Der Nachmittag beginnt durchwachsen. Eine Gruppe weiblicher Teenager, sonst in der Mainzer Fastnacht als Cheerleader aktiv, soll die Stimmung rund um die Matte anheizen. Beim Abspielen der Nationalhymne erklingen nur die ersten drei Takte, immer wieder. Der gute Wille ist erkennbar. Aber es reicht nicht für ein peppiges Rahmenprogramm. Willkommen beim Final-Hinkampf um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft im Ringen, willkommen in der biederen Welt eines Traditionssports.
Das Duell zwischen dem ASV Mainz 88 und dem KSV Köllerbach ist der Höhepunkt des Jahres in einer von der deutschen Öffentlichkeit fast vergessenen Sportart. In einem Großzelt auf dem Mainzer Messegelände versammelt sich die Ringerfamilie. Mehr als 3000 Zuschauer sind in die provisorische Arena gekommen. Maik Bullmann ist da, Olympiasieger und dreimaliger Weltmeister, weitere Größen und weniger große Ringer der Vergangenheit sitzen rund um die Matte. Ein sehr fachkundiges Publikum begutachtet den Meisterjahrgang 2013. Entsprechend frenetisch werden die zehn hochklassigen Kämpfe in den sieben Gewichtsklassen und zwei Stilarten bejubelt. Auf diesem Niveau wird schon das geringste Nachlassen der Muskelspannung bestraft, jede Unaufmerksamkeit kostet Punkte. Die Bundesliga ist mit ihren 16 Teams in zwei Staffeln schließlich die stärkste Liga der Welt – weil es in den Ringernationen wie Russland, der Türkei oder Aserbaidschan nur große Einzelwettkämpfe gibt. Aber auch, weil noch immer mittelständische Unternehmer das Feilschen um ausländische Ringerstars finanzieren. Oder es gibt einen Großstadt-Verein wie Mainz 88, der es von einer drohenden Insolvenz zurück an die Spitze geschafft hat.
Der vergangene Samstag war ein Festtag für den Klub. Seit den Meisterschaften 1973 und 1977 gelang ihm nicht mehr der Sprung auf den Gipfel. Durch einen 22:14-Sieg haben sich die Männer aus der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt einen stattlichen Vorsprung erkämpft vor dem Rückkampf an diesem Samstagabend. Wahrscheinlich werden wieder bis zu 5000 Zuschauer in den Bann gezogen von der Intensität dieser archaischen Duelle Mann gegen Mann. Von der wuseligen Schnelligkeit und turnerischen Gewandtheit der Freistil-Fliegengewichtler Mihran Jaburyan und Andrej Dukov. Oder vom Kampf der Kolosse Coskun Efe und Heiki Nabi, zwei aus der 120-Kilogramm-Klasse, wie sie im weniger spektakulären, weil auf Grifftechniken im Oberkörperbereich beschränkten griechisch-römischen Stil ihre Pfunde gegeneinander stemmen, um jeden Zentimeter ringen.
Vielleicht werden die Fans auch wieder Zeugen eines ringerischen Geniestreichs, mit dem der 84 Kilogramm schwere Mainzer David Bichinashvili am vergangenen Samstag seinen eigentlich überlegenen Weltklassegegner Ibragim Altadov auf die Schultern zwang. „Das Faszinierende des Ringens ist die unglaubliche Vielfalt der Techniken und Strategien“, sagt Jannis Zamanduridis, Sportdirektor des Deutschen Ringerbunds (DRB): „Aber natürlich macht es ein wenig traurig, wenn man den Stellenwert des Ringens in Deutschland sieht.“
In einem Land, das einen ringenden Helden wie Wilfried Dietrich einst mit dem prosaischen Spitznamen „Der Kran von Schifferstadt“ ehrte und in dem Pasquale Passarellis goldbringende Brücke der Olympischen Spiele von 1984, jener 90 Sekunden währende verzweifelte Kampf gegen die Niederlage, Legendenstatus besitzt, fehlt heute nahezu jeder Respekt. Während neumodische Kampfsportarten mit exotischen Namen in Fitnessstudios trotz beachtlicher Kosten einen Boom erleben und Eltern ihre Kinder für teures Geld in Kurse schicken, gilt Ringen als altbacken und verstaubt. Dabei wäre es prädestiniert für Kindertraining, weil Ringen die Körperempfindung und Motorik besonders gut schult. Die Verbände verweisen zudem stolz auf die weit über die Antike hinausreichenden Wurzeln als eine der ältesten Formen friedfertigen menschlichen Wettstreits. Zugleich trägt das Ringen an der Last dieser Tradition, die große Reformen und somit mehr Spektakel auf der Matte fast ausschließt. „Wir verändern das Ringen dauernd im Bestreben, es attraktiver zu machen“, sagt Zamanduridis: „Den Sport noch weiter zu revolutionieren hieße aber, dass wir ihn irgendwann verraten.“
Kluge Strategen oder dumpfe Kämpfer?
Dann denkt der ehemalige Weltklasseringer über die Klischees in Deutschland nach und klagt: „Hier werden wir als dumpfe Kämpfer angesehen, während der Ringer in anderen Kulturkreisen als kluger Stratege gilt, weil ein Kampf mehr im Kopf als mit den Muskeln entschieden wird.“ In der öffentlichen Wahrnehmung ist Ringen an den Rand gerückt. Selbst während der Olympischen Spiele in London verschwand die Sportart nahezu von der Bildfläche. 47 Minuten lang berichteten ARD und ZDF. Beim Mannschaftsfinale in Mainz tauchte kein überregionaler Fernsehsender auf, während wegen des Mainzer Trainers Baris Baglan und des Vereinspräsidenten Tolga Sancaktaroglu ein Fernsehteam vom Bosporus berichtet – beide stammen aus der Türkei.
