen in den Computer.
Wird dadurch der Erfolg noch wichtiger?
Ja. Das liegt auch an den vielen Kommunikationsmöglichkeiten. 1988 in Seoul hatten wir nicht einmal ein Telefon im Olympischen Dorf. Die Ruderer, die in Peking im Achter saßen (und Letzte wurden), haben auch so sehr gelitten, weil sie sofort nachlesen konnten, was für Flaschen sie angeblich waren.
Ist auch auf Sie der Druck größer geworden?
Eher weniger. Ich bin irgendwie durch. Früher waren das ganz schöne Zerreißproben. Heute spüre ich den Druck körperlich und kann mich entspannen, indem ich Sport mache. Ich habe jetzt ein Alter, wo es heißt, der ist ein Denkmal, das kratzen wir nicht mehr an. Auf den hören wir mal besser.
Ist das nicht erfolgsabhängig? Ihr Achter ist zuletzt dreimal nacheinander Weltmeister geworden.
Das gibt uns große Stabilität. Es kann auch einmal eine Krise kommen, aber wenn eine Mannschaft die Erfahrung gemacht hat, wie es geht, kommt sie da auch wieder hin. Ich versuche, den Sportlern zu sagen, dass sie keine Ängstlichkeit entwickeln sollen davor, Fehler zu machen. In einem Prozess, wo man es mit zehn Leuten zu tun hat, gibt es Schwankungen. Wenn man davor Angst hat, kommen die wirklichen Probleme.
Ihre Mannschaft wirkt sehr selbstbewusst, kann man das gezielt herbeiführen?
Natürlich kann man nicht olympisches Gold programmieren. Man kann sagen, wir sind gut. Aber wer vorne steht, hängt auch von der Stärke der anderen ab. Die Engländer, die Amerikaner, die Kanadier, die sind gefährlich. Ich will deshalb nicht sagen, wir müssen Gold gewinnen. Go for Gold - das finde ich gut. Und man braucht selbst im Boot einen Kern, der Stabilität bringt.
Wer ist das?
Kristof Wilke, Florian Mennigen, Richard Schmidt, ach, jetzt könnte ich ja doch wieder fast den ganzen Achter nennen. Die ergänzen sich alle. Aber vom Technischen her hat sich alles um diese drei gruppiert. Ich habe ihnen das auch gesagt, weil ich im Frühjahr bei ihnen Nervosität gespürt habe. Aber ich finde, das muss reichen, man muss es ihnen nicht dauernd sagen.
Ihr Steuermann Martin Sauer hat kürzlich gesagt: Wenn man Holtmeyer mit dem Wort Harmonie kommt, stellen sich ihm die Nackenhaare. Stimmt das?
Erfolg verträgt sich auf die Dauer nicht mit Harmonie. So denken vielleicht Journalisten: Sie müssen einander doch verstehen, eine Mannschaft, die gut ist, muss besonders harmonisch sein. Das glaube ich nicht. Bei Karl Adam hieß es sogar noch: Leistung durch Aggression.