Rolf Aldag, 43, war 15 Jahre lang Radprofi. Für das Team Telekom und für T-Mobile fuhr er zehnmal die Tour de France. 2005 beendete er seine aktive Karriere und arbeitete als Sportdirektor bei T-Mobile. 2007 gestand er Epo-Doping ein. T-Mobile-Chef Bob Stapleton hielt dennoch an ihm fest und übernahm ihn auch als Manager in sein neues Team HTC-Highroad.
Aldag gilt heute als wortgewandter Kritiker des internationalen Radsportverbandes und als Doping-Gegner. Seit Anfang des Jahres ist er „Managing Director“ für Deutschland bei der World Triathlon Corporation, dem Eigner des Ironman-Labels.
Laufschuhe und Badehose zählen nicht gerade zur Grundausstattung eines Radprofis. Wie kamen Sie zum Triathlon?
Ich war als Radprofi oft im Club La Santa auf Lanzarote, und dort haben immer viele Triathleten trainiert. Lothar Leder, Thomas Hellriegel, mit ihnen habe ich viele Einheiten gemacht. Ich bin mit ihnen Rad gefahren, danach war ich platt und hab mich aufs Bett gelegt, aber diese Jungs sind dann erst mal Laufen gegangen. Das hat mich fasziniert. Und wenn ich am nächsten Morgen zum Frühstück ging, kamen sie mir schon in der Badehose entgegen.
Das hat Sie beeindruckt?
Ja, mein Eindruck dabei war immer, so richtig gewürdigt werden diese Jungs nicht. Mich hat gestört, dass die Triathleten so ein Schattendasein fristen. Ich habe gesagt, das kann doch nicht wahr sein, dass keiner versteht, was diese Jungs leisten. Das ZDF drehte 2006 einen Film über mein Triathlon-Abenteuer, mir ging es dabei vor allem darum, mehr Öffentlichkeit zu suchen und diesen faszinierenden Sport aus der Ecke rauszuholen, das wollte ich 2006, und das will ich auch heute noch, da ich für die Ironman Company arbeite.
Wann hatten Sie sich entschlossen, einen Ironman zu machen?
1999 saßen wir auf Lanzarote auf ein Bier zusammen, und ich war ein bisschen vorlaut. Laufen, habe ich gesagt, das kann doch jeder, einen Marathon würde ich locker unter 2:45 Stunden laufen, dann haben wir zum Kellner gesagt, komm, wir brauchen einen Kugelschreiber, und dann haben wir auf einen Bierdeckel geschrieben, dass ich den Hamburg-Marathon unter 2:45 Stunden laufe, und wenn ich das nicht schaffe, dass ich dann zwei Ironman-Rennen im gleichen Jahr machen werde.
Es hat bis dahin noch ein paar Jahre gedauert.
Ja, Ende 2005 habe ich meine Rad-Karriere beendet, so lange musste ich warten. Also 2006. Aber die Vorbereitungszeit war äußerst knapp, weil ich bis Februar noch Sechstagerennen gefahren bin und nicht laufen konnte. Das war nicht einfach: Ich hatte zwar eine brutale Ausdauer, aber keine Laufgrundlage. Mein Herz-Kreislauf-System sagte: Lauf schneller, lauf schneller, du kannst auch 2:15 Stunden schaffen, aber meine Muskeln sagten: Stopp! Keinen Schritt weiter! Willst du uns ruinieren? Nach der ersten Laufwoche habe ich gesagt: Das wird nichts, ich lern mal besser schwimmen.
Wie gut konnten Sie schwimmen?
