„Was noch nicht optimal ist, wird stetig besser.“ Mit diesem Spruch wirbt die brandenburgische Stadt Luckenwalde in ihrem Internetauftritt. In Luckenwalde ist vieles nicht optimal. Zu DDR-Zeiten war das schmucklose Städtchen südlich von Berlin ein wichtiger Industriestandort. Damals lebten hier rund 27.000 Menschen von der Metallverarbeitung und vom Hut-Handwerk. Danach verschwanden die Arbeitsplätze und mit ihnen die Menschen. Nicht einmal 22.000 Einwohner hat die Stadt heute noch, darunter zwanzig Prozent Arbeitslose.
Die Straßen wirken wie leergefegt. „Wir müssen uns gerade völlig neu erfinden“, stellt die Bürgermeisterin Elisabeth Herzog von der Heide (SPD) fest. Die größte Dynamik in diesem Prozeß geht derzeit von einer kreisrunden gelben Matte in der Fläminghalle aus. Dort kämpft der Luckenwalder SC (LSC) um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft im Ringen und schenkt dem Provinznest ein Gefühl von „Wir sind wieder wer“.
800 Seiten Informationen für die Mielke-Schergen
Und wer sind sie? Just vor dem Finalrückkampf an diesem Freitagabend beim VfK Schifferstadt - den ersten Kampf hatte Luckenwalde nach einem Protest 14,5:13 gewonnen - holt den Cheftrainer des LSC, Roland Gehrke, die Vergangenheit ein. Seit die Birthler-Behörde am Donnerstag die Stasi-Akten des Inoffiziellen Mitarbeiters „IM Siegfried“ zur Einsicht freigab (Aktenzeichen: BStU, MfS, Pdm LW 145), ist Gehrke der Stasi-Spitzelei zwischen April 1977 und Ende März 1988 überführt.
„Alle schriftlichen Berichte, die ich an das MfS übermittel (sic), zeichne ich mit dem Decknamen ,Siegfried‘ ab“, schrieb Gehrke. Es ist einiges zusammengekommen in der Dekade: 800 Seiten inklusive der handschriftlichen Erklärung zu Händen der Mielke-Schergen, die es in sich haben. Wegen seiner Vergangenheit, sagt Gehrke am Donnerstag, sei er 1996 schon aus dem Polizeidienst entlassen worden.
Die Ringerfans erkennt man an den Blumenkohlohren
Kurz vor dem möglichen größten Erfolg in der Nachwende-Geschichte des Luckenwalder Ringersports fällt ein Schatten auf das ehrgeizige Projekt. Die Fans, 1200 füllen die Fläminghalle bis zum Bersten, fordern das Ende der westdeutschen Dominanz. Stets hatten der VfK Schifferstadt und der KSV Aalen die deutsche Meisterschaft unter sich ausgemacht. Der Luckenwalder SC schlüpfte in die Rolle des einsamen Rächers aus dem Osten. Die Anhänger, überwiegend ehemalige Ringer, wie man an den Blumenkohlohren leicht erkennt, wollen unbedingt, daß Luckenwalde die deutsche Meisterschaft nach Ostdeutschland holt.
Das wurde möglich, weil der Aufsichtsratsvorsitzende Reinhardt Töpel mit anpackte: Töpel vertritt als Geschäftsführer einer Speditionsfirma gleichzeitig den Hauptsponsor des Vereins und hat den LSC nach der Wende aus dem Schuldensumpf herausgezogen. „Laufen Sie doch mal tagsüber durch die Stadt, dann erledigt sich die Frage von alleine, warum wir kaum Sponsoren aus Luckenwalde haben. Hier gibt es keine Wirtschaft“, sagt Töpel.
Ein guter Trainer, aber auch ein guter IM
Trotzdem legte er einen erstaunlichen Jahresetat von 400.000 Euro vor und verstärkte den LSC in dieser Saison so grundlegend mit Ringern aus Osteuropa, daß er die Serienmeister aus Aalen und Schifferstadt aufs Kreuz legen kann. Seit der Wiedervereinigung stand kein Team aus den neuen Bundesländern so kurz vor dem Titel.
Der Dank der Ringer, des Sponsors, der Bürgermeisterin gebührt also auch dem Cheftrainer. Gehrke, Weltmeister von 1981 im Freistil und mit Dynamo Luckenwalde elfmal hintereinander DDR-Meister, führte den LSC zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die Finalkämpfe. Er sollte ein guter Trainer sein. Aber er war auch ein guter IM. Das bestätigte ihm das Mielke-Imperium. Die gute Beziehung beruhte laut Aktenlage auf Gegenseitigkeit. Der einzige Vorwurf aber, der ihm bei seiner Entlassung aus dem Polizeidienst gemacht worden sei, wäre die „Unterzeichnung der „Verpflichtungserklärung“ gewesen, sagt Gehrke.
