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Kommentar : Neues Leben für den Radsport

Das blühende Leben: Der deutsche Radsport sieht wieder besseren Zeiten entgegen. Bild: AFP

Deutschland, einig Fahrradland. Nach dem tiefen Fall und dem Versinken im Doping-Sumpf steckt der Radsport hierzulande wieder den Kopf heraus aus dem Morast.

          Der Sport – ein Spiegel der Gesellschaft. Sagt sich so leicht. Aber warum sollte, sagen wir: die fröhliche Disziplin des Hammerwerfens ein Licht auf unsere Gesellschaft werfen? Oder Langstreckenschwimmen? Eine Sportart allerdings taugt tatsächlich wunderbar für soziologische Betrachtungen, und das über zwei Jahrhunderte hinweg. Wobei Sportart nicht das richtige Wort ist, tatsächlich handelt es um ein Sportgerät, das auch zu anderen Zwecken benutzt werden kann, zum Spazierenfahren beispielsweise, zum Bierholen, Postausliefern, zu allem Möglichen.

          Das Fahrrad also feiert in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag. Einst Herrenrad des Adels und Statussymbol, befeuerte es später Arbeiterbewegung, Liberalismus und Feminismus, wurde zur Massenware, dann im Autowahn wieder halb vergessen, schließlich zum Vorzeigeobjekt der Umwelt- und Gesundheitsbewegung. Was es immer war: ein Sportvehikel, denn kaum konnten sich die Menschen halbwegs unfallfrei auf ihren Rädern halten, wurden schon Rennen ausgetragen, lange vor dem ersten Grand Départ der Tour de France im Jahr 1903.

          1881 schon gewann der Engländer Thomas Walker auf einem Promenadenweg in Berlin-Charlottenburg das erste Hochradrennen in der Hauptstadt. Zweieinhalbtausend Zuschauer bestaunten seine Zeit von 20:40 Minuten über acht Kilometer. 1894 wurde der Frankfurter August Lehr in Antwerpen Weltmeister über eine Meile, als Amateur, aber auch damals waren schon Profis unterwegs, die um Preisgelder fuhren und – wie heute – als Werbefiguren für Radfirmen. 1896 wurde in Würzburg der „Deutsche Rennfahrer Verband“ gegründet, überall wurde um die Wette gestrampelt, was die Beine (und oft auch die Apotheke) hergaben.

          Deutschland, einig Fahrradland, Deutschland, Rennfahrerland, von Anfang an. Nach dem Krieg Weltmeister Rudi Altig, bekennender Doper, dann Didi Thurau, ein flüchtiger gelber Engel, schließlich Jan Ullrich, der gefallene Superstar – deutsche Radsportgeschichte im Zeitraffer, Triumphe und Tragödien, steiler Aufstieg, tiefer Fall: Ende der Deutschland-Tour, Ende der Geduld mit einem Sport, der im Doping-Sumpf versank. Und der nun in Deutschland wieder den Kopf herausstreckt aus dem Morast, mit charismatischen und erfolgreichen Profis wie Tony Martin, John Degenkolb, André Greipel oder Marcel Kittel, von denen man sehnsüchtig glauben mag, dass sie sauber unterwegs sind.

          Das Maß aller Dinge im Radsport ist – neben den uralten und unsterblichen Frühjahrsklassikern Mailand–Sanremo, Paris–Roubaix und der Flandern-Rundfahrt – die Tour de France geblieben, eine dreiwöchige Rundfahrt voller Geschichten epischer Größe und abgründiger Verdorbenheit. Am ersten Juli-Samstag wird die Tour in Düsseldorf zum 104. Mal starten, das erste Mal in Deutschland seit Berlin 1987. Ein Lebenszeichen für den deutschen Radsport.

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