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Radsport Milram steht vor dem Untergang

13.07.2010 ·  Nordmilch wird kein Sponsoring mehr im Radsport betreiben. Damit droht Deutschland der Verlust des letzten erstklassigen Teams. Ein neuer Geldgeber für das Team Milram ist nicht in Sicht. Die deutschen Profis sondieren bereits den Markt.

Von Rainer Seele, Saint-Jean-de-Maurienne
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Roger Kluge hatte dem Schmerz erst noch zu trotzen versucht. Das linke Handgelenk war zwar geschwollen, trotzdem hatte er sich am Montagnachmittag noch gut gelaunt gegeben, die Tour de France schien ihm zu gefallen. „Es hat echt Spaß gemacht“, sagte Kluge über seine jüngsten Eindrücke.

Einige Stunden später aber herrschte Ernüchterung bei dem Radprofi aus Eisenhüttenstadt: Die Verletzung stellte sich als Kahnbeinbruch heraus, für Kluge ist die Tour damit vorbei, er muss demnächst operiert werden. Das Missgeschick passt zur Situation beim Team Milram, für das Kluge fährt: Die Zeiten sind hart, sie sind voller Widrigkeiten – und es ist ungewiss, ob die Existenz der Mannschaft gesichert werden kann.

Die Nordmilch AG aus Bremen wird ihr finanzielles Engagement nach dieser Saison beenden, das Unternehmen hatte dies bereits vor längerem angekündigt. Trotzdem unternahm Gerry van Gerwen, der niederländische Eigner des Teams Milram, am Montagabend noch einmal einen Vorstoß in Bremen. Er wollte den bisherigen Geldgeber bewegen, noch ein Jahr dranzuhängen – erfolglos. Nordmilch wird künftig kein Sponsoring mehr im Radsport betreiben. Die Firma bekräftigte ihren Ausstieg. Nun steht van Gerwen mit leeren Händen da. Ein neuer Geldgeber ist nicht in Sicht.

Die Zeichen stehen somit auf Untergang. Für den deutschen Radsport wäre dies ein weiterer herber Rückschlag. Profis wie Kluge erschüttert die Schieflage der Equipe aber offensichtlich nicht besonders. Kluge jedenfalls behauptet, keinesfalls pessimistisch in die Zukunft zu blicken. Auf der Straße nämlich würde er künftig so oder so nicht sitzen. Sollte, im schlimmsten Fall, Schluss mit dem Radsport sein, könnte Kluge umgehend in ein anderes Metier wechseln – er würde dann, sagt er, in aller Ruhe seine Ausbildung bei der Feuerwehr fortsetzen. Aus dem Rennfahrer Kluge würde dann einfach der Brandmeister Kluge werden.

Das Team Milram droht auseinanderzufallen

Aber vermutlich wird das so bald nicht geschehen, schließlich sondiert Kluge wie seine Kollegen beim Team Milram längst den Markt – und er ist überzeugt, mühelos einen neuen Arbeitgeber im Radsport zu finden. Sein Manager Steffen Wesemann, ein früherer Klassiker-Spezialist, sieht das genauso. Er hat bereits Kontakte geknüpft, und er ist sehr zuversichtlich, Kluge wieder in der Branche unterzubringen. „Die sportlichen Leiter haben ein Auge für Talente“, sagt Wesemann, er mache sich überhaupt keine Sorgen um seinen Partner. „Solche Leute sind gefragt.“

So sind Fahrer wie Kluge, wie Linus Gerdemann, Gerald Ciolek oder Fabian Wegmann also auf dem Absprung – das Team Milram droht auseinanderzufallen. Doch van Gerwen glaubt immer noch, dass es weitergehen wird, irgendwie. Vielleicht nicht mehr in der ersten Liga des Profiradsports, aber dann wenigstens in der zweiten Klasse. Vor einigen Wochen, vor dem Giro d‘Italia, schien er bereits am Ziel gewesen zu sein. Der Niederländer hatte sich mit einer Firma aus dem Ausland geeinigt, der Vertrag lag unterschriftsreif vor, das neue Design der Trikots war schon entworfen. Doch im letzten Moment machte van Gerwen einen Rückzieher, ihm schwante plötzlich, dass der Handel nicht frei von finanziellen Risiken sein würde.

Erinnerungen an die Turbulenzen um Gerolsteiner

Unlängst sprach der Niederländer davon, noch mit zwei möglichen Hauptsponsoren in Verbindung zu stehen. Doch die Verhandlungen laufen schleppend, van Gerwen macht daraus keinen Hehl. Er erhalte keine „richtig guten Signale“, sagt er, „ich bekomme langsam ein bisschen Angst“. Er möchte den Betrieb unbedingt mit einer deutschen Lizenz aufrechterhalten. Und notfalls – sollten sich seine Bemühungen noch länger hinziehen – will van Gerwen den Internationalen Radsportverband, der im Herbst über die Zulassung der Teams für das Jahr 2011 entscheidet, um einen Aufschub bitten, vielleicht um zwei Wochen, vielleicht auch um einen Monat.

Die verzweifelten Anstrengungen des Niederländers erinnern an die Turbulenzen um das Team Gerolsteiner im Jahr 2008: Es wurde, nachdem kein neuer Finanzier aufzutreiben gewesen war, aufgelöst. Hans-Michael Holczer, einstiger Macher dieser Sport-Gemeinschaft, befürchtet, dass van Gerwen ebenfalls ein solches Schicksal erleiden wird. „Im Moment“, sagte Holczer, „überwiegt weiter die Angst vor möglichen Zwischenfällen.“ Er meinte damit Doping. „Diese Angst würgt alles ab.“

Der deutsche Radsport würde nicht versinken

Würde van Gerwen tatsächlich scheitern, gäbe es in Deutschland kein einziges deutsches Team der ersten Kategorie mehr. Innerhalb von wenigen Jahren zu einer Nullnummer zu werden, sagt Sprinter Gerald Ciolek, wäre tragisch. Allerdings würde der deutsche Radsport, fügt Ciolek hinzu, auch dann nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken. „Er wäre nicht direkt tot. Wer gut ist, wird seinen Weg gehen.“

Für ihn könnte HTC Columbia eine passende Adresse sein, festlegen will Ciolek sich jedoch noch nicht. „Ich möchte mir möglichst viele Alternativen offenhalten.“ Auch Gerdemann, der nach der achten Etappe der Tour auf Platz 56 lag, hat bisher angeblich nur unverbindliche Gespräche mit anderen Teams geführt. Die Indizien jedoch sind eindeutig: Das Team Milram wird offenbar gerade abgewickelt.

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