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Veröffentlicht: 09.04.2017, 21:00 Uhr

Paris-Roubaix Van Avermaet erobert die Königin

Der belgische Olympiasieger behält bei Paris–Roubaix die Nerven – und lässt sich auch durch einen Sturz nicht aufhalten. Die deutschen Profis verpassen jedoch den Anschluss.

von Alex Westhoff, Roubaix
© AFP In Stein gemeißelt: Greg Van Avermaet küsst die Sieger-Trophäe.

Es ist Ansichtssache im Peloton – „Königin der Klassiker“ oder „Hölle des Nordens“? Für Greg van Avermaet war Paris-Roubaix am Sonntag nach 257 Kilometern extrem schnell gefahrenen Kilometern Ersteres. Der belgische Olympiasieger vom Team BMC Racing ließ sich von einem Sturz früher im Rennen nicht aufhalten und behielt nach einer kräftezehrenden Strapaze im Sattel auch im nervenzehrenden Finale einer Fünfergruppe die Nerven. Im Velodrome von Roubaix konnte seinem finalen Antritt niemand folgen. Der Tscheche Zdenek Stybar (Quick-Step Floors) und der Niederländer Sebastian Langeveld (Cannondale) folgten auf den Plätzen.

Die Profis hatten sich eine verbissene Hatz durch Nordfrankreich geliefert, die quälende Kopfsteinpflasterpassagen auf 55 Kilometer Länge beinhalteten. In einem zermürbenden Ausscheidungsrennen bis zum Schluss spielten die deutschen Profis im Kampf um den Sieg beim wichtigsten Frühjahrsklassiker keine Rolle, konnten aber mit zwei Top-10-Ergebnissen aufwarten. Sprintspezialist André Greipel (Lotto-Soudal) schlug sich auf fachfremdem Terrain äußerst wacker und wurde zwölf Sekunden hinter dem Sieger Siebter.

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Der Sieger von 2015, John Degenkolb, dessen Domäne die Frühjahrsklassiker sind, verfehlte als Zehnter nach Mailand-San Remo und der Flandern-Rundfahrt auch bei Paris-Roubaix das angestrebte Topergebnis. „Ich habe mich gut, aber nicht sehr gut gefühlt – und das reicht bei einem solchen Rennen nicht aus“, sagte der Kapitän der Equipe Trek-Segafredo. Der Frontmann des deutschen Teams Bora-hansgrohe, Peter Sagan, gehörte, von zwei Defekten entscheidend zurückgeworfen, ebenfalls zu enttäuschten Favoriten. Und Tom Boonen? Der belgische Radheros kämpfte wie erwartet in seinem letzten Profirennen lange aussichtsreich mit um den Sieg, ehe ihn auf den letzten Rennkilometern seiner Karriere die Kräfte verließen.

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In Belgien schien sich das Rad in den vergangenen Wochen nur um Boonen und seine Abschiedstour zu drehen. Auf der ehrwürdigen Betonpiste im Velodrom von Roubaix sollte die glanzvolle Laufbahn des 36-Jährigen mit dem Rekordsieg – dem fünften – bei seinem Lieblingsrennen zu Ende gehen. Seinen vielen spektakulären Ritten auf dem unwirtlichsten und unwägbarsten Terrain des Radkalenders verdankt er einen Großteil seiner enormen Popularität, ja Verehrung als radelnder Volksheld.

45790805 © Augenklick/Roth Vergrößern Rüttelpiste in der „Hölle des Nordens“: Paris-Roubaix ist für seine Pflasterpassagen berüchtigt.

Dass Boonen mehrere Male des Kokainkonsums überführt worden ist, konnte nicht verhindern, dass er dah eim schon zu aktiven Zeiten in den Status einer Legende gehoben wurde. Sein Teamkollege, der Zweitplazierte Stybar, sagte beinahe entschuldigend: „Es ging für uns eigentlich nur darum, dass Tom gewinnt.“ 100 Kilometer vor dem Ziel ließ Boonen mal die Schenkelmuskulatur spielen bei einer von ihm eingeleiteten Tempoverschärfung auf dem Untergrund, den er wie kein anderer Rennfahrer liebt: die Pavé-Sektoren Nordfrankreichs.

Dort werden beim Rütteltest des Jahres Rennfahrer und Rennmaschine auf eine extreme Probe gestellt, Stürze und Defekte prägen in einer Tour das Bild, die „Hölle des Nordens“ scheint ihre diabolische Freude daran zu haben, bisweilen auch die besten Steuerkünstler auf zwei Rädern zu überfordern. Für jenes grobe, ungleich verfugte, zu Napoleons Zeiten angelegte Pflaster, das selbst Spaziergänger meiden, hat der 1,92 große und über 80 Kilo schwere Hüne auf dem Rad nicht nur ein Faible, sondern empfindet echte Liebe.

45790910 © EPA Vergrößern Am Ende konnte keiner mehr mit Avermaet mithalten.

Paris-Roubaix ist Hektik und Härte pur. Es hat etwas Anarchisches, wenn die Rennfahrer schon Kilometer vor den wichtigsten Pflasterpassagen um die Positionen rangeln und zu einer radelnden Ellbogengesellschaft werden. Ein Schauspiel der besonderen Sorte ist es, wenn die Pedaleure im gnadenlosen Verdrängungswettbewerb in den Wald von Arenberg voll Adrenalin mit knapp 60 Sachen regelrecht einschießen. Jene schmale, 2,4 Kilometer lange Pavè-Passage ist in der Radsportwelt regelrecht mythisch aufgeladen, dementsprechend dicht ist das Spalier der Zuschauer.

In diesem Jahr hat die „Königin der Klassiker“ ihre strampelnden Untertanen mit sonnigen Frühlingswetter bezirzt, so dass sich keine Schlammschlacht, sondern ein staubiges Spektakel zwischen den Äckern entwickelte. Die Rennfahrer tun schier alles, um in der knapp sechsstündigen, seit 121 Jahren kaum veränderten, prestigeträchtigsten Frühjahrs-Hatz streng nordwärts von Compiegne – 80 Kilometer nördlich von Paris gelegen – bis Roubaix zu reüssieren. Es ist eine sichtbare Tortur de France. Die Faszination dieses Rennens mit zirzensisch-anachronistischer Note speist sich aus dem Mehr an Zähigkeit, Opferbereitschaft und Leidensfähigkeit, das es erfordert.

45790899 © EPA Vergrößern Greg Van Avermaet (links) feiert den Sieg mit seinem Teamkollegen Daniel Oss.

Und auch der Faktor Glück spielt eine Rolle auf den steinernen Buckelpisten und während der auch in diesem Jahr wieder so häufig wechselnden Rennkonstellationen. Am Ende war Greg van Avermaet der Stärkste und der Glücklichste an einem Tag, der einen strahlenden Sieger und viele ausgepowerte Verlierer produzierte.

Es gehört zu den Kuriositäten und Schrullen von Paris-Roubaix, dass der Sieger als Trophäe einen Original-Pflasterstein überreicht bekommt. Nicht schön, aber äußerst passend. In Kürze darf van Avermaet auch noch ein Messingschild mit seinem Namen in den antiquierten Duschen des Velodroms aufhängen. Paris-Roubaix beweist seine Einzigartigkeit auch mit seiner Heldengalerie in der Nasszelle.

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