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Rollstuhl-Fechterin Simone Briese-Baetke : Der ganz persönliche Tunnelblick

Total fokussiert: Rollstuhl-Fechterin Simone Briese-Baetke (r.) Bild: picture alliance / dpa

Ihr Sichtfeld ist massiv eingeschränkt. Multiple Sklerose zwingt sie in den Rollstuhl. Aber Simone Briese-Baetke kämpft. Im Leben, im Sport, mit Degen und Florett. „Da geht noch was“ ist ihr Motto.

          „Ich dachte zuerst, man rollt aufeinander zu und schwingt den Degen“, erinnert sich Simone Briese-Baetke an den Moment, als sie zum ersten Mal von Rollstuhl-Fechten hörte. Doch schnell wurde ihr klar, dass das so nicht funktionieren kann: „Man würde im Kreis fahren, weil man mit einer Hand den Rollstuhl nicht steuern kann.“ Die frühere Leichtathletin, die an multipler Sklerose leidet und als Folge der Krankheit nicht mehr laufen kann, war interessiert. Und lernte, dass Rollstuhlfechter sich in fixierten Gestellen gegenübersitzen - gerade so weit auseinander, dass sie sich beim Duell mit ihren Stichwaffen treffen können. So wie vor kurzem bei den Europameisterschaften in Straßburg - auf der Bühne der Besten des Kontinents. Auf ihrer Bühne.

          Schon nach dem ersten Probetraining im Jahr 2007 war der Mecklenburgerin klar, dass sie endlich eine Sportart gefunden hatte, die zu ihr passt - und eine Beschäftigung, die sie ausfüllt. „Da geht noch was“: Das war ihr Gedanke.

          „Da geht noch was“, das ist eine Formulierung, die sich ein Fußgänger gegenüber einem Rollstuhlfahrer nicht so leicht erlauben würde - aber Simone Briese-Baetke ist nicht zimperlich. Darf sie auch nicht sein angesichts ihrer Lebens- und Leidensgeschichte. Seit ihrer Schwangerschaft mit 22 Jahren leidet sie unter multipler Sklerose. Später erkrankte sie auch an Epilepsie. Bei einer komplizierten Gehirnoperation wurde sie davon zwar erlöst, dabei wurde aber ihr Sehnerv verletzt. Ihr Gesichtsfeld ist seitdem sehr stark eingeschränkt. „Ich habe den Tunnelblick, den sich viele Sportler wünschen“, sagt die heute 48 Jahre alte Frau mit bizarrem Sinn für schwarzen Humor.

          Simone Briese-Baetke bei den Paralympics in London: „Da geht noch was“

          Den Rollstuhl hat sie als Stütze akzeptiert, nachdem die Kraft ihrer Beine sie nach und nach verließ. „Erst konnte ich schlecht laufen, dann sehr schlecht, dann gar nicht mehr.“ Heute habe sie gelernt, damit zu leben. „Man stößt an Grenzen“, sagt sie, „doch Grenzen sind Herausforderungen.“

          Ihre Leidenschaft und ihr Talent für das Fechten verschafften der gelernten Kauffrau wieder ein geregeltes Leben. „Ich wollte mir nichts beweisen, aber ich wollte eine Aufgabe haben - wie jeder andere Mensch auch.“ Sie wechselte von Rostock erst nach Tauberbischofsheim und später zur TSG Reutlingen. Dort kann sie sich auf eine 1:1-Betreuung durch Fechttrainer Philipp Pleier stützen und trainiert mittlerweile fünf Mal pro Woche - Ausdauer und Kondition, Kraft und Technik. Dazu kommen Videoanalyse und mentales Training.

          „Ich kann mich sehr gut fokussieren“

          Ihr eingeschränktes Sichtfeld nutzt sie tatsächlich, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, was beim Fechten enorm wichtig ist. „Ich kann mich sehr gut fokussieren“, sagt sie. Bei den Europameisterschaften in Straßburg war sie die älteste Teilnehmerin im Feld - mit der kürzesten Fechtkarriere von allen. Doch beides sollte ihr nicht zum Nachteil gereichen: Simone Briese-Baetke gewann in der Klasse B Gold mit dem Degen und Bronze mit dem Florett. 2013 war sie schon WM-Dritte mit dem Florett gewesen, 2012 hatte sie bei den Paralympics Silber mit dem Degen gewonnen.

          In Straßburg wurden die Wettbewerbe der Rollstuhl-Fechter parallel zu den Europameisterschaften der Nichtbehinderten ausgetragen. In der gleichen Halle, nur ein wenig aus dem Haupt-Blickfeld an die Seite gesetzt. „Wir rücken immer näher ans Geschehen“, sagt Bundestrainer Swen Strittmatter. „In Paris vor ein paar Jahren mussten wir noch hinter der Halle fechten.“ Strittmatter war selbst ein guter Fechter und ist nun seit 2009 Cheftrainer der Rollstuhl-Fechter. Er versucht, möglichst viele Berührungspunkte zu setzen. So richtet er in seiner südbadischen Heimat offene Meisterschaften im Rollstuhl-Fechten aus - auch für Nichtbehinderte. Und hat dabei festgestellt: „Simone ist ein sehr schwerer Gegner für Fußgänger. Sie ist ein Vorbild für alle im Team.“

          „Fechten passt zu mir wegen der Geschwindigkeit“, sagt Simone Briese-Baetke. „Bei mir muss alles schnell gehen, schnell, aber präzise.“ Schnelligkeit zeichnet die kleine Frau mit den kurzen Haaren auch gedanklich aus - und verbal. Sie redet nicht viel, aber was sie sagt, sitzt. „Vollends zufrieden“ sei sie nach den beiden Medaillen bei der EM gewesen, aber nicht zu lange: „Wer zufrieden ist, hakt eine Sache ab.“ Sie wolle sich aber nicht auf Erfolgen ausruhen.

          Die Sportlerin Simone Briese-Baetke hat sich selbst einige Tricks ausgedacht, wie sie sich noch verbessern kann. Anfangs stellte sie sich mit dem Rollstuhl vor die Dartscheibe ihres Sohnes und versuchte immer wieder, mit ihrem Degen auf dieselbe Stelle zu stechen. Später hat sie sich eine Schaufensterpuppe besorgt, diese als Sparringspartnerin in einen Rollstuhl gesetzt - und so präpariert, dass die Augen leuchten, wenn sie sie mit dem Degen an den richtigen Stellen trifft.

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