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Radsport-Kommentar Kein Wrestling auf Rädern

16.07.2010 ·  Die Regelhüter der Tour de France greifen hart durch. Für den Kopfstoß von Mark Renshaw im Sprint schließen sie ihn aus. Ein solcher Entschluss ist nachvollziehbar. Doch die Rennleitung muss sich vorhalten lassen, die heikle Angelegenheit nicht mit aller Konsequenz gelöst zu haben.

Von Rainer Seele
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Sprinter im Radsport sind hart im Nehmen, Rangeleien gehören für sie zum Alltag. Und ebenso Karambolagen, die in der Hitze des Gefechts – Ellenbogen an Ellenbogen – vor allem bei prestigeträchtigen Rennen wie der Tour de France keineswegs außergewöhnlich sind. Mancher ist im Kampf um die besten Plätze auch schon handgreiflich geworden, ohne dass es dafür eine allzu harte Strafe gegeben hätte.

Nun aber hat die Jury bei der Tour durchgegriffen: Sie hat den Kopfstoß von Mark Renshaw in dessen Auseinandersetzung mit Julian Dean nicht geduldet, sie verbannte den Australier kurzerhand aus der Frankreich-Rundfahrt – die Herren waren sich in diesem Fall sehr schnell einig. Ein solcher Entschluss ist nachvollziehbar, Renshaw hatte sich schließlich eines Vergehens schuldig gemacht, das schwerwiegende gesundheitliche Folgen für seinen Rivalen – oder für andere Rennfahrer – hätte haben können. Der Radprofi vom Team HTC Columbia hatte sich gehen lassen, er muss sich nicht darüber beschweren, dem britischen Sprintstar Mark Cavendish vorerst nicht mehr helfen zu können.

Dass Rolf Aldag, der Sportdirektor von HTC Columbia, sich vehement über das Urteil beschwerte, ist zumindest teilweise verständlich. Er hatte sich damit nicht vor den Angreifer Renshaw gestellt, er prangerte die Regelhüter an, die den Neuseeländer Dean unbehelligt gelassen hatten – obwohl er Renshaw ebenfalls in hohem Tempo bedrängt hatte. Solche Vergehen waren bei der Tour de France schon einige Male geahndet worden, die Übeltäter wurden dabei an das Ende des Tagesklassements zurückgesetzt. Auch Dean hätte eine sehr gefährliche Situation heraufbeschwören können.

Aldags Ärger bezog sich auch auf eine sportliche Beeinträchtigung für Cavendish. Der Brite, der inzwischen drei Etappen bei dieser Tour gewonnen hat, muss jetzt im Kampf um das Grüne Trikot auf einen wichtigen Mitstreiter verzichten. Verschwörungstheorien allerdings, dass mit der Disqualifikation von Renshaw auch Cavendish getroffen werden sollte, der im Peloton nicht den besten Ruf genießt, sind weit hergeholt.

Die Rennleitung der Tour hatte gute Argumente für ihr harsches Urteil vom Donnerstag. Es handele sich ja immer noch um Radsport, sagte sie, nicht um Wrestling. Doch sie muss sich tatsächlich vorhalten lassen, die heikle Angelegenheit nicht mit aller Konsequenz gelöst zu haben. Wer sich um das Wohl der Sportler kümmern möchte, wer Rennfahrer, die über das Ziel hinausschießen, zügeln will, sollte nicht mit zweierlei Maß messen. Dabei ist eine klare Linie erforderlich – wie möglichst auch im rasanten Endspurt eines Radrennens.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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