25.11.2009 · Der Traum von Weltranglistenplatz Nummer eins ist für Rafael Nadal schon zu Beginn der Tennis-WM ausgeträumt. Der Spanier verlor sein Auftaktmatch und muss nun ums Weiterkommen kämpfen. Ein weiteres Signal, dass der lange verletzte Linkshänder noch nicht wieder in Bestform ist.
Von Wolfgang SchefflerRafael Nadal ist schon vom Erscheinungsbild her nicht mehr der Alte: Die wadenlangen Capri-Hosen und die ärmellosen Muskelshirts sind schon zu Beginn der Sandplatz-Saison durch traditionelle Polohemden und Shorts ersetzt worden. Aber nicht nur durch den neuen Kleidungsstil wirkt der 23-jährige Mallorquiner beim ATP World Tour Final in London schmächtiger und weniger einschüchternd: Die Schultern wirken deutlich schmaler und der Muskelberg nicht nur des Bizeps seines linken Schlagarms ist geschrumpft.
Obwohl der Spanier jede Auskunft über eine Gewichtsabnahme verweigert, hält sich hartnäckig das Gerücht, dass der ehemals beste Tennisspieler der Welt sein Krafttraining kräftig reduziert hat, um Muskelmasse und Gewicht abzubauen und damit die Belastung auf seine lange Zeit chronisch entzündeten Sehnen in beiden Kniegelenken zu reduzieren. Vertraut man in diesem Fall auf den Augenschein, dann war die Gewichtsabnahme richtig, zumindest sind die Tape-Verbände an beiden Knien verschwunden.
Aber viel offensichtlicher als all diese Äußerlichkeiten ist etwas Anderes: Nadals Spielkunst hat gelitten. Am Montagabend büßte er mit einer 4:6-, 4:6-Niederlage gegen den Schweden Robin Söderling gleich in seinem Auftaktmatch beim Saisonfinale alle Chancen ein, den Schweizer Roger Federer mit einer makellosen Bilanz in den Gruppenmatches und einem Turniersieg wieder vom Thron des Weltranglistenersten zu stoßen.
Zweite wichtige Niederlage gegen Söderling
Wie schnell sich die Zeiten geändert haben, zeigt schon die Reaktion auf die Niederlage gegen den Weltranglistenneunten, der nur dank der Verletzung des Amerikaners Andy Roddick ins Feld der acht Saisonbesten gerückt war. Söderlings Coups bei den French Open, als er im Achtelfinale Nadal die erste Niederlage nach 32 Siegen im Pariser Stade Roland Garros zufügte, hatte noch Schockwellen ausgelöst, diesmal hielt sich die Überraschung in Grenzen. Einmal, weil Söderling im Gegensatz zu Nadal als Spezialist für schnelle Hallenböden gilt – drei seiner vier Turniersiege waren ihm in der Halle gelungen.
Aber noch mehr, weil Nadal seit seiner Rückkehr auf die Tour im August nach langer Verletzungspause bislang nicht an seine physische und spielerische Dominanz des ersten Halbjahres anknüpfen konnte. Er spielte zwar immer noch gut, er rückte ins Halbfinale der US Open vor. Aber beim Spiel gegen den Argentinier Juan-Martin del Potro war Nadal dann chancenlos. Auch nach dem letzten Saisonhöhepunkt kam er nicht richtig in Schwung. Er verlor in Peking im Halbfinale gegen den Kroaten Marin Cilic. Er unterlag im Finale des Mastersturniers von Schanghai gegen den Russen Nikolai Dawidenko. Vor London zog der Linkshänder aus Manacor im Halbfinale des Pariser Hallen-Masters gegen den Serben Novak Djokovic den Kürzeren.
Nadal sehnt Pause herbei
Oder anders ausgedrückt: Seit er im Frühsommer die Sandplatz-Veranstaltungen von Monte Carlo, Barcelona und Rom mit einem Parforceritt sondergleichen gewann, wartet er auf einen Turniersieg – viel zu wenig für einen Mann, der bei der Australian Open zu Beginn des Jahres seinen sechsten Grand-Slam-Titel gewonnen hatte und auf dem besten Weg schien, die Ära Federer endgültig zu beenden.
Aber mittlerweile ist Australien nur noch eine Reminiszenz an vergangene Glanzzeiten. Gegen Söderling wirkte Nadal am Montagabend vor 17.000 Zuschauern gerade in den entscheidenden Phasen unentschlossen und nervös. Der erste und einzige Aufschlagverlust in jedem Satz passierte ihm ausgerechnet im jeweils zehnten Spiel, was gleichbedeutend mit dem Verlust beider Sätze war. „Ich habe fast mein altes Niveau erreicht“, sagte Nadal, „aber mir fehlt ein wenig das Selbstvertrauen.“ Ihm gebricht es aber offensichtlich noch an mehr, es in London noch zum Besseren wenden zu können: „Noch zwei Spiele, dann ist die Saison vorbei. Dann habe ich ein bis eineinhalb Monate Pause“, sagte Nadal.
Dabei vergaß der Spanier, dass er trotz der zweiten Niederlage nacheinander gegen Söderling noch immer die Chance besitzt, das Halbfinale zu erreichen. Aber dazu müsste er Djokovic und Dawidenko schlagen; zwei Spieler, das bewies ihr dreistündiges Marathon-Match bis zum Sieg von Djokovic, die sich derzeit auf der Höhe ihrer Schaffenskraft bewegen. Das kann man derzeit von Nadal wirklich nicht behaupten. Zu dessen sportlichen Problemen gesellen sich nun noch private. Seine Eltern haben sich getrennt.
Rafael Nadal hat mit den Muskeln auch seine Form verloren. Beim Finale der ATP World Tour ist eine Nieder-
lage schon keine Überraschung mehr.
Von
Wolfgang Scheffler
Seltsames Zitat
Daniel Eberhardt (danieber)
- 26.11.2009, 00:33 Uhr
Doping?
Tobias Böcker (boeckerND)
- 26.11.2009, 11:38 Uhr