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Reiten Ritt auf der Rasierklinge

01.07.2009 ·  Nur noch Spektakuläres im Viereck: Der Dopingfall Isabell Werth wirft ein Licht auf die neue Mode im Dressurreiten und auf die Problematik, die mit ihr einhergeht. Von Evi Simeoni

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Isabell Werth ist nicht da. Und doch ist sie nicht wirklich weg. Die Dressurwettbewerbe beim CHIO in Aachen haben am Mittwoch ohne die fünffache Olympiasiegerin begonnen, das Stadion ist voll und die Anspannung beim Publikum so vornehm wie eh und je. Doch wo auch immer sie sein mag, die gefallene Diva aus Rheinberg - die Gedanken rings um die Soers wandern immer wieder zu ihr.

Neben allen erhitzten Diskussionen um ihren Dopingfall (siehe: Dopingvorwürfe gegen Isabell Werth: Eine Welt bricht zusammen) wird nun erstmals spürbar, wie gravierend der sportliche Verlust ist, den die deutsche Equipe durch ihre Suspendierung erleidet. Ellen Schulten-Baumer (Rheinberg), die im Nationenpreis am Mittwoch ihren Startplatz übernahm, erreichte mit Donatha nach einem wenig überzeugenden Grand Prix nur 67,787 Prozentpunkte. Und Heike Kemmer (Walle) auf Bonaparte, die Bronzemedaillengewinnerin von Hongkong, blieb nach Fehlern vor allem in den Einerwechseln mit 70,723 Punkten auch unter ihren Möglichkeiten. An diesem Donnerstag geht die zweite Hälfte des Feldes ins Viereck, unter anderen die Niederländerin Anky van Grunsven mit ihrem olympischen Gold-Pferd Salinero. Noch ist die Konkurrenz nicht vollständig auf dem Posten. Das wird erst im August bei den Europameisterschaften in Windsor der Fall sein. Doch die sportliche Durststrecke der deutschen Dressurmannschaft ohne die üppigen Werth-Noten hat bereits begonnen.

Nervosität am Viereck

Die Schmach der vergangenen Woche allerdings tut noch mehr weh. Zwar stand die Reiterei schon seit Monaten in der Kritik. Doch vielleicht hat noch nie etwas den deutschen Pferdesport in seinem Inneren so heftig erschüttert wie der Dopingfall der 39 Jahre alten Sport-Ikone im Frack und Zylinder. Das Wort Zitterkrankheit hat durch Isabell Werth eine merkwürdige Karriere gemacht, schließlich soll die Behandlung ihres Pferdes Whisper mit dem massiven und hierzulande nicht zugelassenen Medikament diesem Leiden gegolten haben. Möglicherweise hatte Isabell Werth ein krankes, für den Sport ungeeignetes Pferd an den Start gebracht. Sie selbst hat die Diskussion aber noch in eine weitere Richtung gelenkt. „Ich weiß, dass es aussieht, als ginge es um eine Ruhigstellung“, sagte sie gegenüber dieser Zeitung. Ruhigstellung? Ein heikles Thema, das immer noch niemand in der gebotenen Offenheit ansprechen will. Der Verdacht, dass der moderne Dressursport manchen Reiter in Versuchung führt, mit Beruhigungsmitteln das Nervenkostüm seines Pferdes in den Griff zu bekommen, ist allgegenwärtig.

„Natürlich wäre es der völlig falsche Weg, rappelige Tiere zu züchten, denen man anschließend etwas in den Tee geben muss“, sagt Holger Schmezer, der Bundestrainer der Dressurreiter, in seiner pointierten Art. Allerdings kann auch er nicht die Augen verschließen vor der hochgradigen Nervosität im Viereck. Vor Pferden, die mitten in der Vorführung kehrt machen und versuchen, den Platz auf zwei Beinen zu verlassen. Vor Cracks wie Salinero, die in der Vergangenheit häufig so aufgeladen in den Wettkampf gingen, dass an ein vernünftiges Halten und Grüßen nicht mehr zu denken war. Oder vor gravierenden Schwächen in der Grundgangart Schritt, die durch spektakuläre Momente in anderen Lektionen überspielt werden. Immer häufiger gleichen die Vorstellungen zwischen Einerwechsel und Passage einem riskanten Ritt auf der nervlichen Rasierklinge.

Die Show erhält immer mehr Raum

Die Internationalen Reiterliche Vereinigung will darauf allerdings mit einer Ausweichbewegung reagieren: „Es gibt bereits Überlegungen, das Halten aus den Prüfungen herauszunehmen und den Schritt nicht mehr so hoch bewerten wie bisher“, sagt Schmezer. Eine Entwicklung, die den Verfechtern der klassischen Reitkunst schmerzlich zuwider liefe. „Das müssen wir verhindern“, sagt etwa der renommierte Ausbilder Jean Bemelmans, der seit Jahren die spanischen Dressurreiter trainiert. Doch eine solche Entwicklung wäre nur logisch. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Dressurreiterei immer mehr dem Spektakel verschrieben, dem schwungvollen und exaltierten Vorwärts zu schmissiger Musik, und dabei Verluste in der Ausbildungsqualität in Kauf genommen.

Im Bemühen, den olympischen Status des Dressurreitens abzusichern, geht der internationale Verband einen gefährlichen Weg. Die Show erhält immer mehr Raum. Zugleich soll die Vorherrschaft der deutschen Traditionsreiter gebrochen werden. „Man muss einfach nur sehen, wann das Publikum klatscht“, sagt Schmezer. „Das Publikum reagiert auf die Lektionen, die über das Tempo gehen, und in der an der Grenze zum Spektakel die Beine geworfen werden.“ Daran wiederum orientierten die Richter ihre Noten. „Darum kann ich nicht sagen, wir Deutschen haben recht und reiten weiter wie in der Kavallerieschule.“ Schließlich sei er Bundestrainer und seine Aufgabe sei es, Medaillen zu gewinnen. „Wenn auch nicht um jeden Preis.“

Spektakuläre Vorstellungen allerdings verlangen auch spektakuläre, extrem leistungsbereite Pferdetypen. Solche, die von Natur aus leicht in den Zustand höchster Aufmerksamkeit und Strahlkraft versetzt werden können, die aber gleichzeitig ihre Konzentration nicht verlieren. „Zwischen Genie und Wahnsinn“, sagt Schmezer. „Pferde, die dann nur noch mit medikamentöser Hilfe zu regulieren sind“, betont der Trainer, „sind allerdings ungeeignet für den Sport.“ Man müsse im Wettkampf solche Pferdecharaktere aufbieten, die bei den Richtern ankämen. Wobei als der vierbeinige Prototyp dieser Entwicklung Rembrandt gesehen werden muss, der temperamentvolle Hannoveraner, mit dem die Duisburgerin Nicole Uphoff 1988 als Olympiasiegerin von Seoul ihren Sport unwiderruflich veränderte. Rembrandt, erzählt Schmezer, habe man vor den Olympischen Spielen durch die Straßen von Warendorf traben lassen, um ihm das Ausrasten abzugewöhnen. Berufsverkehr als Therapie für einen piaffierenden Feuerstuhl.

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