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Radsport Telekom zieht Notbremse

28.11.2007 ·  Nach 16 Jahren beendet die Deutsche Telekom mit sofortiger Wirkung ihr Engagement im Radsport. Es ist die Konsequenz aus den ständigen Dopingskandalen auch beim Rennstall T-Mobile. Das Team will unter anderem Namen weiterfahren.

Von Rainer Seele
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Die Meldung kam am Mittwoch um 16 Uhr, und sie bedeutete das Ende einer Ära im deutschen Radsport. Die Deutsche Telekom AG zieht sich mit sofortiger Wirkung aus dem Radsport zurück - es ist die Konsequenz aus ständigen Dopingskandalen auch beim T-Mobile-Team. „Es ist uns nicht leicht gefallen“, behauptete Telekom-Vorstand Hamid Akhavan. Allerdings müsse man sich und die Marke T-Mobile schützen.

„Wir haben auch eine Verpflichtung gegenüber unserem Kerngeschäft“, sagte Akhavan. Das kann als Hinweis darauf verstanden, dass für Telekom, seit 1991 im Profiradsport tätig, ein beträchtlicher Imageschaden entstanden ist durch das Betrugssystem im Radsport. Den Verpflichtungen im Anti-Doping-Kampf wolle man aber weiter nachkommen, betonte Akhavan. Dafür will Telekom auch künftig eine „nennenswerte Summe“ aufbringen.

Abfindung in Millionenhöhe?

Die Profis und das Frauen-Team, die bisher im Zeichen von Magenta starteten, werden nun gleichwohl nicht auf der Straße sitzen. Unter dem Namen „Team High Road“ wird der Rennbetrieb fortgesetzt - dahinter verbirgt sich die amerikanische Betreibergesellschaft „High Road Sports Inc.“, deren Inhaber Bob Stapleton ist. Beim Internationalen Radsportverband wurden die notwendigen Änderungen bereits beantragt. Der bisherige T-Mobile-Teamchef hatte also, während die Telekom-Juristen offenbar die Auflösung des Kontraktes mit Stapletons Unternehmen „Neuer Straßen Sport“ vorbereiteten, ein neues Konzept entworfen. Womöglich mit Alimentation aus Bonn: Von Telekom könnte Stapleton eine Abfindung in Millionenhöhe erhalten haben.

Telekom steigt vom Sattel

Durch den Fall Patrik Sinkewitz, durch die Enthüllungen des hessischen Radprofis über Dopingpraktiken auch bei der Tour de France 2006, waren die Diskussionen über das Engagement von Telekom neu entbrannt - und seit Wochen schon gab es Hinweise darauf, dass der Hauptsponsor von T-Mobile, der pro Saison angeblich mehr als zehn Millionen Euro in den Radsport steckte, vorzeitig aussteigen würde. Ursprünglich lief der Vertrag mit dem Rennstall bis 2010.

Im August war diese Vereinbarung noch bestätigt worden. Auch damals hatte Sinkewitz die Debatte um die Zukunft von T-Mobile maßgeblich beeinflusst. Schließlich war der Hesse kurz vor der Tour, bei einem Trainingslager in den Pyrenäen, des Dopings überführt worden. Sinkewitz hatte ein Testosterongel eingesetzt. Danach sprach Telekom noch von einer Verantwortung gegenüber dem Radsport und machte weiter. Die neuen Erkenntnisse über Doping in dem Team waren jedoch offenbar so gravierend, dass die Räder nun gestoppt wurden - endgültig.