Gar nicht. Das Schwimmen war superfrustrierend. Mein Freund ist Kfz-Mechaniker, er musste um sieben in der Werkstatt sein, also haben wir um sechs im Schwimmbad gestanden und waren da quasi beim Seniorenschwimmen. Mit Kraulen bin ich nicht zur anderen Seite gekommen, ich hatte keine Koordination, konnte nicht atmen, und man wird ziemlich blau im Gesicht, wenn man 50 Meter ohne Atmung schwimmt, und das hilft auch nicht wirklich weiter, wenn man weiß, man muss eigentlich nicht 50 Meter schwimmen, sondern 3,8 Kilometer. Es waren keine Bahnen abgesperrt, es gab Querschwimmer und viele Zusammenstöße. Da habe ich gesagt, ich lass das erstmal. Mitte März habe ich mir vom Radfahren eine Helmuntermütze genommen und sie unter die Badekappe gezogen, dann noch ein Neoprenanzug und Handschuhe an, und dann bin ich zum Baggersee und habe mich bei zwölf Grad Wassertemperatur reingestürzt und bin mit den Fischen geschwommen.
Was hat Ihre Frau zu alldem gesagt?
Sie hat mich unterstützt. Wir konnten zusammen laufen, und ich habe auch sehr viel Radvorbereitung mit dem Babyanhänger gemacht, mit meiner kleinen Tochter hintendrin. Das war schon okay.
Sie sind dann in Hamburg den Marathon in 2:42 Stunden gelaufen, Wette gewonnen. Sie hätten keinen Ironman machen müssen.
Ja, aber es war klar, dass ich hintendran den Ironman machen würde, gar keine Frage. Ich wollte das ja auch. Ich wusste, fitter werde ich nicht mehr in meinem Leben. Das Problem war aber, dass ich kaum noch laufen konnte nach Hamburg, das waren dort die fürchterlichsten Schmerzen meines Lebens. Ich hatte nur vier Wochen, am 23. April war Hamburg, und am 20. Mai war schon der Ironman auf Lanzarote. Ich bin nur noch ein einziges Mal fünfzehn Kilometer gelaufen vor dem Ironman, zehn Tage vorher, das musste reichen.
Erster Marathon in 2:42 Stunden, das ist eine ziemlich gute Zeit. Hatten Sie da nicht mal im Hinterkopf: Ich versuche, was jetzt Lance Armstrong macht, ich greife an und will irgendwann Hawaii gewinnen?
Nein, da hatte ich zu viel Respekt vor den Triathleten. Ich hätte natürlich sagen können, ich hänge mich da jetzt rein, volle Kanne, ein Jahr lang, denn ich glaube schon, dass ich schneller fahren könnte als 4:18 Stunden, das ist der Radrekord für die 180 Kilometer auf Hawaii. Aber wenn du dann ausrechnest, wie schnell du schwimmen und laufen müsstest, um zu gewinnen, dann siehst du schnell, dass das nicht machbar ist, völlig utopisch.
Wie war das Schwimmen auf Lanzarote?
Sie haben mir eine goldene Badekappe aufgesetzt und mich zu den Profis ins Wasser gestellt, siebzig Meter dahinter die schnellsten Amateure. Thomas Hellriegel hat mich drauf aufmerksam gemacht, dass das schwierig wird, das sei eine „Haudrauf-Badekappe“, hat er gesagt, und wenn die über mich drüber schwimmen, sei mein Kopf ein Super-Abdruckpunkt. Leider hat er das erst drei Minuten vor dem Start gesagt, und ich hab gedacht, was machste jetzt?
Sie haben es überlebt.
Ja, als der Startschuss kam, bin ich nicht auf die erste Boje zugeschwommen, sondern 45 Grad nach rechts, um von der Meute wegzukommen, und innen kam dann die Welle der Top-Amateure vorbei. Das ganze Schwimmen war dann ziemlich cool. Als nach der ersten Runde klar war, dass ich im Zeitlimit bleiben würde, war es extrem entspannt, auch wenn ich den Kampf gegen den Brustschwimmer neben mir verloren habe. Es waren rund tausend Athleten am Start, und ich kam als 798. aus dem Wasser. In der Wechselzone habe ich geduscht, mich eincremen lassen, mich umgezogen, bin auf die Toilette gegangen und habe meine Frau im Hotel angerufen. Wechselzeit 8:37 Minuten, nicht ganz optimal, die Profis brauchen 2:30.
