12.07.2009 · Mit dem Erfolg des Achters und weiteren drei Siegen melden sich die deutschen Ruderer in Luzern nach dem Jahr der Enttäuschung in der „Champions League“ zurück. Der Kontrast zum Vorjahr ist groß - und die Zeit bis zu den nächsten Olympischen Spielen lang.
Von Evi Simeoni, LuzernVorsicht, nur keine Freudentänze jetzt am Ufer des Rotsees. Die alten Wunden sind noch zu frisch, die einige Sportler und Funktionäre des Deutschen Ruderverbandes mit sich herumtragen. Nur jetzt ruhig Blut bewahren trotz des beschleunigten Pulses. Aber natürlich lassen sich vier Siege und dazu noch ein zweiter Platz beim Weltcup-Finale in Luzern nicht einfach so kühl wegstecken. Besonders der Erfolg im Achter-Rennen, dieses lang entbehrte Gefühl, dass eine Mannschaft so viel positive Energie entwickeln kann, dass der Weg nur noch nach vorne offen ist. „Wir sind jetzt in der Champions League“, sagt Achter-Ruderer Toni Seifert mit Blick auf die kommenden Weltmeisterschaften, „und spielen vorne mit.“
Welch ein Kontrast zum vergangenen Jahr, das nach einer verkorksten Verbandspolitik zwei ganze Achter-Generationen frustriert ihre Karrieren beendeten. Aber piano. Den Ball flach halten. Die Erinnerungen an den letzten Platz bei Olympia sollen nun zwar verblassen. „Aber wir sollten nicht zuviel Euphorie entwickeln“, sagt Achter-Trainer Ralf Holtmeyer. Ein Jahr nach Peking befinden sich viele Nationen im Neuaufbau. Die Ergebnisse tun gut, aber sie erlauben noch keine zuverlässigen Prognosen für das Ziel der Ziele, die Olympischen Spiele 2012 in London.
„Erfolg heilt alle Wunden“
Aber welch ein Rennen! Der Deutschland-Achter mit Schlagmann Sebastian Schmidt (Mainz) setzte sich schon nach 500 Metern mit 1,7 Sekunden deutlich von den kanadischen Schnellstartern ab, ließ das Boot aus dem Olympiasieger-Land zwischendurch bis auf 0,8 Sekunden herankommen und gewann das Rennen im Schlussspurt mit fast einer Länge Vorsprung. Kanada startete wohlgemerkt nur noch mit zwei Ruderern aus dem Gold-Boot von Peking. Dritter wurden die ebenfalls im personellen Umbruch befindlichen Niederländer. Darum: Jetzt nicht abheben. Weiterarbeiten.
Das gilt auch für die Doppelvierer der Männer und Frauen, die ihre Rennen gewannen. Die Frauen mit Stephanie Schiller auf Schlag machten dem Potsdamer Leistungszentrum wieder einmal alle Ehre. Und die Männer schafften es nach dem fünften Platz von München, ihre Kräfte effektiv aufs Wasser zu bringen. Marcel Hacker, der Frankfurter, der sich im Mannschaftsboot neue Motivation für den Einer holen will, räumte die Schlagposition für Tim Bartels, und nun lief es. Der Männer-Doppelzweier mit Stephan Krueger und Eric Knittel mit einem weiteren Sieg und der Zweier-ohne der Frauen mit Kerstin Hartmann (Ulm) und Marlene Sinnig (Krefeld) mit Platz zwei sorgten für weiteren deutschen Glanz. Cheftrainer Hartmut Buschbacher, der seit Monaten sein neues Konzept der konsequenten Leistungsorientierung verteidigen muss, wird es künftig wohl leichter haben. „Erfolg heilt alle Wunden“, sagte er.
Krueger und Knittel passen zusammen
Schon am frühen Nachmittag hatte die düstere deutsche Serie von zwei Jahren ohne Rotsee-Sieg geendet. Zuletzt hatte der Deutschland-Achter in seinem Weltmeisterschaftsjahr 2006 in Luzern gewonnen. Am Sonntag brach eine der neuerdings typischen Blutjung-Älter-Kombinationen den Bann: Der 20 Jahre alte Stephan Krueger aus Rostock und der 26 Jahre alte Eric Knittel aus Berlin gewannen in einem kräftezehrenden Endspurt das Rennen der Doppelzweier. Diese beiden rudern seit Anfang Mai zusammen und spürten gleich: Das passt. „Wir sind ins Boot gestiegen, und es hat sofort funktioniert“, sagt Krueger, und Knittel ergänzt: „Das macht richtig Spaß, wir freuen uns jeden Tag aufs Training.“
Auch von der Statur her, betonen sie, passten sie sehr gut zusammen: Zwei 85-Kilo-Leute, also in diesem Umfeld nicht unbedingt Hünen. Trotz ihres Sieges vor drei Wochen beim Weltcup in München musste sich auch diese Kleinmannschaft noch einmal bewähren, um zusammenbleiben zu dürfen. Auch sie waren von Buschbachers Strategie betroffen, nach der eine Position immer wieder neu erobert werden muss. Nun aber dürfte der Weg frei sein für dieses Boot zur WM Ende August in Posen. „Wir schauen optimistisch in diese Richtung“, sagt Krueger.
Mathias Rocher greift an
Noch angriffslustiger gab sich in Luzern ein weiterer Jung-Skuller. Der 19 Jahre alte Magdeburger Mathias Rocher schlug sich im Endlauf als Vierter hinter den Platzhirschen Drysdale (Neuseeland), Tufte (Norwegen) und Maeyens (Belgien) mehr als wacker. Rocher sieht sich bereits als großer Herausforderer von Marcel Hacker, der eigentlich vor hat, den Vierer rechtzeitig vor Olympia wieder zu verlassen und in die Solistenrolle zurückzukehren. „Hacker soll sich warm anziehen, wenn er 2012 in London Einer fahren will“, verkündete Rocher kurz nach der Zielankunft. Hacker war derweil mit seiner Mannschaft beschäftigt und verwies auf künftige nationale Ausscheidungsrennen. Buschbacher schmunzelte: „Wenn er diese Kaltschnäuzigkeit und Cleverness behält, kann man ihn bald den kleinen Lange nennen.“ Er meinte Thomas Lange, die Einer-Legende aus Halle.
... und der Samstag?
Kurt Müller (MoritzAsa)
- 12.07.2009, 20:38 Uhr