11.01.2008 · Das Team Milram strebt mit einem rigiden Anti-Doping-Programm einen Neuanfang an. Das gesamte Team soll in der Saison 2008 mehr als 600 Tests unterzogen werden. Sportlich sollen die beiden Sprinter Erik Zabel und Alessandro Petacchi eine Doppelspitze bilden.
Von Rainer Seele, BremenMan hat Erik Zabel schon fröhlicher gesehen als am Donnerstagmittag. Bei der Präsentation des Teams Milram in einem Bremer Hotel zeigte er meist eine ernste Miene. Aber die Zeiten sind ja auch für ihn härter geworden. Seine Doping-Beichte im vergangenen Jahr hat ihre Spuren hinterlassen, Zabel ist angreifbar geworden. Er wurde am Donnerstag gefragt, wie er denn sein schlechtes Image ablegen wolle, und der 37 Jahre alte Radprofi antwortete zunächst: „Gute Frage.“
Dann sagte er, dass diese Geschichte, sein Bekenntnis also und die Folgen, ihm zu schaffen gemacht habe. Aber Zabel verwies auch darauf, dass es sich um Doping im Jahre 1996 gehandelt habe - „die Zeit danach sollte nicht ganz unerwähnt bleiben“. Das sollte bedeuten, dass er sich seitdem nichts mehr zuschulden hat kommen lassen. Für seine Mannschaft auf alle Fälle ist die Angelegenheit erledigt, sie baut auch 2008 wieder auf Zabel. „Wir müssen da einfach nach vorne gucken“, sagte Martin Mischel, Mitglied des Vorstandes der Nordmilch AG, die als Hauptsponsor des Rennstalls fungiert. Und überhaupt genieße Zabel noch immer eine „sehr große Popularität“ im Lande. „Die vielen positiven Aspekte überwiegen“, sagte Mischel.
Doppelspitze der Sprinter
Zabel und der Italiener Alessandro Petacchi, der durch die Anwendung eines Asthmamittels in offenbar überhöhter Dosis ins Visier der italienischen Ermittler geriet, sind immer noch die Stars des Teams Milram; die beiden Sprinter sollen auch künftig eine Doppelspitze bilden. Geradezu schwärmerisch sprach der neue Teammanager Gerry van Gerwen über die beiden Radrennfahrer, er nannte sie „Kanonen“.
„Ich bin so unglaublich glücklich damit“, sagte der Niederländer und sprach gleich auch von der Aussicht, bei der kommenden Tour de France „drei, vier, fünf Etappen“ gewinnen zu können. Unlängst hatte er sogar die Hoffnung geäußert, beim Start der Tour in Brest durch Petacchi vielleicht das Gelbe Trikot zu erobern - bei der Frankreich-Rundfahrt gibt es diesmal keinen Prolog.
Die Glaubwürdigkeit des Radsports
So versucht sich das Team Milram also in die Zukunft zu stürzen in einer schwer belasteten Branche - Mischel ist freilich davon überzeugt, „dass sich die Verhältnisse ändern“. Deshalb hatte sich die Nordmilch AG auch entschieden, ihr Engagement fortzusetzen; es soll davor jedoch viele Diskussionen gegeben haben, „auch mit Landwirten“, wie Mischel sagte. „Es ist keine Selbstverständlichkeit“, betonte er, „dass wir hier heute wieder sitzen.“
Natürlich heißt es auch beim Team Milram, dass man dazu beitragen möchte, die Glaubwürdigkeit des Radsports nach zahlreichen Doping-Skandalen wiederherzustellen. Der Anti-Doping-Kampf soll forciert werden - „wir leben danach“, behauptete van Gerwen, „gebt uns die Chance“.
Das vermeintlich rigide Anti-Doping-Programm
Um vertrauenswürdig zu wirken, vollzog die Equipe einige Wechsel. So wurde die Zusammenarbeit mit dem italienischen Teamchef Gianluigi Stanga beendet, das Team Milram besitzt jetzt eine deutsche Pro-Tour-Lizenz, die neue Betreibergesellschaft namens VeloCity hat ihren Sitz in Dortmund. Stanga war durch Jörg Jaksche ins Zwielicht gerückt worden, der Franke hatte den Italiener bei seinen Doping-Enthüllungen schwer beschuldigt. Mischel erhob keinen Verdacht gegen Stanga, im Gegenteil. „Wir haben Herrn Stanga nichts vorzuwerfen“, sagte er, „wir haben nie den Eindruck gehabt, dass da etwas schiefläuft.“ Allerdings „kann einen die Vergangenheit nicht ganz loslassen“.
Das Team Milram setzt nun auf ein „deutsches Gesicht“, und die Verpflichtung einiger junger Fahrer soll verdeutlichen, dass man tatsächlich einen Neuanfang anstrebe - angeblich ist er mit großer Transparenz verbunden. Dabei soll auch das Basislager in Dortmund, das vor der Tour eröffnet werden soll, eine wichtige Rolle spielen. Besucher sind erwünscht, zumindest sagte van Gerwen: „Die Tür steht jeden Tag offen, kommt einfach.“
„Hier rockt die Halle“
Mischel kündigte in Bremen auch an, künftig sehr hart gegen Doping-Sünder vorzugehen. Das vermeintlich rigide Anti-Doping-Programm des Teams Milram umfasst fünf Säulen, das gesamte Team soll in der Saison 2008 mehr als 600 Anti-Doping-Tests unterzogen werden. Van Gerwen beschrieb das Reglement sehr ausführlich, und er sagte auch, dass es wegen des Ethikcodes der ProTour-Teams gar nicht möglich sei, geständige Profis wie Jaksche oder Patrik Sinkewitz unter Vertrag zu nehmen - auch wenn sie sich als Kronzeugen zur Verfügung gestellt hätten. Dass es das Team Milram sehr ernst meint mit seinen Bemühungen, gegen Doping einzuschreiten, versuchte van Gerwen nicht zuletzt mit einer neuen Gepäckregelung zu belegen: Bei Reisen zu Rennen müssen die Profis ihre Koffer abschließen, und die Schlüssel werden in versiegelten Umschlägen aufbewahrt - um Manipulationen zu verhindern.
Zabel hörte aufmerksam zu und sagte danach: „Mich haben die Ausführungen beeindruckt. Ich stelle mich den Maßnahmen.“ Der Berliner, der seine Karriere nach dieser Saison vermutlich beenden wird, setzte sich dann bald wieder auf das Rad: Am Donnerstagabend begannen, mit Zabel, die Bremer Sixdays. Kein unerheblicher Nebenverdienst für ihn - und auf der Bremer Winterbahn fühlt Zabel sich auch sehr wohl. „Hier rockt die Halle.“ Auf der Straße werden dann wieder andere Töne angeschlagen werden.