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Reitsport-Kommentar Zerrbilder im Totilas-Spiegel

 ·  Noch vor zwei Jahren wehrte sich Totilas-Reiter Matthias Rath gegen die demütigende „Rollkur“. Nun gibt er sich dem ungeschriebenen olympischen Motto hin: Erfolg kommt vor Haltung.

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© ©Julia Rau Den Kopf eng auf die Brust gezogen: Rath zügelt den selbstbewussten Hengst mit Hyperflexion

Totilas ist ein Wunderhengst mit starken Nebenwirkungen. Er hält den Menschen den Spiegel vor und zeigt ihnen ihre eigene Wahrheit. Und die kann manchmal unangenehm sein. Nehmen wir nur den Totilas-Reiter Matthias Rath und seine Familie. Sie gehörten bisher zum harten Kern der soliden deutschen Reiterei und haben sich vor zwei Jahren noch vehement - und zwar schriftlich - gegen die Trainingsmethode Hyperflexion ausgesprochen, die als „Rollkur“ bekannt wurde. Sie gilt als demütigend und unnatürlich für das Pferd und birgt das Risiko von Folgeschäden. Dass der Weltverband sie mit Einschränkungen toleriert, wird von Hütern der reinen Lehre nicht etwa als mildernder Umstand, sondern als Skandal betrachtet.

Bei Totilas aber wendet Rath die Hyperflexion jetzt an. Wieso? Weil der Hengst in Holland auf dieser Grundlage ausgebildet wurde, er ohne diesen Zwang offenbar zu selbstbewusst wird und deshalb seine Leistung nicht bringt. Im Klartext also: weil sie so scharf sind auf das olympische Gold in London 2012. Da liegt der Gedanke nicht fern, dass sich hier jemand dem ungeschriebenen - und unrühmlichen - olympischen Motto hingibt: Erfolg kommt vor Haltung.

Verfechter der Hyperflexion

Auch der niederländische Bundestrainer Sjef Janssen sieht im Totilas-Spiegel ganz anders aus als bisher. Der Mann, der seit 20 Jahren gegen die deutsche Dressurreiterei kämpft, hat sich nun zum Verteidiger eines deutschen Dressurreiters aufgeschwungen. Dabei will Rath doch den Holländern in London die Goldmedaillen streitig machen. Außerdem wurde Totilas von Deutschland weggekauft. Aber egal. Janssen - als größter Verfechter der Hyperflexion - findet die Kritik an Rath „total unverständlich“ und soll ihn von Herbst an persönlich trainieren.

Offenbar hofft er, mit Totilas als „trojanischem Pferd“ seine jahrelang im Dressur-Mutterland abgelehnten Methoden endlich auch dort zu etablieren. Ja, so ist das: Janssen, dem Scharen von niederländischen Fans zu Füßen liegen, will gegen Honorar die Deutschen stärker machen. Persönlicher Erfolg vor Oranje also.

Traditionelle Lehre in Deutschland

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung hingegen scheint sich im Totilas-Spiegel selbst wiedergefunden zu haben. Sie ist in diesem Land nicht nur für den olympischen Erfolg verantwortlich, sondern für Hunderttausende von Reitern, die nach der traditionellen Lehre unterrichtet werden sollen. Danach werden die Pferde zwar nicht verhätschelt, aber die Reiterei orientiert sich grundsätzlich an deren Natur. Sie sollen für die Menschen arbeiten, aber gesund bleiben und nicht zur Volksbelustigung gedemütigt werden. Nun hat der Verband sich zu Klartext durchgerungen und sich von der Hyperflexion distanziert - ebenfalls schriftlich. Und er hat durchblicken lassen, dass Rath und Totilas auf dem Abreiteplatz künftig unter Beobachtung stehen.

Man erwartet auf den kommenden Turnieren „eine harmonischere Vorbereitung“. Mag sein, dass diese Haltung die olympischen Gold-Chancen schmälert - aber sie ist konsequent. Und sie zeigt, dass der Erfolg nicht alles ist. Es gibt Zyniker, die postulieren, dass eine Goldmedaille, wenn schon, auf dem Leiden eines Menschen basieren soll und nicht auf dem Leiden eines Pferdes. Am schönsten ist es aber immer noch, wenn sie allen Beteiligten nichts als Freude macht.

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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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