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Alfred Nakache : Der Freischwimmer

Ausnahmeathlet: 1946 schwamm Nakache Weltrekord mit der Lagenstaffel. Ein Jahr nach Auschwitz Bild: AFP

Die Geschichte von Alfred Nakache ist eine der großen, unbekannten Sportler-Biographien des 20. Jahrhunderts. Der Franzose ist der Einzige, der in einem Nazi-Vernichtungslager war und vorher wie nachher an Olympischen Spielen teilnahm. Er schwamm in Berlin, London – und Auschwitz.

          „Ich habe gehört, du bist ein guter Schwimmer“, sagte der Mann. „Wollen wir mal zusammen schwimmen gehen?“ Noah Klieger schüttelte den Kopf: „Die werden uns aufhängen.“ So begann eine der erstaunlichsten Ideen in der Geschichte des Sports - die Idee, mitten im Vernichtungslager so zu handeln, als wäre das Leben ein Spiel. Und Auschwitz ein Freibad. „Fünf- oder sechsmal“, erinnert sich der heute 89-jährige Klieger, hätten er und sein Mitschwimmer im Hochsommer 1944 an arbeitsfreien Sonntagen Bahnen gezogen. Sie taten das in einem Löschwasserbecken von Auschwitz III (Monowitz), dem Arbeitslager der Buna-Fabriken, in denen die deutsche Chemie den Kräftigeren unter den Todgeweihten die letzte Arbeitskraft abpresste.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Der andere hieß Alfred Nakache. „Erstens: Die werden uns nicht erwischen“, hatte er Kliegers Einwände erwidert. „Er behielt recht“, sagt Klieger heute. „Sie haben uns nicht erwischt.“ Landsleute der beiden Franzosen gaben Deckung. Wenn Gefahr nahte, riefen sie: „Kapo kommt!“ Dann huschten die Schwimmer über den Beckenrand und hinein in ihren „Pyjama“, die gestreifte Sträflingskleidung. Das also war erstens. Und zweitens? „Zweitens“, sagte Nakache, „müssen wir zeigen, dass man noch ein Mensch ist.“

          Willkürliche Deutung von Leben und Leistung

          Die Geschichte des Menschen Alfred Nakache, der am Dienstag hundert Jahre alt würde, ist eine der großen, unbekannten Sportler-Biographien des 20. Jahrhunderts. Er ist der Einzige, der im Vernichtungslager war und vorher wie nachher an Olympischen Spielen teilnahm. Er schwamm 1936 in Berlin, 1948 in London. Und 1944 in Auschwitz.

          Seine Geschichte zeigt aber auch, wie machtlos ein großer Athlet der willkürlichen Deutung von Leben und Leistung durch die politischen Ideologien seiner Zeit gegenüberstehen kann. Im Frankreich unter deutscher Besatzung nach 1940 und unter der Vichy-Regierung, dem Marionetten-Regime des Marschalls Pétain, wurde er gleichzeitig als Übermensch gefeiert und als Untermensch diffamiert.

          Kaum zwanzigjährig war Nakache, jüngstes von elf Kindern einer jüdischen Familie, aus der Kolonie Algerien nach Paris gekommen. Er wurde der überragende Schwimmer der Vorkriegsjahre in Frankreich. Insgesamt gewann er 28 nationale Meistertitel, stellte zwei Weltrekorde und zwei Europarekorde auf. Im Freistil wurde der kraftvolle Athlet Olympia-Vierter mit der französischen Staffel 1936. Noch mehr dominierte er im neuen Schmetterlingsstil, der damals noch dem Brustschwimmen zugerechnet wurde.

          Ein Löchwasserbecken in Auschwitz
          Ein Löchwasserbecken in Auschwitz : Bild: Action Press

          1941 stellte er mit 2:36,8 Minuten einen Weltrekord über 200 Meter Brust auf. Doch zu jener Zeit war er schon ein Mann auf der Flucht. Seit Ende 1940 durfte kein Jude im von Deutschen besetzten Teil Frankreichs mehr als Lehrer arbeiten. So ging Nakache, zuvor Sportlehrer am Pariser Lycée Janson de Sailly, nach Toulouse, in die unbesetzte, französisch verwaltete Zone, wo er ein Fitness-Studio übernahm.

          Doch das Vichy-Regime, in dessen Gebiet er geflohen war, bot keine Sicherheit. Es kollaborierte nicht nur mit Nazi-Deutschland, es kopierte es auch. In einer Mischung aus Beflissenheit und einem eigenen, immer offeneren Antisemitismus erließ die Verwaltung eigene Judengesetze. Sie entrechteten Frankreichs Juden Stück für Stück, bis zum tödlichen Ende. Bis 1944 wurden rund 75.000 französische Juden nach Auschwitz deportiert, nur 2600 überlebten. Die Mehrzahl war durch französische Polizei und Miliz verhaftet worden. Erst über ein halbes Jahrhundert später räumte Jacques Chirac als erster Staatspräsident die Mitverantwortung Frankreichs an der Deportation von Juden ein. Zum Thema einer parlamentarischen Kommission wurde 1999 auch die „Säuberung“ des französischen Sports. Dieser Kommission gehörte die Politikerin Yvette Benayoun-Nakache an, die Nichte des Schwimmers.

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