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Robert Hübner wird 60 : „Die Fehlersuche ist die Essenz des Schachspiels“

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Robert Hübner: am Brett frisch und wach Bild: dpa

Robert Hübner, bis Mitte der 90er-Jahre Deutschlands bester Schachspieler, wollte sich eigentlich nur zehn Jahre seines Lebens mit Schach beschäftigen. Heute, an seinem 60. Geburtstag, hat er das Gefühl, dass die Spieler selbst hin und hergeschubst werden.

          Robert Hübner, Deutschlands gegenwärtig bester Schachspieler, wollte sich eigentlich nur zehn Jahre seines Lebens mit Schach beschäftigen. Heute, an seinem 60. Geburtstag, sagt er, dass er sich nicht mehr für einen Berufsspieler hält.

          Herr Hübner, zwischen 1970 und 1991 waren Sie viermal WM-Kandidat. Haben Sie sich angesichts des WM-Kampfs zwischen Anand und Kramnik, der vorige Woche in Bonn zu Ende ging, an Ihre eigenen Zweikämpfe erinnert?

          Mein eigenes Herangehen ist insofern schwer zu vergleichen, als ich nie so tief im Schach verwurzelt war wie diese Spieler. Deshalb musste ich ein spezielles Eröffnungsprogramm für meine Wettkämpfe ausarbeiten. Das hat mich aber nie begeistert. Eröffnungsarbeit ist normalerweise sehr frustrierend. Man vergisst das Erarbeitete wieder, alles ändert sich, und es bleibt kein dauerhafter Erkenntniszuwachs.

          Deutschlands bester Schachspieler: Robert Hübner

          Kramnik und Anand haben sich auf ihre WM umgeben von Großmeistern und Computern viele Monate vorbereitet.

          Sowohl Systematik als auch Einsatz werden, glaube ich, übertrieben dargestellt. Richtig daran ist, dass man immer mit dem bevorstehenden Wettkampf lebt. Man tut zur Vorbereitung, was man kann, aber es ist viel wichtiger, dass man am Brett frisch und im richtigen Moment wach und initiativ ist. Natürlich sieht man sich vorher die Partien des Gegners an und versucht, eine Spielercharakteristik zu machen. In welcher Art von Stellungen fühlt er sich wohl, in welcher nicht. Das sind aber keine psychologischen, sondern spieltechnische Beobachtungen.

          Wie befriedigend fanden Sie diesen Teil der Vorbereitung?

          Das ist normale Arbeit. Ich habe nie gemeint, dass Schachspielen eine großartige Beschäftigung ist; aber es gibt auch schlechtere Beschäftigungen. Als ich mit dem dreißigsten Lebensjahr anfing, intensiver zu spielen, hatte ich mir vorgenommen, nach etwa zehn Jahren zur Philologie zurückzukehren. Aber das ist dann doch nicht geschehen.

          Bereuen Sie Ihre Schachkarriere?

          Diese Sachen sind vorbei und geschehen. Das Schachspielen hatte den Vorteil eines großen Freiheitsgrads, dass man von anderen Leuten wenig abhängig ist, solange man erfolgreich genug ist. Jetzt hat sich das Schachleben stark verändert.

          Zum Besseren oder zum Schlechteren?

          Mir persönlich liegt die moderne Erscheinungsform sicherlich weit weniger, anderen mag sie mehr liegen. Veranstaltungen sind Massenveranstaltungen geworden. Statt Einladungsturnieren gibt es mehr offene Turniere. Als ich 1968 in Lugano meine erste Schacholympiade spielte, wurde man noch als Individuum behandelt. Jetzt fühle ich mich, wenn ich Schach spiele, mitunter mehr als Gebrauchsstück denn als Individuum; die Spieler werden weit mehr hin und hergeschubst, als das früher der Fall war. Auch wird der zählbare Erfolg immer wichtiger genommen; Schach wird immer mehr als Sport aufgefasst, während es meines Erachtens doch eher eine kulturelle Erscheinung sein und als solche behandelt werden sollte. (Siehe: Großmeister Hübner: „Schach ist kein Sport“ ).

          Bei der Schacholympiade, die nächste Woche in Dresden beginnt, darf nicht vor dem 30. Zug remis vereinbart werden. Was halten Sie davon?

          Im Augenblick ist von Remisspielerei weit und breit nichts zu sehen. Gerade an der Weltspitze wird dauernd aus härteste gekämpft. Schach ist ein Gleichgewichtsspiel, remis ist ein normales Ergebnis. Man stellt hier zwei widersprüchliche Forderungen an die Spieler, nämlich erstens, etwas inhaltlich Wertvolles zu schaffen, und zweitens, möglichst viele Punkte zu sammeln. Das passt nicht zusammen. Gerade für die Schacholympiade, an der neben Spitzenspielern eine große Zahl von Hobbyspielern teilnimmt, ist eine solche Regelung absurd.

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