09.12.2008 · Die letzte Woche vor dem Kampf ist die lästigste. Montags Pressekonferenz, mittwochs Pressetraining, freitags Wiegen. Das Publikum drängelt. Wladimir Klitschko und Hasim Rahman sind genervt. Vorbei ist die Ruhe der Trainingslager.
Von Hartmut Scherzer, LudwigshafenDie letzte Woche vor dem Kampf ist die lästigste. Die öffentlichen Werbetermine in wuseligen Verkaufsmärkten nerven Wladimir Klitschko und Hasim Rahman. Vorbei sind die Ruhe und Beschaulichkeit der Trainingslager auf Mallorca oder in Rochester. Medienarbeit ist jetzt gefordert für die RTL-Quote und den Verkauf der letzten 1500 Karten der Weltmeisterschaft im Schwergewicht am Samstag in der Mannheimer SAP-Halle: montags Pressekonferenz im Media-Markt von Oggersheim, mittwochs Pressetraining in der Heidelberger Niederlassung von Daimler, freitags Wiegen im Schloss Mannheim. Das Publikum drängelt.
Wladimir Klitschkos Gesichtsausdruck wirkt ungewohnt angespannt bei derlei Anlässen. Der Champion sitzt zwar am Podium hinter seinen drei WM-Gürteln der Weltverbände IBF, WBO und IBO. Doch er scheint irgendwie abwesend, gibt sich nicht so charmant und locker wie sonst. Der Amerikaner schläft gleich ein. Rahman ist mit seinen Begleitern erst vor sechs Stunden, morgens um sechs Uhr, in Frankfurt gelandet. Der Boxer lässt seinen Kopf unter der Fellkapuze auf den Tisch sinken. Der Mann will ins Bett und nicht in den Ring. „Ich bin schläfrig“, entschuldigt er sich, als es sein Part ist, ans Rednerpult zu treten. Er murmelt ein paar Dankesworte und Höflichkeitsfloskeln und schließt mit der Beteuerung: „Ich bin wirklich in Form.“ Auch Wladimir Klitschko war schon redseliger. Das Übliche: „Ich erwarte einen spannenden Kampf und eine wirkliche Herausforderung, denn für Rahman ist es die letzte Chance, noch einmal Weltmeister zu werden. Aber ich werde gewinnen, so frühzeitig und eindeutig, wie ich kann.“
„Ich bin darauf eingestellt, viel Prügel einzustecken“
Das straffe Gesicht des 36 Jahre alten Rahman, der 2001 für sieben Monate Weltmeister zwischen seinem überraschenden K.-o.-Sieg über Lennox Lewis und der K.-o.-Niederlage in der Revanche gewesen ist, verrät das harte Training seit seinem letzten Mannheimer Besuch vor fünf Wochen. „Ich hatte sechs, sieben Sparringspartner und habe über hundert Runden mit ihnen trainiert. Wladimir ist extrem stark, außergewöhnlich schnell. Ich bin darauf eingestellt, viel Prügel einzustecken. Aber ich bin fit und bereit zu kämpfen.“ Ausgeschlafen hätte Hasim Rahman wahrscheinlich lautere Töne angeschlagen. Beim gegenseitigen Anstarren wären dem elf Zentimeter kleineren und so müden Herausforderer fast die Augen zugefallen. Da kam die Aufforderung, in die Kameras zu schauen, gerade recht und beendete den traditionellen „Augentest“.
Verspätet kam Emanuel Steward nach, direkt aus Las Vegas, wo er im Fernsehen die überraschende Niederlage von Oscar de La Hoya gegen den Filipino Manny Pacquiao kommentiert hatte. Klitschkos Trainer brachte endlich etwas Kampfstimmung in die Runde: „Es wird ein explosiver Kampf, denn Wladimir wird auf den aggressivsten Puncher seiner Karriere treffen und wird gezwungen werden, seine eigene Explosion zu zeigen.“ Steward stand vor sieben Jahren in Lewis' Ecke, „als Hasim meinen Fighter k. o. schlug“. Nach all den Hasenfüßen bekommt es Wladimir Klitschko diesmal mit einem Haudrauf zu tun.