Manfred Werner, der Präsident des DRB, kennt die Defizite. Er ringt um das Ansehen seines Sports: „Den Begriff Randsport verwende ich nicht, weil das unseren Anstrengungen nicht gerecht wird“, sagt er. Werner beherrscht das Funktionärsdeutsch. Er blendet das Ausbluten der Kampfzone bei mittlerweile bundesweit nur noch 470 Vereinen und sinkenden Mitgliederzahlen im derzeit noch 68.000 Ringer starken Verband aus. Stattdessen listet der Würzburger auf, dass deutsche Ringer in den vier Jahren der vergangenen Olympiade 75 Medaillen – vornehmlich die Nachwuchsringer – gewonnen haben, nachdem es zwischen 2004 und 2008 nur 55 waren.
Für die Olympischen Spiele im vergangenen Jahr qualifizierte sich allerdings nur eine kleine Gruppe mit Alexandra Engelhardt sowie Tim Schleicher, Nick Matuhin und Frank Stäbler. Sie kehrten ohne Edelmetall zurück. „Uns gelingt es nicht, vorhandene Talente durchzubekommen in die Seniorenweltspitze, weil die Rahmenbedingungen so hart sind“, sagt Werner: „Nehmen Sie unseren Kadetten-Weltmeister Denis Kudla. Wenn er in Aserbaidschan geboren wäre, dann wäre sein Werdegang schon jetzt fast sicher, und er wäre auch beruflich versorgt. Bei uns muss er genauso hart trainieren, hat aber keinerlei berufliche Sicherheit.“ Auch deshalb wartet der Verband seit Alexander Leipolds Erfolgen auf den Triumph eines Deutschen in der Weltspitze. Es passt ins Bild, dass Leipold, der bislang letzte deutsche Weltklassemann, seine wegen erhöhter Nandrolon-Werte aberkannte Goldmedaille trotz sportjuristischer Rehabilitierung weiterhin nicht sein eigen nennen und sich wegen rechtlicher Feinheiten lediglich Sieger der Olympischen Spiele, aber nicht Olympiasieger nennen darf.
All das kann die Emphase nicht verringern, mit der Baris Baglan zu Werke geht. Der Trainer lebt die Kämpfe seiner Sportler mit. Nahezu jeden einzelnen Griffansatz seiner Ringer ahmt er wenige Meter entfernt nach. Vor Jahren nannte ihn ein Mainzer Stadtmagazin mal den „Jürgen Klopp des Mainzer Ringens“, weil er ungewöhnlich eloquent über seinen Sport reden kann. Damals war Klopp noch Trainer beim damaligen Zweitligaklub Mainz 05. Heute käme wohl niemand mehr auf die Idee zu einem solchen Vergleich. Klopp ist A-Promi, die Kameras und Scheinwerfer sind auf ihn gerichtet. Baglan wird immer irgendwo im Schatten stehen, wenn er im unbeleuchteten Teil rund um die Ringermatte seinem Trainerjob nachgeht. „Ich bin aber glücklich in meinem Sport. Ringen ist mein Leben“, sagt der 38 Jahre alte Sportlehrer.
„Raufen nach Regeln“
Am Samstagabend (Kampfbeginn in Köllerbach um 19.30 Uhr) kann er seine junge Trainerkarriere mit dem Meistertitel krönen. Sein Klub will darüber hinaus etwas bewegen und die Werte des Ringens in die Gesellschaft hineintragen. Mit dem Schulprojekt „Raufen nach Regeln“ sollen Jugendliche des Jahrgangs 1998 mit Migrationshintergrund geworben werden. „Nachdem bei Schlägereien an Bahnhöfen oder anderen Orten immer wieder Jugendliche mit Migrationshintergrund beteiligt waren, wollten wir ein Zeichen setzen“, sagt Präsident Tolga Sancaktaroglu: „Wir wollen die von der Straße holen, ihnen die Möglichkeit geben, ihre Aggressionen beim Ringen abzubauen. Sie sollen dabei lernen, Regeln zu akzeptieren.“
Tatsächlich scheint Ringen geeignet für Integrations- und Gewaltpräventionsprogramme. In manchen Bundesländern genießt der Verband die Unterstützung der für die Schule zuständigen Ministerien, allerdings mangelt es an hauptamtlichen Mitarbeitern, die Projekte auf den Weg bringen oder Lehrer fortbilden können. Daran wird sich wohl nicht viel ändern. „Es ist ein Teufelskreis“, sagt Jörg Helmdach, der ehemalige Bundestrainer: „Da wir weniger Erfolge hatten in den vergangenen Jahren, haben wir weniger Ressourcen aus dem deutschen Sport bekommen. Weniger Ressourcen führen zu noch weniger Erfolg und dann zu noch weniger Geld. Dann wird es für einen Sport wie Ringen extrem eng. Wer nicht mithalten kann, der bleibt dann eben auf der Strecke.“
Dann ziehen Rudern, Kanu oder Rodeln immer weiter davon, die eben nicht mit einem Dutzend ehemaliger Sowjetrepubliken als Weltklassekonkurrenz zu kämpfen haben. Helmdach wollte dieses Dilemma in Deutschland nicht länger ertragen. Er wanderte nach Österreich ab, wo die Ambitionen andere sind. Für das deutsche Ringen sieht er derweil nur eine wirkliche Chance zur Rettung. „Es müsste wohl ein ringender Boris Becker auftauchen und dazu ein Ion Tiriac, der den Sport genial vermarktet mit Events. Dann hätte das Ringen eine Zukunft.“