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Rio de Janeiro „Olympia für die Reichen“

Menschenrechtler befürchten, dass die Olympischen Spiele in Rio auf Kosten ärmerer Einwohner gehen. Es entsteht eine Stadt, die im Inneren sicher ist, aber seine Gewalt in die Außenbereiche transportiert.

© REUTERS Vergrößern Rio de Janeiro steht in den kommenden Jahren sportlich im Mittelpunkt

Die Aktionen können ihm nicht spektakulär genug sein. Einst ließ Antonio Costa auf dem Strandabschnitt vor dem wohl berühmtesten und traditionsreichsten Hotel Rio de Janeiros, dem mondänen Copacabana Palace, einen Friedhof im Stile der letzten Soldaten-Ruhestätte in der französischen Normandie nachbauen.

„700 Kreuze haben wir damals aufgestellt. Und alle brasilianischen Medien haben darüber berichtet. Da war unsere Bewegung geboren“, sagt der 50 Jahre alte Theologe noch heute stolz über seinen Coup aus dem Jahr 2007. Die Bewegung, wie Costa die von ihm gegründete Menschenrechtsorganisation „Rio de Paz“ nennt, gewinnt seit Jahren an Bedeutung. Sie kämpft gegen die Gewalt in Rio de Janeiro und für eine nachhaltige Politik in den Armenvierteln.

Der Brasilianer wird zu Talkshows eingeladen und schreibt Kolumnen für die Zeitungen seines Heimatlandes. Gegründet hat Costa seine Bewegung, als an einem einzigen Tag in Rio de Janeiro 19 Menschen ums Leben kamen. Die Drogenmafia wütete an diesem denkwürdigen Tag in der Stadt, allein in einem Bus verbrannten elf unschuldige Menschen. „Da habe ich es nicht mehr ausgehalten“, sagt Costa. Seinen Beruf gab er auf, stattdessen gründete er „Rio de Paz“.

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Die kommenden Jahre mit ihren sportlichen Großereignissen in Rio de Janeiro will Costa jetzt nutzen, um das Interesse der Weltöffentlichkeit auf die Situation in seiner Heimatstadt zu lenken. Erst der Konföderationen-Pokal 2013, dann die Fußball-WM 2014 und schließlich die Olympischen Spiele 2016. Einen Vorgeschmack lieferten die Aktivisten bereits bei der Auslosung zum Konföderationen-Pokal Anfang Dezember in São Paulo.

Die Demonstranten tricksten die Sicherheitskräfte aus: „Wir sind in Gruppen unabhängig voneinander angereist. Einige kamen mit dem Taxi, andere mit dem Bus oder mit eigenem Auto“, sagt Costa. Als die zwei Dutzend Demonstranten dann direkt auf dem eigentlich gesperrten Platz neben dem VIP-Eingang auftauchten, plötzlich Masken aufzogen und das Plakat gegen die Tausende von Morden in Brasilien entrollten, klickten die Kameras der Fotografen. Für die überrumpelten Sicherheitsbeamten wie für die Aktivisten von „Rio de Paz“ war die Aktion eine Art Warmlaufen für die kommenden Jahre.

„Seine Unterstützung hat viel Glaubwürdigkeit gebracht“

Beide Seiten wissen, schon bald wird man sich wiedersehen. „Wir sind eine friedliche Organisation. Wir demonstrieren pazifistisch, aber kreativ gegen die Gewalt“, sagt Costa. Einer seiner prominentesten Gönner ist der ehemalige Fußball-Weltmeister Jorginho. Die beiden verbindet der christliche Glaube. „Seine Unterstützung hat uns viel Glaubwürdigkeit gebracht“, sagt Costa voller Dankbarkeit gegenüber dem früheren Bundesliga-Profi von Bayern München und Bayer Leverkusen.

Costa und seine Mitstreiter fürchten, dass die Fußball-WM 2014 und Olympia 2016 in Rio auf dem Rücken der Armen ausgetragen werden. „Ich bin sehr stolz, dass die Olympischen Spiele in Rio stattfinden werden. Ich bin hier geboren, ich liebe diese Stadt. Für die Menschen aus der Mittelschicht wie mich ist es wunderbar zu sehen, was sich alles verändert. Aber ich kann nicht erkennen, wie die armen Menschen in all diese Pläne integriert werden.“

Aber haben auch die Armen in den Slums etwas von den Großereignissen? © AFP Vergrößern Aber haben auch die Armen in den Slums etwas von den Großereignissen?

Stattdessen wirft Costa der Regierung vor, die sozial schwachen Menschen bewusst aus dem inneren Zirkel Rios heraus zu bringen. „Am Ende werden wir eine Fläche rund um die Olympia-Schauplätze haben, die Rio von seiner besten Seite zeigt. Die Ober- und die Mittelschicht werden jubeln. Aber die Armen bezahlen mit ihrem Blut für diese Spiele“, ist Costa überzeugt. Denn die Polizeiaktionen kosten Menschenleben.

Mehr noch: Die kriminellen Banden suchen sich neue Reviere in den Stadtvierteln, die wegen Olympia nicht im Fokus der Sicherheitsstrategie stehen. So entsteht ein Rio de Janeiro, das im Inneren sicher ist, aber seine Gewalt und Kriminalität in die Außenbezirke transportiert, fürchtet Costa. Mord und Totschlag in den weniger prominenten Vierteln Rios seien die Folge. Sein Hauptquartier hat „Rio de Paz“ deswegen ausgerechnet in einem der bislang gefährlichsten Viertel Rios aufgeschlagen, dem sogenannten „Gazastreifen“.

„So entsteht nur ein Olympia für die Reichen“

„Wir sind damals dorthin gekommen, nachdem die Polizei einen 15 Jahre alten Jungen getötet hatte. Sie haben ihn in den Kopf geschossen. Er war unschuldig, er hatte keinerlei Beziehungen zur Drogenmafia“, erinnert sich Costa. „ Als wir, eine Bewegung der Mittelschicht, in die Favela einzogen, um uns auf die Seite der Armen zu stellen und gegen die Gewalt der Spezialeinheiten der Polizei zu demonstrieren, gingen in dem Armenviertel alle Türen für uns auf. Sie haben uns willkommen geheißen. Seitdem haben wir diesen Ort nicht mehr verlassen.“

Nun will Costa seine Mitmenschen in Rio de Janeiro für das Thema sensibilisieren. WM und Olympia seien eine gute Bühne, das Interesse der Medien zu gewinnen, sagt er. Nicht nur WM- und Olympia-Organisatoren arbeiten mit Hochdruck, auch „Rio de Paz“ entwickelt eigene WM- und Olympia-Ideen. Dabei ist Costa keineswegs ein Olympia-Gegner: „Ich bin nicht gegen die Spiele. Es wäre für die Menschen in der Stadt aber besser gewesen, man hätte den Etat geteilt. Die eine Hälfte fließt in den Sportstättenbau und die Infrastruktur, die andere in eine nachhaltige Entwicklungspolitik in den Armenvierteln. So entsteht aber nur ein Olympia für die Reichen. Das müssen wir verhindern“, sagt er. „Wir müssen diese Chance nutzen.“

Quelle: F.A.Z.

 
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