Ein starkes Spiel beginnt für ihn mit schöner Musik oder einem spannenden Buch. Rob Zepp ist auch in diesen Play-offs der Deutschen Eishockey Liga (DEL) seiner Mannschaft in bislang allen neun Partien dank einer eigenwilligen Vorbereitung ein zuverlässiger Rückhalt gewesen. Die Bilanz weist für den 30 Jahre alten Torwart der Berliner Eisbären eine überzeugende Fangquote aus: 96,1 Prozent aller Schüsse wehrte er mit der Kelle aus Karbon, dem ledernen Fanghandschuh oder den vier Kilo schweren Beinschonern ab.
Doch am wichtigsten, um seinen Abwehr-Job zuverlässig zu erfüllen, sei „das hier oben“, sagt er und tippt sich dabei an die Stirn. „Der Kopf“, meint der Keeper, mache im Spitzensport oft den entscheidenden Unterschied aus: „Er muss genauso wie der Körper trainiert werden.“
Deshalb arbeitet Zepp mit einem Psychologen zusammen, um Stresssituationen zu simulieren, die Konzentrationsfähigkeit zu schulen und Entspannungsübungen zu finden, die den permanenten Leistungsdruck erträglicher machen sollen. „Ein Goalie kann theoretisch und technisch so gut ausgebildet sein wie niemand sonst - wenn er sich nicht fokussieren kann, ist alles andere nichts wert“, sagt Zepp.
Auch vor dem zweiten Play-off-Endspiel an diesem Mittwoch bei den Mannheimer Adlern (19.30 Uhr) wird Zepp Kopfhörer aufsetzen oder zu einem Buch greifen. Bei Rockklängen von Green Day und der von ihm bevorzugten Lektüre skandinavischer Thriller gelingt es ihm am besten, Aufregung und Anspannung zu beherrschen und in die „Zone hinüber zu kommen“, wie er seinen gewünschten Zustand der totalen Aufmerksamkeit für die kommende Aufgabe nennt. „Danach bin ich bereit.“
Dann schlüpft er in seine Montur und gleitet später hinaus in die abgedunkelte Arena, begleitet von blitzenden Scheinwerfern auf seinen Arbeitsplatz zwischen den Pfosten, der in dieser Finalserie, die für sich entschieden hat, wer zuerst drei Spiele gewinnt, besonders im Brennpunkt steht.
Anders als den Kollegen vor ihm ist Zepp während der Partie kaum eine Verschnaufpause gegönnt; er muss den Puck ohne Unterlass im Blick behalten, sonst droht Ungemach, wenn ein Angreifer die Hartgummischeibe mit bis zu 160 Kilometern pro Stunde abschießt.
„Meisterschaften machen süchtig“
Gerade die Berliner pflegen einen offensiven Spielstil, der auf viel Puckbesitz ausgelegt ist und die andere Seite pausenlos unter Druck setzen soll. Doch der Mut zum Risiko birgt die Gefahr, dass die Verteidigungsbereitschaft manchmal zu kurz kommt. Entsprechend oft ist die Tatkraft ihres Schlussmanns gefragt, der im kanadischen Newmarket geboren wurde und seit 2008 die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt.
Zepp wurde vor sechs Wochen zum zweiten Mal Vater. Dank Tochter Madelyn Rose geht es seitdem zu Hause eine Spur turbulenter zu, doch das stört ihn nicht, er genießt die kurzen Auszeiten fernab des Profi-Alltags ganz bewusst. Verteidiger Jens Baxmann, der Zepps Auftritte aus nächster Nähe verfolgt, sagt, dass es ihn beruhige, dass der Schlussmann stets hellwach sei: „Wenn da hinten einer drinsteht wie er, der Sicherheit ausstrahlt, hilft das einem Team sehr.“
Das der Eisbären treibt ein besonders großer Erfolgshunger an. Sie wollen den Siegerpokal zum sechsten Mal erobern und damit in der DEL-Bestenliste mit den Adlern gleichziehen. Zepp selbst macht sich um die nötige Motivation des Titelverteidigers keine Gedanken: „Meisterschaften machen süchtig.“