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Rhythmische Sportgymnastik Auf dem Teppich bleiben

10.10.2008 ·  Die Rhythmische Sportgymnastik, eine in Deutschland zur Bedeutungslosigkeit degradierte Sportart, soll wieder ins Rampenlicht rücken - mit einer neuen Gruppe.

Von Christiane Moravetz, Fellbach
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Quietschend quälen sich die Jalousien an der riesigen Fensterfront nach unten: Die Sonne ist unerwünscht - damit am Ende neuer Glanz entsteht. Nein, sie scheuen nicht das Licht, die sechs jungen Mädchen, die den strahlenden Frühherbst aussperren müssen, und düstere Gedanken sind ihnen fern. Doch sie dürfen sich nicht blenden lassen, erst recht nicht, bevor ihre Arbeit so richtig begonnen hat. Und die heißt: auf dem Teppich bleiben.

Die Halle am Ortsrand von Fellbach-Schmiden bei Stuttgart ist vollständig ausgelegt mit diesem hellen, weichen Untergrund. Sara Radman sitzt im Spagat darauf, um ihre Füße liegen rote Seile wie Schlaufen. Alexandra Zapekina und Neele Bösche halten die jeweiligen Enden, ziehen sie nach oben, Sara Radman kippt zur Seite und purzelt über den Boden. Die drei lachen. So hatten sie sich das nicht vorgestellt, also noch einmal. Ein paar Meter weiter steht Laure Marx, hinter ihr Camilla Pfeffer und Christina Graf: Auch beim dritten Versuch rutschen sie der Frontfrau eher den Buckel hinunter, als - wie gewollt - ihn hochzusteigen. Wieder Lachen. Sie wissen, es wird ihnen irgendwann sicher noch vergehen. Schließlich lastet jetzt schon auf ihnen die Verantwortung, eine in Deutschland zur Bedeutungslosigkeit degradierte Sportart ins Rampenlicht zu führen.

Olympia fand ohne deutsche Gymnastinnen statt

Seit dem 1. September proben im neuen Bundesstützpunkt die sechs Mädchen - zwischen 15 und 17 Jahre alt - den Neuanfang in der Rhythmischen Sportgymnastik. Die Olympischen Spiele von Peking fanden ohne deutsche Gymnastinnen statt. Da der Deutsche Turner-Bund (DTB) es sich aber nicht leisten kann, eine olympische Sportart einfach zu streichen, wurde der Schnitt gemacht. Ihm fielen auch Sportlerinnen zum Opfer: Beim Gymnastik Masters der Weltelite in Berlin an diesem Wochenende werden zehn junge Mädchen verabschiedet, die sich auch entscheiden mussten zwischen Leistungssport und Schule.

Gymnastik als Leistungssport hätte für die meisten dieser Mädchen bedeutet: umziehen ins Schwäbische. Schmiden bietet beste Voraussetzungen. Auf dem Gelände eines Schulzentrums steht der Stützpunkt, dort gehen die Mädchen zur Schule, dort wohnen sie im Internat, dort werden sie betreut. Stundenpläne und Trainingszeiten werden abgestimmt, damit mindestens einmal in der Woche die Gruppe zusammen auch vormittags trainieren kann, bei Nachholbedarf und Schwächen gibt es eine Sonderförderung durch Lehrer.

Platz zwölf bei der WM 2010 ist das Ziel

Aleksandra Zapekina und Neele Bösche, die aus Bremen kommen, Laure Marx aus Halle und Christiana Graf aus Höhr-Grenzhausen haben den Schritt gewagt. Sie bilden derzeit zusammen mit den Schmidenerinnen Sara Radman und Camilla Pfeffer sowie Karolina Raskina die deutsche Leistungsspitze. Als Gruppe werden sie schon im kommenden Jahr versuchen, verlorenen Boden gutzumachen, bei den Weltmeisterschaften 2010 ist mindestens Platz zwölf das Ziel - und die Qualifikation für die nächsten Olympischen Spiele.

Birgit Guhr, international anerkannte Kampfrichterin und seit 2006 als Teamchefin im DTB für die Rhythmische Sportgymnastik verantwortlich, gibt sich keiner Illusion hin. Weit entfernt ist die Weltspitze der Russinnen und Bulgarinnen. „Die Russinnen haben zum Beispiel Spreizwinkel von 180 Grad, die wir einfach nicht erreichen“, sagt die Leipzigerin. Am ehesten können Defizite in einer Gruppe ausgeglichen werden, und da aus jeder Nation nur eine Gruppe startberechtigt ist, erwachsen größere Chancen. Deshalb wird der DTB international auf höchster Ebene im kommenden Jahr durch diese Gruppe vertreten werden; einzeln starten nur noch Juniorinnen.

Mit fünf Jahren fängt das gezielte Training an

Auf deren Förderung liegt ein Schwerpunkt. Eine neue Juniorinnen-Cheftrainerin wird gesucht, die Stützpunktarbeit in diesem Bereich soll stärker gefördert werden. Rosemarie Napp, DTB-Vizepräsidentin für Spitzensport, glaubt, dass in den vergangenen Jahren in der Rhythmischen Sportgymnastik in Deutschland viel vernachlässigt wurde, „in der Organisation und in Dingen, die hätten getan werden müssen“. Sie beklagt auch die geringe Anzahl von Talentschulen: nur 12 gibt es in ganz Deutschland für Rhythmische Sportgymnastik, immerhin 39 sind es im weiblichen Kunstturnen.

Birgit Guhr sieht eines der Probleme in der Tatsache, dass Kinder sich schon sehr früh spezialisieren und viel und hart arbeiten müssten: mit fünf Jahren fängt das gezielte Training an, schon Achtjährige sind viermal die Woche gefordert, mindestens sechsmal trainieren Zehnjährige. Überall fehlen auch Trainerinnen; seit annähernd einem Jahrzehnt hat keine deutsche Gymnastik-Trainerin eine A- oder B-Lizenz neu erworben, Ausländerinnen geben den Ton an. „Der DTB tut zu wenig in Sachen Ausbildung“, sagt Rosemarie Napp.

Üben, Üben, Üben

Die Mädchen in Schmiden sind glücklich mit ihren ebenfalls aus Osteuropa stammenden Trainerinnen Elena Khadartsev und Ekaterina Kotelnikova. Fröhlich ist die Stimmung in der Halle, deutlich zu spüren ist, wie gut sich die Gruppe versteht. Beinahe spielerisch wirkt noch, wie alle gemeinsam mit plötzlichen Einfällen und lange bekannten Ideen die Übung erarbeiten, Elemente versuchen umzusetzen und wieder verwerfen. Sie haben harte Zeiten noch vor sich: Das Üben, Üben, Üben, „was gleich und gleich und gleich ist“.

Am Ende, sagt Birgit Guhr, soll eine Gruppen-Choreographie entstehen, „bei der die Zuschauer dasitzen und ,Oh!' sagen“. Sie wird das dann wohl nur noch von außen betrachten: Birgit Guhrs Vertrag mit dem DTB läuft im Dezember aus und wird nicht verlängert.

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