André Greipel hat sich entschieden. Der 28 Jahre alte Radprofi aus Hürth, einer der besten Sprinter im internationalen Peloton, wird am Ende des Jahres seinen bisherigen Rennstall HTC Columbia verlassen und sich dem belgischen Team Omega Pharma-Lotto anschließen. Man ist sich einig, der Vertrag soll in dieser Woche unterzeichnet werden, nachdem Greipel von der Polen-Rundfahrt zurück ist. Bei Omega Pharma-Lotto wird Greipel die Rolle bekommen, die er bei Columbia trotz 36 Siegen in den vergangenen beiden Jahren nie spielen durfte: die des Sprinters Nummer eins im Team.
Bei Columbia stand Greipel im Schatten des britischen Superstars Mark Cavendish, der in den vergangenen drei Jahren allein 15 Etappen bei der Tour de France gewonnen hat. Mit dem extrovertierten Briten verband Greipel spätestens seit Beginn dieser Saison eine tiefe Abneigung. Greipel hatte nach einer für ihn äußerst erfolgreichen Saison 2009, in der er trotz dreimonatiger Verletzungspause zwanzig Siege einfuhr, Ansprüche auf einen Startplatz bei der Tour de France erhoben, Cavendish aber machte schnell klar, dass er von Konkurrenz aus dem eigenen Haus nichts halte.
Auch die Idee, Greipel könne außerhalb des Cavendish-Sprinterzuges die Tour quasi auf eigene Rechnung fahren, womit Columbia eine weitere Option auf Etappensiege hätte, fiel bei Cavendish und dem Sportlichen Leiter von Columbia, Rolf Aldag, durch. Und als dann Cavendish in einem Interview bemerkte, dass Kollege Greipel seine Siege ja nur bei „beschissenen kleinen Rennen“ einfahre, trug dies auch nicht gerade zur Steigerung des Betriebsklimas bei. „Ich war immer loyal gegenüber Cavendish und dem Team, und wenn er dann mich und unsere Kollegen, die an meinen Erfolgen beteiligt waren, beleidigt, dann ist das nicht mehr mein Niveau“, sagt Greipel.
Aldag ließ den Deutschen auch in diesem Jahr während der Tour de France zu Hause, Greipel musste statt des Saisonhöhepunktes bei der Österreich-Rundfahrt starten, und Cavendish gewann nach anfänglichen Schwierigkeiten fünf Etappen, unter anderem den prestigeträchtigen Schlussabschnitt mit Zielankunft auf den Champs-Elysées in Paris.
Vorfreude auf Duelle mit Cavendish
Dass diese Saison die letzte in einem Team mit Cavendish sein würde, war für Greipel, der am Samstag im Sprint die letzte Etappe der Polen-Rundfahrt gewann, längst beschlossene Sache. Die Frage war nur: Würde Cavendish gehen (das britische Sky-Team zeigte Interesse), oder würde er gehen? Als klar war, dass Cavendish bei Columbia bleiben würde, sondierten Greipel und sein Berater den Markt und wurden in Belgien fündig. Bei Omega Pharma-Lotto wird der Deutsche nun der unangefochtene Chef der Sprintabteilung werden. Die Belgier Philippe Gilbert als Klassikerspezialist und Jurgen Van Den Broeck als Rundfahrer (Fünfter bei der Tour de France in diesem Jahr) waren bislang die Frontleute im Team, Greipel soll das Repertoire nun um den Sprint erweitern. „Das Team ist gut aufgestellt“, sagt Greipel. „Ich werde um Siege mitfahren und auch mein Ziel verwirklichen können, die Tour de France zu bestreiten.“
Und dann die Duelle mit Cavendish - auf sie darf man gespannt sein. Greipel jedenfalls ist davon überzeugt, dass er keinen Deut langsamer ist als der britische Rivale. Über seine Betrachterrolle bei der Tour in diesem Jahr sagt er: „Es ist schwierig, zuschauen zu müssen, wenn man in Form ist und weiß, man könnte vorn mitmischen.“
Ob ihn Fahrer von Columbia nach Belgien begleiten werden, wird sich zeigen. Möglich ist es, denn gerade Sprinter sind auf treue Helfer angewiesen und verändern ein eingespieltes Rennumfeld nur ungern. Der Australier Adam Hansen, der Spanier Vincente Reyes und Marcel Sieberg aus Hürth wären Columbia-Kandidaten, die Greipel wohl gern auch in Zukunft um sich hätte.