Muss aber ziemlich Spaß machen, dann einen nach dem anderen zu überholen.
Das Radfahren war relativ nervig. Du fliegst an den Ersten vorbei, musst immer rufen und irgendwie zwischen den Athleten und ihren Begleitfahrzeugen durchkommen. Ich bin mit 360 Watt im Schnitt losgefahren, völlig bekloppt, knapp unter Tour-de-France-Zeitfahrwerten, nach anderthalb Stunden hatte ich mich ein bisschen durchsortiert, aber auch völlig überzogen. Ich hatte noch 110 Kilometer vor mir und mich gefragt, wie soll ich die denn überhaupt noch schaffen. Ich habe ein bisschen rausgenommen, und bekam zehn Kilometer vor dem Wechsel einen Krampf im Oberschenkel. Beim Radfahren! Da sagst du dir dann, na super, läuft ja bestens, hast ja nur noch 42 Kilometer zu laufen.
Hört sich nach einer ziemlichen Quälerei an.
Ich hatte mir 3:15 Stunden für den Marathon vorgenommen. Es sind dann aber nur 3:27 geworden, war schon brutal, nicht so der Schmerz, weil die muskuläre Belastung nicht so groß war bei dem Tempo, aber die Müdigkeit so ab Kilometer zwanzig. Ich hatte unterwegs das Gefühl, du musst dich jetzt auf den Bordstein setzen und schlafen. Das waren schwierige Momente, dann immer Cola, Wasser, Cola an jeder Verpflegungsstation.
Hatten Sie diese Art von Müdigkeit schon mal erlebt vorher, bei einer schweren Tour-Etappe?
Nein, diese Müdigkeit war für mich ganz neu. Auf den letzten Metern ist meine Frau dann auf die glorreiche Idee gekommen, nimm doch unsere Kleine mit über die Ziellinie. Ich habe das auch für eine gute Idee gehalten, bis ich sie auf dem Arm hatte. Ich war damit völlig überfordert. Sie wog ziemlich genau eine Tonne, und ich habe gedacht: Wie kann ein fünf Monate altes Kind so schwer sein! So gern ich meine Tochter habe, ich habe sie zwei Meter nach der Ziellinie irgendjemandem in die Hand gedrückt.
Da war nichts mit Glücksgefühlen im Ziel?
Ich brauchte erst mal meine Ruhe. Ich glaube, ich hab eine Stunde im Sanitätszelt rumgelegen. Es ist unglaublich, du läufst über die Ziellinie, und es macht klick, und es ist vorbei. Die ganze Spannung fällt ab, und dann brauchst du einen, der dich hält und stützt. Die Zeit war grottenschlecht, 10:22 Stunden. Gesamtplatz 50.
Grottenschlecht? Sie sind von 800 auf 50 vorgeradelt und gelaufen - und Sie hatten die Qualifikation für Hawaii. Davon träumt jeder Triathlet.
Ja, Hawaii. Die Startgebühr muss man gleich am nächsten Tag bezahlen. 465 Euro in Cash waren das damals. Ich habe so viel Bargeld nicht dabeigehabt und es mir zusammengeliehen. Hawaii sollte der Abschluss des Leistungssports für mich werden, ein großer, schöner Ausflug mit der Familie. Ist dann aber nichts draus geworden, weil der neue Job im Radsport, im Telekom-Management, dazwischenkam.
Ohne Hawaii, bleibt da das Gefühl, etwas verpasst zu haben?
Ja klar, das frisst schon ein bisschen. Man hat das Gefühl, da draußen ist noch was: Kona, Hawaii.
Werden Sie es irgendwann nachholen?
Ich denke schon, aber wenn ich auf Hawaii starte, dann mit Ambitionen. Das wird wegen der beruflichen Belastung 2012 nichts werden und auch nicht 2013, vielleicht danach, ich hoffe es.
Sie würden nicht als Tourist starten wollen?
Nein, ich würde schon versuchen, meine Altersklasse zu gewinnen, da bricht der Ehrgeiz dann wieder durch.