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US Open : Nadal, der Feldherr

  • -Aktualisiert am

Der Jäger des gewonnenen Schatzes: Rafael Nadal hat noch nicht genug Bild: Reuters

Verrückte Tennis-Welt: Rafael Nadal krönt eine packende Saison mit seinem dritten Titel bei den US Open – und hat noch lange nicht genug.

          Wenn ein Finale in Flushing Meadows zu Ende geht, bevor die Sonne drüben in Manhattan hinter den Wolkenkratzern untergeht, dann war es ein schneller Sieg. Selbst auf dem Oberrang des Arthur Ashe Stadion spielte sie noch ein wenig mit den Farben, als Rafael Nadal seinen dritten Titel bei den US Open gewann. Ein überlegener Sieg gegen den Südafrikaner Kevin Anderson, abgeschlossen mit einem klassischen Rückhandvolley, steht als Schlusspunkt einer Grand-Slam-Saison, die keiner auf dem Planeten Tennis kommen sah: In Melbourne und Wimbledon Titel für Roger Federer, in Paris und New York Titel für Nadal, der Spanier wieder an der Spitze der Weltrangliste, der Schweizer mit Abstand als erster Verfolger und die Platzhirsche der vergangenen Jahre im Krankenstand.

          Nadal gewann nach 2010 und 2013 seinen dritten Titel in dieser gigantischen Arena, und er dominierte die US Open wie der höchste Turm die Skyline in Manhattan, der Riese One World Trade Center. Am Ende wirkte er so spritzig, voller Tatendrang und engagiert wie Federer zu Beginn des Jahres. „Stimmt schon“, sagte er hinterher, „ich bin nicht mehr 25, aber ich hab immer noch die Leidenschaft und die Liebe zu diesem Spiel. Ich suche noch nach der Herausforderung, ich bin jedes Mal nervös, wenn ich auf den Platz gehe, und solange das so bleibt, werde ich dabei sein.“ Federer hatte nach seiner Niederlage im Viertelfinale gegen Juan Martin del Potro zugegeben, in der Form hätte er gegen Nadal keine Chance gehabt. Die hatte del Potro im Halbfinale auch nicht, der im Gegensatz zu Anderson immerhin einen Satz gewann.

          Anderson ahnte nie die Gefahr

          Für den langen Mann aus Südafrika war es mit Abstand der größte Erfolg seiner Karriere. Er tat, was er konnte, aber das reichte wie bei allen Kandidaten nicht annähernd, um Nadal in Gefahr zu bringen. Denn der ist nicht nur so schnell auf den Beinen wie eh und je, er schlägt nicht nur nach wie vor diese einschüchternde Vorhand, er war auch taktisch schwer auf Zack. Anderson wusste nie, woher die Gefahr beim nächsten Ballwechsel kommen würde, und wenn er es rausgefunden hatte, war es meist zu spät. Am Ende fasste er den Unterschied zwischen seiner eigenen und der Karriere des Spaniers auf eine schöne Art so zusammen: „Ich bin genauso alt, aber ich habe das Gefühl, dass ich dir mein Leben lang zugesehen habe.“

          Vor zwei Jahren sah Nadal im Spiel manchmal aus wie ein Schatten seiner selbst, er verstand sich selbst nicht mehr, weil er sich nicht mehr motivieren konnte. Er löste das Problem – vielleicht auch, weil er offen darüber sprach –, und im vergangenen Jahr kehrte er aus dem Schatten zurück ins Licht. 2016 kämpfte er wieder mit einer Verletzung, diesmal mit einer Sehnenentzündung im linken Handgelenk, doch auch dieses Problem ist nun seit Monaten überwunden. „Gesund zu sein, gut trainieren zu können und im Wettkampf stark zu sein, das ändert alles“, sagt Nadal. „Egal, ob ich gut oder schlecht spiele, mein Kampfgeist war immer da.“

          Wenn er die 16. Trophäe eines Grand-Slam-Turniers demnächst in die Vitrine im kleinen Museum seiner neuen Tennis-Akademie in Manacor zu den 15 anderen stellt, wird er sicher keinen Gedanken daran verschwenden, dass er sie auf einem vergleichsweise leichten Weg gewann. Beim Marsch zum Titel begegnete ihm kein einziger Spieler der besten 20 der Welt, keiner der Gegner hieß Federer, Djokovic, Murray oder Wawrinka. Aber man kann nicht gegen Leute gewinnen, die nicht dabei sind, und wer will ausschließen, dass seine Form auch für die Besten der vergangenen Jahre gereicht hätte? Das Finale war jedenfalls eine Demonstration der neuen, alten Stärke, und in seiner Siegerpose sah Nadal ziemlich erwachsen aus. Er lag nicht platt auf dem Boden, er ging nicht in die Knie, er blieb einfach stehen wie ein Feldherr und reckte im Triumph die Arme. Señoras y Señores: Rrrrafael Nadaaaal.

          Der Moment des Sieges: Rafael Nadal stellt Gegner Kevin Anderson in den Schatten Bilderstrecke
          Der Moment des Sieges: Rafael Nadal stellt Gegner Kevin Anderson in den Schatten :

          Drei Grand-Slam-Finals in einem Jahr, von dieser Bilanz hätte er nicht mal geträumt; sie erinnert an die Jahre seiner Dominanz. 2010 gewann er in Paris, Wimbledon und bei den US Open, im Jahr danach siegte er wieder in Paris, verlor aber in Wimbledon und in New York gegen Novak Djokovic, den überragenden Mann des Jahres. Und viel fehlte ja auch 2017 nicht zum dritten Titel; man erinnert sich, dass er im fünften Satz des Finals in Melbourne gegen Federer 3:1 führte, ehe der Schweizer die Festung schließlich knackte und gewann. Aber das ist Geschichte. Zum ersten Mal seit sieben Jahren schnappen sich Federer und Nadal je zwei Titel, und natürlich führt diese Bilanz mit größtem Überraschungswert direkt zur Frage, wie die Sache weitergehen kann. In der Weltrangliste hat der Spanier jetzt fast 2000 Punkte Vorsprung vor dem Schweizer, dessen Aussichten auf einen Wechsel in den kommenden Wochen damit nicht allzu groß sind. Darüber hinaus gibt es vor allem Fragen. Wann wird Djokovic wieder eingreifen und vor allem, in welcher Form? Wie wird Andy Murray das Problem mit seiner dauerhaft lädierten Hüfte lösen? Wann kommt der Angriff der jungen Leute wie Alexander Zverev, Dominic Thiem oder vielleicht schon Denis Shapovalov bei den Grand-Slam-Turnieren?

          Eines wird aber sicher anders sein. Mit dem dritten Titel bei den US Open endete offiziell die Zeit des berühmtesten Trainer-Onkels der Tennisgeschichte. Toni Nadal wird sich in Zukunft mehr um die Akademie des Neffen in Manacor kümmern und die Arbeit auf dem Trainingsplatz Carlos Moya überlassen, der schon in diesem Jahr zum Team gehörte. Einen besseren Abschied hätte Rafael Nadal dem Mann nicht schenken können, der immer fordernd an seiner Seite stand. Aber er findet, es gebe keinen Grund, sentimental zu werden. Der Onkel werde immer sein Onkel sein, und darauf komme es an. Ende der Geschichte.

          Quelle: F.A.Z.

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