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Ronnie O'Sullivan Allein mit 22 Kugeln

21.04.2009 ·  Er kämpft ständig gegen Depressionen, war alkoholsüchtig und drogenabhängig, sein Vater sitzt seit 17 Jahren wegen Mordes. Ronnie O'Sullivan gilt als genialster Spieler in der Geschichte des Snooker. Doch er ist auch ein Gefangener seiner dunklen Gedanken.

Von Christian Eichler, London
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Er kämpft ständig gegen Depressionen, war alkoholsüchtig und drogenabhängig, sein Vater sitzt seit 17 Jahren wegen Mordes. Ronnie O'Sullivan ist ein Gefangener seiner dunklen Gedanken und seines strahlenden Genies. Es zwingt ihn, seine Tage in fensterlosen Räumen zu verbringen, allein mit 22 Kugeln: „Man kann vereinsamen beim Snooker.“ Das heißt, wenn er überhaupt aufsteht, wenn er morgens gegen die Depression ankommt. Wenn nicht, beneidet er Menschen, die ein normales Leben haben, „immer einen neuen Tag, mit immer neuen Problemen zu lösen. Snooker ist nicht so. Es ist immer dasselbe, jeden Tag.“ Dann bleibt er manchmal bis zum Nachmittag liegen, „das sind die verlorenen Tage“. Es gibt auch die gewonnenen Tage. An denen ist O'Sullivan der genialste Spieler in der Geschichte des Snooker, das sagen berühmte Kollegen wie Steve Davis oder John Higgins. Flair, Tempo, unglaubliche Stöße und Serien machen ihn zum populärsten Künstler des Queues. Als Titelverteidiger ist er der große Favorit der Weltmeisterschaft im Crucible Theatre in Sheffield in den nächsten beiden Wochen.

Die Langsamkeit der Kollegen ödet ihn an

Doch auch an solchen Tagen bleibt er unberechenbar, am meisten für sich selbst. Die Schwankungen des Gemüts beeinträchtigen das Spiel: „Dann schaffe ich plötzlich einfache Stöße nicht, verliere meinen Rhythmus, werde nervös und weiß nicht, was ich als Nächstes produzieren werde.“ Oft hat der 33-jährige Engländer schon gedroht, aufzuhören. Zuletzt im Januar, als er voller Wut daheim sein Lieblings-Queue zertrümmerte - und kurz danach, mit einem neuen, das Masters in Wembley gewann.

Ihn, der 1996 bei der WM eine Jahrhundertdarbietung des Snooker und des Sports zeigte, ein Maximum-Break von 147 Punkten (15 Mal Rot plus Schwarz versenkt, dann alle sechs Farbigen) in unfassbaren 5:20 Minuten, pro Kugel neun Sekunden - ihn, den sie „The Rocket“ nennen, die Rakete, ödet die Langsamkeit vieler Kollegen an, das Statische, Behäbige der Darbietung, die endlosen Pausen zwischen den Stößen. Er glaubt, auch die Fans langweile das. Und so prophezeite er nach seinem Masters-Sieg, Snooker sei „im Begriff zu sterben“. Wenn das der Weltmeister und Weltranglistenerste sagt, ist Alarm, und so konterte Sir Rodney Walker, der Chef von „World Snooker“, umgehend: „Es ist kein sterbender Sport. Wir haben enorme Zuschauerzahlen.“ Bei der WM gilt das, bei kleineren Turnieren aber nicht mehr.

Sklave der eigenen Biochemie

In einem sehr offenen Interview mit dem „Guardian“ schilderte O'Sullivan kurz vor der WM, dass er sich auf einem guten Weg sehe: „Ich bin seit einem Jahr trocken.“ Nach seinem ersten Alkoholentzug 2000 gab es Rückfälle, nun nicht mehr. Auch von Antidepressiva sei er weg. „Ich bin das los. Ich will mich nicht darauf verlassen, dass mich ein paar Pillen über den Tag bringen.“ Es ist ein Leben als Extremist, als Sklave der eigenen Biochemie, pendelnd zwischen selbstzerstörerischen und selbstheilenden Kräften. Stabilität findet O'Sullivan vor allem beim Laufen, das er täglich betreibt. Und ihn beflügelt, dass sein Vater bald aus dem Gefängnis kommt.

O'Sullivan senior, Besitzer einiger Sex-Läden in Soho, hatte in einem Nachtklub einen Mann erstochen, einen Leibwächter der Kray-Zwillinge, der einstigen Unterwelt-Könige von London. Nach 18 Jahren kommt er in diesem Jahr frei. Schon jetzt darf er erstmals einige Tage bei der Familie verbringen. „Ich will diesen Titel für meinen Dad gewinnen. Und nächstes Jahr wird noch besser: Er wird dort sein und mich hoffentlich meinen Titel verteidigen sehen.“

„Eher würde ich Tüten packen“

Snooker braucht einen motivierten O'Sullivan. Er gibt dem Spiel, das mit seinen Längen die Fans auf harte Proben stellen kann (das WM-Finale 2006 dauerte vierzehneinhalb Stunden), einen Schwung, den es nötig hat. „Mein Spiel basiert auf Instinkt. Ich bin nicht der typische Snooker-Spieler wie Davis, Hendry oder Higgins. Sie sind sehr methodisch und diszipliniert, verlässlich wie die Deutschen.“ Der Sohn einer Sizilianerin sagt: „Ich bin mehr wie ein Italiener, manchmal unberechenbar.“

PR-Experten haben versucht, aus O'Sullivan den Typ Sportstar zu machen, den die Geschäfts- und Medienwelt verlangt - den politisch korrekten Repräsentanten, der nette Plattitüden absondert. Ohne Erfolg. O'Sullivan bleibt einer, der schon mal den Schiedsrichter attackiert, in Mikrofone flucht oder sagt, was er denkt. „Ich brauche niemanden, der dafür sorgt, dass alles, was ich sage, korrekt ist“, verteidigt er sich. „Ich habe ein gutes Herz, nur darauf kommt es an, und es wird nie gelingen, mich zu verbiegen. Eher würde ich im Supermarkt Tüten packen.“

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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