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Rhein-Neckar-Löwen : Mit Defensive und Dampfhammer

  • -Aktualisiert am

Im Zentrum des Glücks: Andy Schmid (Mitte) ist der Kopf der Löwen Bild: Imago

Endlich reif für den Titel? Die Rhein-Neckar Löwen eilen in der Handball-Bundesliga von Sieg zu Sieg. Dass liegt vor allem an der knallharten Kur, die Trainer Jacobsen seinem Team vor der Saison verordnet hat.

          Für einen Handballspieler der Abteilung Rückraum ist Andy Schmid eher schlank. Er setzt seinen Körper aber sehr gewinnbringend ein: Wie ein Entfesselungskünstler schlängelt Schmid sich - 1,90 Meter groß und 88 Kilogramm schwer - durch die gegnerischen Abwehrreihen. Selbst dort, wo andere keine Lücke sehen, schiebt Schmid sich durch und steht dann plötzlich allein vor dem Torwart. Es ist nicht zuletzt die Eleganz seiner Bewegungen, die ihn zweimal zum wertvollsten Spieler der Handball-Bundesliga gemacht hat.

          Der Schweizer Spielgestalter der Rhein-Neckar Löwen agiert seit zweieinhalb Jahren auf erstaunlich hohem Niveau, und das beinahe Woche für Woche. Längst ist er derjenige, der die Verantwortung übernimmt, wenn es „eng“ wird. Wie am Samstagabend in Hamburg: Es stand 28:28, ein letzter Angriff der Badener lief, als Schmid den Ball zugespielt bekam und drei Sekunden vor Schluss über Linksaußen den Treffer zum 29:28 beim HSV Hamburg beisteuerte.

          Alles andere als eine Überraschung

          Nach dem Abpfiff in der mit 8100 Fans gut gefüllten Arena am Volkspark rannte Schmid enthemmt einmal durch die ganze Halle. Ein nächster Sieg bei einem heimstarken Team: Die Rhein-Neckar Löwen weisen 24:0 Punkte auf und können entspannt in die Länderspielpause gehen. Fünf Punkte vor den Flensburgern, sechs vor den Kielern - könnte es in dieser Spielzeit tatsächlich klappen mit dem ersten großen Titel der Löwen nach zwei letztlich enttäuschenden zweiten Plätzen?

          Das käme selbst für Insider überraschend, denn das Team des dänischen Trainers Nikolaj Jacobsen hat in Torwart Niklas Landin und Kreisläufer Bjarte Myrhol zwei seiner stärksten Kräfte verloren. Für den Kopf des Teams kommt die erfrischende Frühform der Löwen jedoch nicht überraschend. Der 32 Jahre alte Schmid sagt: „Unser Spiel ist durch die Abgänge weder besser noch schlechter, sondern anders. Viel wichtiger finde ich, dass wir in unser zweites Jahr mit Nikolaj als Trainer gehen. Da passt jetzt vieles noch besser als im ersten. Und wir waren doch zwei Jahre hintereinander schon erfolgreich. Nur das Sahnehäubchen hat gefehlt.“

          Kurioserweise hat der ehemalige Kieler Weltklasse-Linksaußen, Spitzname „Zaubermaus“, seinen Löwen eine knallharte Defensive verordnet. Mit nur etwas mehr als 20 Gegentoren im Schnitt besitzt sein Team die beste Abwehr der Liga. Dass nun aber niemand mehr von der genialen Angriffsachse Schmid-Myrhol spricht, weil der neue spanische Kreisläufer Rafael Baena seine 130 Kilogramm erfolgreich wie ein Dampfhammer einsetzt, erstaunt auch Schmid: „Ich spiele einfach dahin, wo Rafa steht. Der Rest kommt von allein.“ Und im Tor hat Mikael Appelgren den Abschiedsschmerz um Landin verscheucht.

          Natürlich ist es zu früh für ein abschließendes Urteil des Löwen-Jahrgangs 2015/16. Im Dezember folgen die Spiele in Flensburg und Kiel. Doch die Spitzenduelle überstanden die Nordbadener zuletzt vergleichsweise unbeschadet. Die Meisterschaft hatten sie in der Vergangenheit gegen Teams wie Wetzlar, Erlangen oder den Bergischen HC verspielt. Davon scheinen Jacobsens Spieler inzwischen kuriert. Seine schlechte Laune nach Niederlagen ist legendär. Jacobsens Marotte: Gleich nach den Spielen für eine erste Rückmeldung in die Kabine zu eilen. „Dann sind meine Erinnerungen und Emotionen noch frisch“, sagt er.

          Impulsiv: Löwen-Trainer Nicolaj Jacobsen
          Impulsiv: Löwen-Trainer Nicolaj Jacobsen : Bild: dpa

          „Es ist relativ einfach mit ihm“, sagt sein dänischer Landsmann aus dem Rückraum, Mads Mensah, „wenn wir gewinnen, ist er zufrieden, verlieren wir, wird er deutlich. Ich habe den Nachteil, dass ich ihn auch verstehe, wenn er auf Dänisch flucht.“ Jacobsen geht in jedem Fall unbeirrt seinen Weg, auch als Neuling. Saisonniederlagen gab es bislang nur in zwei unwichtigen ChampionsLeague-Gruppenspielen.

          Doch schon steht eine nächste Zäsur an, denn im kommenden Sommer wird Vereinsikone Uwe Gensheimer die Löwen Richtung Paris verlassen. Natürlich will sich der National-Linksaußen mit einem Titel verabschieden. Hochkonzentriert versieht er derzeit seinen Dienst. In Hamburg sagte Gensheimer: „Es ist für den Kopf sehr wichtig, ein Spiel zu gewinnen, das so auf der Kippe stand.“ Übrigens: Dass es die Hamburger hinbekamen, den Favoriten so lange zu ärgern, freute die HSV-Fans. Sogar Financier Andreas Rudolph, einst Präsident, war zuletzt angetan von den Auftritten des Teams und zollte dem knurrigen und erfahrenen Coach Michael Biegler ein Sonderlob. Der 54-Jährige scheint in Hamburg genau das abzuliefern, was von ihm verlangt wird: Mit deutlich weniger finanziellen Mitteln als früher ein Team zu formen, das sich hinter dem Spitzentrio eingruppiert.

          Quelle: F.A.Z.

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