30.07.2010 · Mit autogenem Training und Tai-Chi bereitet sich Hans-Jörg Meyer auf die Schützen-WM in München vor. „Schon der Gedanke an den Schuss löst den Schuss aus.“ Am Wochenende denkt er an 570 Ringe mit der Freien Pistole.
Von Achim DreisWenn er seine sportliche Leidenschaft erklären muss, wünscht sich Hans-Jörg Meyer manchmal, er wäre Golfspieler geworden. Nicht wegen des Geldes, eher wegen des Ansehens - und vor allem, weil er dann nicht so viel Zeit mit Rechtfertigungen verbringen müsste. Schlimm sind Flugreisen zu Wettkämpfen: vier, fünf Stunden Zeitpolster beim Einchecken sind das Minimum. Aber kann man es dem Sicherheitspersonal verdenken, dass sie bei ihm etwas genauer ins Gepäck schauen? Meyer ist Sportschütze: Seine „Schläger“ sind Schusswaffen, seine „Bälle“ Munition.
Von der Schützen-WM in München (30. Juli bis 10. August), bei der an diesem Samstag die Wettkämpfe beginnen, erhofft sich der EM-Zweite von 2009, dass mal wieder über das Sportliche berichtet wird, nicht nur über das Tragische. Nach Winnenden - als der Sohnes eines Sportschützen bei einem Amoklauf mit den Waffen des Vaters 15 Menschen erschossen hat - ist seine Zunft schwer in die Defensive geraten. Die Regeln sind schärfer geworden, die Abläufe strenger geregelt. Meyer darf jetzt bei seinem Heimatverein, dem Schützenbund Broistedt, nicht mal mehr alleine trainieren - es könnte ja etwas passieren.
„Schon der Gedanke an den Schuss löst den Schuss aus“
Seine Saisonplanung hat Schütze Meyer völlig auf die WM ausgerichtet. Auf Übersee-Weltcups verzichtete er, auch um mit seinen Urlaubstagen nicht in Schwierigkeiten zu kommen. Meyer ist wie die meisten seiner Mitstreiter purer Amateur. Sein Geld verdient der Maschinenbau-Techniker als Controller bei Volkswagen. Trainiert wird nach Feierabend und am Wochenende - neuerdings eben mit Aufpasser. Für die WM nimmt der 46-Jährige Sonderurlaub, die Sporthilfe zahlt den Verdienstausfall. Allerdings nur für seine Wettkampftage, nicht für die ganze WM: „Am Dienstag ist das Finale mit der Luftpistole, am Mittwoch sitze ich wieder am Schreibtisch.“
Mit zwei Waffen ist der Wolfenbütteler in München am Start: mit der Freien Pistole über 50 Meter und der Luftpistole über 10 Meter. Die Freie Pistole wird als Königsdisziplin bezeichnet: „Wer 15 Jahre mit der Luftpistole schießt, der trifft dann auch mal mit der Freien Pistole was“, sagt Meyer. Es gilt, innerhalb von zwei Stunden 60 Schuss über 50 Meter möglichst nah ans Ziel zu bringen - die fünf Zentimeter große „10“. Und zwar freihändig ohne Zielfernrohr. Noch nie hat ein Schütze die maximal möglichen 600 Ringe erreicht. Seit Moskau 1980 liegt der Weltrekord bei 581, „doch damals wurde noch nicht auf Doping kontrolliert“. Betablocker waren beliebte, aber mittlerweile verbotene Maßnahmen, den Puls zu drosseln und gleichzeitig die Aufmerksamkeit hoch zu halten. Meyers persönliche Bestleistung liegt bei 563 Ringen im Wettkampf. 570 traut er sich zu.
Krafttraining verboten: „Die Feinmotorik würde leiden“
Schießen ist ein standardisierter Sport, der eine hohe Konzentration und präzise Bewegungen erfordert. Der Bewegungsablauf ist immer gleich. Meyer nutzt autogenes Training, um sich zu fokussieren. Auch Tai-Chi ist für ihn ein Mittel, sich während des Wettbewerbs „an den anderen Ort zu bringen, um dort Kraft zu tanken“, wie er sagt. Positive Erinnerungen sind wichtig. Angesichts des geringen Abzugsgewichts von gerade mal 34 Gramm „löst schon der Gedanke an den Schuss den Schuss aus.“ Deshalb sollten Schützen auch kein Krafttraining machen: „Die Feinmotorik würde leiden.“ Ausdauer dagegen ist nötig angesichts der Länge des Wettkampfs.
Hans-Jörg Meyer, Vater zweier Kinder, ist ein in sich ruhender Mensch, der im Wettbewerb aber aus sich heraus geht. „Ich arbeite mit dem Publikum“, sagt der Niedersachse, der deshalb in München auf den Heimvorteil hofft. Zudem bezeichnet er die Olympia-Anlage als Lieblingsschießstand, hier erzielte er bislang seine besten Weltcup-Ergebnisse.
„Die Pistole sieht eher aus wie eine Bohrmaschine“
Gemeinsam mit dem Stuttgarter Patrick Lengerer (28) und dem Karlsruher Abdullah Ustaoglu (40) bildet Meyer in beiden Pistolengattungen die deutsche Nationalmannschaft. Als Team könnte eine Medaille drin sein. Im Einzel strebt der Vizeeuropameister zumindest einen Finalplatz an - das würde einen Quotenplatz für London 2102 sichern. Bei Olympia in Peking war er Zwölfter, bei der WM in Zagreb vor vier Jahren dagegen nur 33.
Obwohl sich Meyer auf gar keinen Fall als Waffennarr bezeichnen würde, hat er eine Lieblingswaffe: „Das ist wie bei anderen Sportlern der Lieblingsschläger.“ Wobei seine Spezialpistole mit einer herkömmlichen Schusswaffe kaum zu vergleichen ist: „Sie sieht eher aus wie eine Bohrmaschine.“