Unverfrorenheit und Eigenblutdoping

Manchen Beobachter hatte erstaunt, wie überrascht man sich bei Telekom und T-Mobile teilweise über die jüngsten Offenbarungen von Sinkewitz gab - als hätte man wirklich geglaubt, dass Doping auch in dieser Mannschaft keine wesentliche Rolle mehr spielen würde. Von Eigenblutdoping im Jahr 2006 war die Rede, von der Unverfrorenheit, unmittelbar nach dem Ausschluss Jan Ullrichs von der Tour 2006 die Uniklinik Freiburg besucht zu haben, um sich mit unerlaubten Beschleunigern zu versorgen. In diesem Jahr hatte T-Mobile wegen Dopingvergehen Sinkewitz, der laut einem Protokoll des Bundeskriminalamtes vor 2006 auch das EPO-Präparat Dynepo genommen haben soll, sowie den Italiener Lorenzo Bernucci entlassen. Dazu trennten sich die Bonner von dem Ukrainer Sergej Gontschar, nachdem bei ihm Auffälligkeiten in den Blutwerten festgestellt worden waren.

Im Frühjahr, kurz nachdem wieder einmal von einem Neuanfang gesprochen worden war, hatten die Teamärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid gehen müssen. Sie hatten zugegeben, Epo-Doping in den neunziger Jahren unterstützt zu haben; nach Aussagen von Sinkewitz leisteten sie sich auch später noch Verfehlungen.

Magenta steht für Doping

Die Farbe Magenta stand stellvertretend für den deutschen Profiradsport - sie steht aber offensichtlich auch für ein Jahrzehnt des Dopings. Der Däne Bjarne Riis hatte seinen Erfolg bei der Tour 1996 mit Hilfe von Epo errungen; Riis hatte sich in diesem Jahr zu einem Geständnis durchgerungen. Sein Nachfolger Ullrich, der 1997 bei der Tour triumphierte, sieht sich schweren Anschuldigungen ausgesetzt - bis heute jedoch leugnet der Rostocker, gedopt zu haben. Unter öffentlichem Druck, der nicht zuletzt durch die Dopingvorwürfe des früheren Telekom-Masseurs Jef D‘hont entstand, legten 2007 auch Rolf Aldag, Udo Bölts oder Erik Zabel Dopingbeichten ab - sie bezogen sich freilich auf verjährte Delikte. Der Westfale Aldag durfte Sportdirektor bei T-Mobile bleiben.

Die inzwischen von dem Amerikaner Stapleton geführte Equipe kam zuletzt auch durch die Verpflichtung von George Hincapie ins Gerede. Stapleton, der bei T-Mobile ein vermeintlich rigides Anti-Doping-Programm installierte und es auch im neuen Team anwenden will, holte seinen Landsmann als Leitfigur für ein junges Team. Allerdings war Hincapie jahrelang ein enger Verbündeter des Texaners Lance Armstrong - dazu stand er 2007 bei Discovery Channel an der Seite des spanischen Tour-Siegers Alberto Contador, der mit dem spanischen Dopingring um den Arzt Eufemiano Fuentes in Verbindung gebracht wurde.

Wichtiger Faktor in der nationalen Radszene

T-Mobile hatte noch während der Weltmeisterschaften im September in Stuttgart seinen Kader für 2008 präsentiert - junge deutsche Fahrer wie Linus Gerdemann oder der Sprinter Gerald Ciolek sollten dazu beitragen, das Morgen zu sichern. Gerdemann hatte bei der Tour 2007 eine Etappe gewonnen und einen Tag lang auch das Gelbe Trikot getragen. Er und seine Kollegen werden künftig möglicherweise mit amerikanischer Lizenz in die Pedale treten. Am Mittwoch hieß es jedoch, dass noch nicht entschieden sei, welchem Land die neue Formation zugeordnet werde. „Wir stehen weiter für sauberen und fairen Sport“, ließ Stapleton am Dienstagnachmittag auf alle Fälle wissen.

T-Mobile war darüberhinaus ein wichtiger Faktor für die nationale Radszene. Die Kommunikationsfachleute aus Bonn stellten bei nicht wenigen Radrennen in Deutschland einen Teil der Infrastruktur zur Verfügung. T-Mobile war auch einer der Hauptgeldgeber der Deutschland-Tour. Manchen in der Branche dürfte der Abschied von Telekom hart treffen.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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