Es ist wirklich ein gutes Pflaster für Radprofis, sie genießen große Anerkennung in Süd-Limburg. Dort herrscht in der Regel Partystimmung, wenn das Peloton auftaucht, man steht ihm unvoreingenommen gegenüber - Skandale in der Branche können die Volksfeste in Orange kaum trüben. Radrennfahrer sind generell immer willkommen in den Niederlanden, wo jeder Einwohner pro Jahr laut EU-Statistik selbst 1019 Kilometer auf dem Rad zurücklegt; das ist ein europäischer Höchstwert.
Allerdings hält Süd-Limburg auch einige Tücken für die Rennfahrer bereit, zum Beispiel den Cauberg in dem Städtchen Valkenburg. Der Anstieg kostet eine Menge Kraft, auf dem gefürchteten Hügel geraten auch gestandene Profis schon mal ins Wanken. „Der Cauberg kommt mir nicht entgegen“, hatte dieser Tage Tony Martin gesagt, aus seinen Worten klang Respekt.
An diesem Mittwoch aber ließ er sich von dieser Hürde nicht stoppen auf dem Weg zum nächsten Gold in seiner Karriere: Der Cottbuser mit Wohnsitz in der Schweiz wurde in Valkenburg wie im vergangen Jahr Weltmeister im Zeitfahren - und legte sich danach erst mal vor Erschöpfung auf die Straße, um sich zu erholen. Martin hatte sich völlig verausgaben müssen bei seinem angekündigten Coup. „Alle Erwartungen unterhalb der Goldmedaille“, hatte er gesagt, „wären fehl am Platz.“
Wiggins, Froome und Cancellara fehlen
Der logische Sieger von Valkenburg wies mit dieser Bemerkung auch auf das ausgedünnte Fahrerfeld hin. Einige namhafte Zeitfahr-Spezialisten hatten ihre Teilnahme abgesagt, die Weltmeisterschaft erschien ihnen nicht mehr allzu reizvoll am Ende einer anstrengenden Saison. So verzichteten Olympiasieger Bradley Wiggins, Christopher Froome, beide aus Großbritannien, und der Schweizer Fabian Cancellara auf den „Kampf gegen die Uhr“.
Die beiden Briten sind zumindest am Sonntag im Straßenrennen dabei, Cancellara meidet das Championat in den Niederlanden komplett. Der Olympia-Zweite Martin sagte zwar, dass er sich gerne mit Wiggins gemessen hätte. Er behauptete aber auch, Verständnis für ihn zu haben. Martin kann nachvollziehen, dass sich ein Profi wie Wiggins, der die Tour de France gewonnen hatte und in London Zeitfahr-Olympiasieger geworden war, jetzt eine „Auszeit für Kopf und Körper“ nimmt. Von einer entwerteten Weltmeisterschaft oder einem matten Glanz des Goldes wollte der Deutsche dennoch nicht reden. Er sei unheimlich stolz auf seinen Sieg, sagte Martin.
„Der Titel wiegt einiges auf“
Er versöhnte sich damit ein bisschen mit einem Jahr, das ihm manchen Schmerz bereitet hatte, unteren anderem durch einen Handbruch. „Der Titel wiegt einiges auf“, sagte der 27 Jahre alte Martin, der mit fünf Sekunden Vorsprung vor dem Amerikaner Taylor Phinney gewann. Der deutsche Zeitfahr-Experte und seine Konkurrenten hatten an diesem Mittwoch auf regennasser Strecke 45,7 Kilometer zurücklegen müssen, Martin benötigte dafür 58:38 Minuten.
Er mag diese Disziplin sehr, seit langem schon. „Sich eine Stunde lang auf dem Rad quälen, ohne Gegner um sich herum, das gefällt mir“, sagt Martin über sein Faible für das harte Geschäft des Zeitfahrens. „Man muss in der Lage sein, sich bis an die Schmerzgrenze heranzutasten“ - und man muss dabei auch darauf achten, das Rad nicht zu überdrehen. Phinney gilt zwar, obwohl er erst 22 Jahre alt ist, als exzellenter Zeitfahrer. Dennoch überraschte sein couragierter Auftritt in Valkenburg. Phinney stammt aus Boulder in Colorado und hatte erst im Alter von 15 Jahren mit dem Radsport begonnen - nach einem Besuch der Tour de France und einem Treffen mit Lance Armstrong.
Demütigung für den stolzen Spanier
Martin hatte zunächst den Spanier Alberto Contador als gefährlichen Rivalen eingestuft. „Alberto ist immer für eine Überraschung gut.“ Nach etwas mehr als 30 Kilometern war Contador aber von dem später gestarteten Deutschen überholt worden - eine Demütigung für den stolzen Spanier. Contador, letztlich Neunter, hätte eigentlich noch ein paar Reserven haben müssen. Wegen seiner Sperre wegen Clenbuterol-Dopings war er von der Tour de France ausgeschlossen, auf die große Bühne des Radsports kehrte er erst wieder bei der Spanien-Rundfahrt zurück, die er prompt gewann. Eigentlich steht Martin Comebacks von Dopingsündern sehr skeptisch gegenüber. „Da wird leider ein Schatten auf den Radsport geworfen“, sagt er.
Im Fall des Spaniers Contador bleibt der Deutsche jedoch eher in der Defensive. Er könne sich da gar keine richtige Meinung bilden, sagte Martin. „Hat er gedopt? Hat er nicht gedopt?“ Er sprach von dubiosen Umständen in dieser Causa und betonte: „Bei Contador gibt es ein ganz großes Fragezeichen.“ Das lässt sich natürlich auch anders interpretieren, als es Martin meinte. Immerhin war in Süd-Limburg nichts zu hören von Widerständen gegen den umstrittenen Spanier. Die Niederländer mögen höchstens bedauert haben, dass er am Mittwoch nichts zu einem spannenden Wettbewerb im Kampf gegen die Uhr beitrug. Tony Martin jedoch war das ganz recht so. Er musste ja schon enorme Anstrengungen unternehmen, um einen amerikanischen Aufsteiger auf Distanz zu halten.