Wie ein Turner steht er vor dem großen Sprung. Er hat sich jahrelang vorbereitet und gesammelt. Seine Zielstrebigkeit und seine Konzentration stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Und doch weiß er, mehr als jeder andere, dass dieser Satz ihn ins Ungewisse katapultieren wird.
Ronny Ziesmer war auf dem Sprung zu den Olympischen Spielen von Athen 2004. Er war damals, noch bevor Fabian Hambüchen seine großen Erfolge feierte, einer der besten Turner Deutschlands. Im Trainingslager stürzte er, als er beim Sprung einen zweieinhalbfachen Rückwärtssalto machte. Als er mit dem Kopf auf den Boden krachte, zerschmetterte seine Halswirbelsäule. Was gerade Millionen Fernsehzuschauern in der Show von Thomas Gottschalk den Atem verschlagen hat, der schreckliche Unfall eines jungen Mannes mit gravierenden Folgen, passierte dem 24 Jahre alten Ronny Ziesmer in der Abgeschiedenheit von Kienbaum. Seitdem ist er querschnittsgelähmt.
Sein Ehrgeiz scheint seitdem gewachsen zu sein. Statt um Medaillen und Pokale, wie in seinem ersten Leben, kämpft er nun um Millionen. Ronny Ziesmer, dreißig Jahre alt, hat vor, die Stiftung „Allianz der Hoffnung“, deren Gründung er vor zwei Jahren anregte, aus der Treuhänderschaft der Deutschen Stiftung Querschnittslähmung (DSQ) zu lösen und über kurz oder lang selbst führen. „Das ist unser zweiter Anlauf“, sagt sein Freund und Berater Eckhard Herholz, ein ehemaliger Trainer und Fernsehjournalist. „Um zu einem Ergebnis zu kommen, brauchen wir einen zweistelligen Millionenbetrag.“
Suche nach Substanz
Mehr als dreißig Interviewanfragen sind bei Herholz und Ziesmer eingegangen, seit sich Samuel Koch in der Sendung „Wetten, dass...?“ schwer verletzte. Zwar hat sich Ziesmer den Sturz des 23-jährigen Koch im Internet angeschaut, doch kommentieren will er den Vorgang und seine Folgen nicht. „In der ersten Phase nach einem solchen Unfall ist völlig unklar, wohin es geht. Jede Prognose ist ein Rätselraten“, sagt er. „Ich sehe keinen Anlass, auch noch meinen Senf dazu zu geben. Ich kann auch keine Empfehlung geben. Das hätte alles keine Substanz.“
Substanz ist das, worum Ronny Ziesmer ringt. Deshalb spricht er an einem dieser kalten Berliner Winterabende am Kamin des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen in Berlin mit dessen Mitgliedern und Gästen. „Was heißt: aus dem Leben katapultiert?“, erwidert er auf eine Frage. „Ich bin ja noch normal, ich kann nur meine Beine nicht benutzen.“ Er macht dem Sport und dem Turnen keinen Vorwurf, im Gegenteil: Ohne das, was er im Spitzensport gelernt hat, wäre er jetzt nicht so weit, wie er ist.
„Da geht es nur um die Kohle“
Ziesmers Haltung beeindruckt, und seine Vorbereitung ist überzeugend. Er musste sich nicht nur die Fähigkeiten mühsam erkämpfen, selbständig leben und sogar Auto fahren zu können. Obwohl er seine Hände lediglich zu Fäusten ballen und die Finger nicht einzeln bewegen kann, hat er an der Fachhochschule Lausitz in Senftenberg Biotechnologie studiert. Nun steht er kurz vor seiner Bachelor-Arbeit. Sie wird Mikroelektronik mit Genetik verbinden und soll, selbstverständlich, bei der Diagnose von Nervenverletzungen wie der seinen und der von Samuel Koch eingesetzt werden.
„Machen wir uns nichts vor“, antwortet Ziesmer auf die Frage, worüber er mit den Wissenschaftlern rede, die er mit seiner Stiftung unterstützt. „Da geht es nur um die Kohle.“ Wie im Sport sei man in der Forschung nie am Ziel. „Der Grundgedanke ist: Es gibt kein Ende“, sagt er. „Eine Erkenntnis wirft zehn neue Fragen auf.“ Um Fragen und Erkenntnisse der Neuro-Wissenschaften aus aller Welt und allen Disziplinen miteinander zu verbinden, plant Ziesmer die Gründung eines Zentrums für Neuronale Regeneration: ein internationales Kompetenzzentrum für die Therapie von Nervenverletzungen.
Ko-Kommentator von Turn-Übertragungen
Auf seine Rolle als Vermittler zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit hat er sich gut vorbereitet. Für das ZDF ist er Ko-Kommentator von Turn-Übertragungen, ansonsten gilt seine Konzentration dem Studium. „Mir nützt ja keine Stiftung, für die ich Überzeugungsarbeit leisten will, wenn ich nichts davon verstehe“, sagt er. „Ich sehe meine Aufgabe darin, durch Authentizität und durch Kompetenz zu überzeugen.“
Angela Merkel hat Ziesmer längst für sich gewonnen. Drei Wochen nachdem sie im November 2005 ins Kanzleramt eingezogen war, lud sie ihn ein, von seinem Plänen zu berichten. Zwei Jahre später wurde sie Schirmherrin der „Allianz der Hoffnung“. Nicht nur, weil sie Naturwissenschaftlerin ist, unterstütze sie sein Anliegen, glaubt Ziesmer, sondern auch, weil sie die politische Dimension erkenne. „In die Forschung zu investieren hat unmittelbaren Nutzen“, sagt er. „In einem Leben wie meinem entstehen ein bis zwei Millionen Euro Pflegekosten. Das belastet eine Volkswirtschaft mit Milliarden. Da muss man der Gesellschaft sagen: Investiert doch mal!“
Die Reaktion der Förderer und Stifter lässt keinen Zweifel offen: Ziesmer hat sie an diesem Abend am Kamin überzeugt. Der Generalsekretär des Verbandes, Hans Fleisch, ermutigt Ziesmer salopp und wirkungsvoll. „Das Geld sucht gute Typen“, sagte er. „Und es wird Sie finden.“