11.05.2010 · Ein Novum im Kampf für den sauberen Radsport: Linus Gerdemann bietet eine Totalüberwachung an, um zu beweisen, dass Doping kein Systemzwang ist. Sein Hotelzimmer würde bei der Tour de France dann zur Gefängniszelle.
Von Michael EderEr habe Freunde, sagt Linus Gerdemann, die studierten Sport, und die müssten sich von ihren Professoren so manches anhören. Zum Beispiel, dass kein Radprofi die Tour de France ohne Doping fahren könne. „Ein solcher Unsinn wird jetzt schon an der Uni erzählt“, sagt Gerdemann. „Und meine eigenen Freunde erzählen es dann mir, als sei es wahr.“ Der 27 Jahre alte Milram-Kapitän, der am Samstag in Amsterdam in den Giro d'Italia startete, kann sich über pauschale Dopingverdächtigungen mächtig aufregen, er hält sie schlichtweg für Stammtischparolen. Doch wie das Gegenteil beweisen in einem Sport, in dem es mehr überführte Doper gibt als in jedem anderen, einem Sport, der in der öffentlichen Wahrnehmung längst mehr mit Dopingskandalen verbunden wird als mit allem anderen?
Gerdemann unterzieht sich, wie alle Radprofis, einem rigiden Testprogramm inklusive biologischen Passes, doch Vertrauen lässt sich dadurch nur in Maßen schaffen. Erst vor wenigen Tagen hat der gerade des Epo-Dopings überführte Schweizer Profi Thomas Frei davon berichtet, dass sich mit Mikrodosen Epo relativ problemlos dopen ließe. Am Abend vor einer schweren Etappe eine Mikrodosis spritzen, ausreichend Wasser trinken, und am nächsten Morgen sei bei einer möglichen Kontrolle nichts mehr nachzuweisen - so gab es Frei zu Protokoll. Der Eindruck, den er erweckte: Es wird im Radsport weiterhin flächendeckend gedopt, und das auch unmittelbar vor Rennen. Das passt zur Theorie einer angeblich noch immer bestehenden Systemimmanenz des Dopings im Radsport, und diese wiederum wird als Notwendigkeit interpretiert, weil eine schwere dreiwöchige Rundfahrt wie die Tour de France nicht ohne illegale Substanzen zu überstehen sei. „So entstehen Mythen“, sagt Gerdemann und macht passend zum Giro-Start ein ungewöhnliches Angebot.
Um zu beweisen, dass es möglich ist, die Tour de France ohne Doping zu fahren, bietet er an, die Frankreich-Rundfahrt in diesem Jahr als „gläserner Athlet“ zu bestreiten, sich vor und während des Rennens überwachen zu lassen, für jede Art von Kontrollen jederzeit zur Verfügung zu stehen und alle Werte im Internet zugänglich zu machen.
Hotelzimmer als Gefängniszelle
Gerdemann ist auch bereit, sich rund um die Uhr observieren zu lassen, sich nicht nur ständig kontrollieren zu lassen, sondern sich auch unter ständige Aufsicht zu stellen. Er ist auch bereit, seine Hotelzimmer während der Tour de France als eine Art Gefängniszelle zu betrachten, die er nur nach scharfer Kontrolle und Leibesvisitation betreten könne, damit die Kontrolleure sicherstellen können, dass er nicht irgendwelche Substanzen in seinen Privatbereich schaffe. Gerdemann bietet an, was bisher kein Sportprofi angeboten hat: eine Totalüberwachung, die nicht nur die drei Wochen der Tour de France, sondern auch einen zu definierenden Zeitraum vor dem Rennen umfassen würde. „Alles müsste hundertprozentig wasserdicht sein“, sagt er. „Alles müsste intensiv mit Antidopingexperten geplant werden, so dass man auf einer seriösen Basis diese Stammtischthese widerlegen kann.“
Gerdemanns Angebot steht. Nun wartet er auf unabhängige Partner, die bereit wären, ein entsprechendes Konzept zu erarbeiten - und zu finanzieren. Wer käme in Frage? Forschungsinstitute, Sporthochschulen zum Beispiel. Ausdrücklich lädt Gerdemann auch öffentlich-rechtliche Fernsehsender zu einer Beteiligung an dem Projekt ein. Sein Verhältnis zur ARD ist seit vergangenem Herbst gestört, als der WDR ihm angeblich auffällige Blutwerte aus dem Jahr 2006 unterstellt hatte - ohne dafür handfeste Fakten liefern zu können.
Armstrong brach einen Versuch ab
Die Idee des „gläsernen Athleten“ im Radsport hatte nach seinem Comeback zuletzt Lance Armstrong propagiert - dann aber schnell wieder aufgegeben. Der Amerikaner, der siebenmal die Tour de France gewann und immer wieder des Dopings verdächtigt wurde, hatte ursprünglich angekündigt, alle seine Blutwerte im Internet zu veröffentlichen. Der renommierte amerikanische Antidopingexperte Don Catlin, so die Ankündigung, sollte Armstrong alle drei Tage testen.
Nach wenigen Wochen war davon aber keine Rede mehr. Armstrong beendete die Zusammenarbeit mit Catlin mit der Begründung, er werde auch ohne dieses Projekt ausreichend oft kontrolliert. (siehe: Lance Armstrong: Heikle Fragen, ausweichende Antworten)
Zuvor hatte der dänische Mediziner Jakob Mörkebjerg die veröffentlichte Blutwerte von Armstrong während der Tour de France im vergangenen Jahr als „unnormal“ bezeichnet. „Ich wollte Transparenz zeigen, und dann werde ich so attackiert“, zürnte Armstrong seinerzeit - und beendete die Transparenz. Gerdemann will sie nun für sich wieder aufleben lassen, mit einer zusätzlichen Dimension: der Rundumobservierung.