Auch als Spion betätigt
Als das MfS ihn zur Verleihung des Vaterländischen Verdienstordens in Bronze in einer für die Spitzel-Treffen ausgewählten „konspirativen Wohnung“ ein kleine Feier ausrichtete, äußerte der IM als „Berufswunsch“ „Mitarbeiter beim MfS oder der Kriminalpolizei“. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon gut fünf Jahre als IM gearbeitet. Seinen ersten Auftrag, nicht weniger als zehn Sportler und Funktionäre in seinem Umkreis auszuspionieren, erfüllte er nach Ansicht der Stasi. Eine große Zahl von Treffberichten, Aufträgen und personenbezogene Informationen liegen vor. Gehrke behauptet dabei „nichts Ehrenrühriges“ weitergetragen zu haben. Nach Aktenlage aber berichtete „IM Siegfried“ über von ihm vermutete außereheliche Beziehungen und sexuelle Neigungen, über Vaterschaften, Alkoholgenuß von Sportlern, „politische“ Schwächen von Ringerkollegen bis hin zu angeblichen „West-Kontakten“.
Laut Treffbericht vom 18. April 1977 versuchte sich Gehrke auch als Spion. Der IM filmte im Westen einen Militärflugplatz für das MfS und trug (auf Anfrage der Hauptverwaltung Aufklärung, HVA) mit detaillierten Informationen zur Ausspionierung der computergestützten Einreisemodalitäten bei. Ein Höhepunkt seiner Aktivität war erreicht, als die Stasi am 7. April 1981 über einen Ausgespähten notierte: „X ließ nach einem Telefongespräch sein Notizbuch liegen, so daß der IM die dort vermerkten vorsortierten Adressen abschreiben konnte.“ Der IM war Gehrke, das Opfer ein Sportkamerad. Alle Kontakte zum Umfeld finden sich seitdem säuberlich aufgelistet in der IM-Akte Gehrkes. Sie zogen das Netz um das Opfer enger.
Wird nun mit einem Hieb auf Gehrke noch kaputtgeschlagen, was gerade zu blühen beginnt? Bürgermeisterin Elisabeth Herzog von der Heide hatte vor Bekanntwerden der Stasi-Verstrickung Gehrkes stolz von der „Identifikation der Menschen“ mit den deutschen Ringern Olaf Bock und Norman Pickut gesprochen, von der sich entwickelnden Beziehung zwischen Stadt und Sport: „Man trifft sie auch mal auf der Straße. Nur so entsteht ein Band zwischen den Sportlern und der Bevölkerung.“ Dieses Band ist auch ein Produkt des Mangels. In Brandenburg gibt es kaum noch Teamsport auf Bundesliganiveau. Turbine Potsdam im Frauenfußball und der FHC Frankfurt/Oder im Frauenhandball gehören zu den Ausnahmen. Eine weitere ist der 1. SC Luckenwalde.
Hat niemand etwas gewußt?
Und nun platzt das Stasi-Thema in den Aufschwung. Fünfzehn Jahre nach der Wende präsentiert das MfS indirekt dank seiner deutschen Gründlichkeit die Quittung schwarz auf weiß. Und niemand hat es - trotz aller Überprüfungen - gewußt?
Die Lösung ist einfach: Gehrke arbeitet erst seit drei Jahren als verantwortlicher Trainer für Luckenwalde. Außerdem könnte die Konstruktion des 1. Luckenwalder SC eine Hilfe sein, die Vergangenheit für immer auszublenden - wie in der freien Wirtschaft. Nach Entschuldung und Umbau der Bundesliga-Abteilung in die Rechtsform einer GmbH sind die selbstgewählten Regeln des deutschen Sports zum Umgang mit stasi- und dopingbelasteten Trainern und Funktionären leichter zu umgehen. Wer überprüft wen? Im Fall Roland Gehrke bestätigt sich die in der „Berliner Erklärung“ vom September 2004 geäußerte Befürchtung, daß belastetes Personal in hervorgehobene Positionen des deutschen Sports zurückkehren werde, wenn es keine Überprüfungen mehr gäbe. Insofern ist in Luckenwalde wirklich nicht alles optimal.