14.08.2010 · Der deutsche Radsport und die Dopingproblematik: Der kranke Jan Ullrich verliert vor Gericht gegen Werner Franke, viele Rennen verschwinden - immerhin feiern die Cyclassics in Hamburg nun ein kleines Jubiläum.
Von Rainer SeeleVielleicht wäre auch Jan Ullrich gerne nach Hamburg gekommen, er hat ja gute Erinnerungen an die Hansestadt und an die Cyclassics, die vor einem kleinen Jubiläum stehen – das Radrennen wird an diesem Sonntag zum 15. Mal ausgetragen. Ullrich war der zweite Sieger in Hamburg, es geschah im Jahr 1997, als Ullrich ohnehin auf der Höhe war – er gewann damals auch die Tour de France. Aber aus Ullrich ist längst ein gefallener Star geworden, und momentan geht es ihm offensichtlich besonders schlecht, deswegen kam ein Abstecher nach Hamburg auch nicht in Frage. Ullrich teilte mit, dass er unter dem Burn-out-Syndrom leide, dass dies eine längere Behandlung erfordere und er sich deshalb zunächst völlig aus der Öffentlichkeit zurückziehen werde. Es war eine eigenartige Fügung, dass der ehemalige Radprofi, der 2007 – in Hamburg – seinen Rücktritt erklärt hatte, soeben auch eine herbe juristische Niederlage gegen den Heidelberger Molekularbiologen Werner Franke hinnehmen musste. Der deutsche Radsport und die Dopingproblematik – es ist eine Geschichte mit vielen Fortsetzungen.
Der ausgebrannte Ullrich unterlag Franke vor dem Hamburger Landgericht, das die Unterlassungsklage des in der Schweiz lebenden Rostockers gegen Franke zurückgewiesen hat. Die Kammer beendete damit am Freitag die seit vier Jahren andauernde Auseinandersetzung zwischen den beiden Parteien. Ullrich hatte Franke wegen angeblicher Falschaussage verklagt und in erster Instanz Recht bekommen.
Franke legte dagegen Rechtsmittel ein. Er hatte behauptet, Ullrich habe dem spanischen Arzt Eufemiano Fuentes in einem Jahr mindestens 35.000 Euro für den Erwerb von Dopingmitteln gezahlt. Ullrich hatte dies eidesstattlich abgestritten (siehe: Unterlassungsklage abgelehnt: Ullrich verliert gegen Dopingexperten). In der Urteilsbegründung heißt es, dass die beanstandete Äußerung hinsichtlich ihres tatsächlichen Gehalts als wahr anzusehen sei und den Kläger nicht in seinem allgemeinen Persönlichkeitsrecht verletze (siehe: Aktenzeichen 324 O 373/07: Die Entscheidung des Gerichts im Fall Jan Ullrich).
Ullrich war wegen der Verwicklung in die Fuentes-Affäre 2006 von seinem Rennstall T-Mobile von der Tour de France ausgeschlossen worden. Vor kurzem hatte sein früherer belgischer Mentor Rudy Pevenage erzählt, für Ullrich Reisen zu Fuentes organisiert zu haben – es war zumindest eine kleine Dosis Wahrheit.
Ullrich hatte nicht darauf reagiert, auch zu dem Hamburger Beschluss war von ihm erst mal nichts zu hören – dafür um so mehr von Franke, der ohnehin gerne den Radsport geißelt und beispielsweise in diesem Jahr die Tour als eine „radelnde Satire“ bezeichnet hat. Franke jedenfalls wünschte sich nun eine Art Kniefall von Ullrich. „Wenn er ein Fünkchen Anstand hätte, würde ich spätestens jetzt mal eine Entschuldigung von ihm erwarten.“ Franke kritisierte zudem, dass der Hamburger Spruch erst sehr spät erfolgt sei. „Eigentlich ist es ein Skandal, dass die Sache so lange gedauert hat.“
Immer weniger Sponsoren erwärmen sich für die belastete Branche
Ullrich ist nun also offenbar schwer angeschlagen. Er wolle sich, ließ er wissen, in professionelle Hände begeben und er bat darum, seine Privatsphäre zu respektieren. Der deutsche Radsport steckt ja ebenfalls in großen Nöten, das hat natürlich mit der Causa Ullrich zu tun, aber auch mit anderen Dopingfällen. Nicht nur, dass mit dem Team Milram vermutlich bald die letzte die deutsche Pro-Tour-Mannschaft verschwinden wird, auch die Zahl der Radrennen in Deutschland ist rapide gesunken – immer weniger Sponsoren erwärmen sich hierzulande für die belastete Branche.
Zwar existiert weiterhin die Bayern-Rundfahrt, zwar finden in Frankfurt, Hamburg oder Köln noch Eintagesrennen statt – viele traditionsreiche Veranstaltungen, zuletzt die Sachsen-Tour, mussten aber wegen massiver finanzieller Schwierigkeiten aus dem Kalender gestrichen werden. Das deutsche Team NetApp etwa, das für 2011 eine ProContinental-Lizenz beantragt hat und 2012 an der Tour teilnehmen will, kommt in dieser Saison in Deutschland lediglich auf zehn Profirenntage. Das sei natürlich zu wenig, sagt Manager Ralph Denk, aber für ihn ist es nur eine Frage der Zeit, „bis man die Wertigkeit des Radsports wieder erkennt“.
Klimaschützer kündigten Proteste gegen Vattenfall an
Angesichts der momentanen Malaise dürfte die Zunft mit großer Genugtuung zur Kenntnis nehmen, dass zumindest die Cyclassics ein stabiler Faktor geblieben sind – und inzwischen ist auch ihre nähere Zukunft gesichert. Der Titelsponsor, der Energieversorger Vattenfall, hat sein Engagement in Hamburg soeben bis 2012 verlängert. Frank Bertling, Geschäftsführer der Agentur, die hinter den Cyclassics steht, glaubt dann auch behaupten zu können, dass „nach der Doping-Diskussion Licht am Ende des Tunnels“ zu sehen sei. Und überhaupt habe man die Cyclassics doch hervorragend durch ein „kleines Unwetter“ geführt. So hat jeder seine Sicht der Dinge.
Die Hamburger haben immerhin 22.000 Jedermänner aktiviert, und im Profifeld finden sich nicht wenige prominente Fahrer – unter anderen Alessandro Petacchi, der trotz laufender Dopingermittlungen in Italien schon bei der Tour munter mitgemischt und das Grüne Trikot erobert hatte. In dieser Sache regt sich auch nun kein Widerstand, Ungemach droht trotzdem am Sonntag: Klimaschützer, darunter eine Kampagne namens „Gegenstrom 10“, kündigten Proteste gegen Vattenfall an. Dem deutschen Radsport bleibt wirklich nichts erspart.
Der lebendige Januskopf
Bernd Hoffmann (MullahSalamSeif)
- 14.08.2010, 14:04 Uhr