09.03.2008 · Der Machtkampf geht weiter - und die Doping-Diskussion auch. Wohin der Radsport steuert, ist aber noch immer nicht zu erkennen. Immerhin: die „Fahrt zur Sonne“ hat am Sonntag in Paris begonnen. Normal endet sie in Nizza.
Von Rainer SeeleDie „Fahrt zur Sonne“ hat am Sonntag in Paris begonnen. Eine gute Nachricht vom Radsport, zweifelsohne, schließlich belegt sie: In der Branche herrscht doch ein gewisser Zusammenhalt. Zumindest unter den Teams, die ein Zeichen setzten. Sie hatten sich nicht bremsen lassen von Streitereien und Drohungen, von all den düsteren Szenarien, die der Internationale Radsportverband (UCI) entworfen hat.
Mancher mag mit der Tatsache, dass die Mannschaften die Herausforderung Paris–Nizza annahmen, tatsächlich ein kleines Stück Hoffnung für den Radsport verbinden. Allerdings ist dessen Zukunft trotz allem ungewiss: Immerhin ist der erbitterte Machtkampf zwischen der UCI, die erst mal als Verlierer dasteht, und der Amaury Sport Organisation (ASO), die Paris–Nizza und auch die Tour de France veranstaltet, noch keineswegs ausgestanden. Und zu den heftigen Turbulenzen der Gegenwart kommt die schwierige Aufarbeitung der Vergangenheit, der zurückliegenden Doping-Affären. Mit einem offenbar immer größer werdenden Geflecht aus Verdächtigungen, Vorwürfen und Dementis.
Sinkewitz soll neue Namen genannt haben
Patrik Sinkewitz, geständiger Doping-Sünder und Kronzeuge, soll gerade bei einer weiteren Befragung durch Beamte des Bundeskriminalamtes neue Namen genannt haben: Andreas Klöden zum Beispiel und auch Matthias Kessler, ehemalige Kompagnons des Hessen bei T-Mobile. Beide sollen zu dem Tross gehört haben, der während der Tour 2006 zur Blutauffrischung einen Abstecher von Straßburg nach Freiburg machte.
Klöden, der beim Team Astana unter Vertrag steht und deswegen – so ein Beschluss der ASO – auch nicht an der Tour teilnehmen darf, wehrte sich umgehend gegen die frischen Attacken. Mit einer eigenwillig formulierten Erklärung. „Ich habe meine Rechtsanwälte gebeten, den Sachverhalt aufzuklären und die zur Wahrung meiner Persönlichkeitsrechte erforderlichen Schritte zu ergreifen“, teilte Klöden mit. Klöden hat angeblich der zuständigen Staatsanwaltschaft zur Klärung der Angelegenheit „bereits vor der derzeitigen Berichterstattung“ Kooperationsbereitschaft angeboten. „Allerdings“, so der Profi, „ist die beantragte Akteneinsicht leider noch nicht gewährt worden.“
Klöden betonte stets, nie gedopt zu haben
Nach der erneuten Anhörung von Sinkewitz will die Freiburger Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen im Radsport auf alle Fälle ausweiten. Es sei „nicht sehr wahrscheinlich, dass Sinkewitz alleine gedopt hat“, sagte Staatsanwalt Wolfgang Maier als Sprecher der Freiburger Behörde. Er kündigte „bis kommenden Freitag“ die Vernehmungen der früheren Sinkewitz-Freundin sowie weiterer Rennfahrer an, die sich in der Freiburger Uniklinik einer Blutbehandlung unterzogen haben könnten.
„Ich bin zuversichtlicher als noch vergangene Woche, dass die Sachlage nun aufgeklärt werden kann“, sagte Maier. Klöden betonte stets, nie gedopt zu haben. Das Team Astana will deshalb vorläufig auch keine Maßnahmen gegen ihn ergreifen. Der Franke Kessler war wegen Testosteron-Dopings bereits im vergangenen Jahr von der kasachischen Equipe fristlos entlassen worden.
„Wir wollen Radrennen fahren“
Die T-Mobile-Profis sollen 2006 im Konvoi nach Freiburg gefahren sein – just nach dem Skandal um Jan Ullrich, der von T-Mobile unmittelbar vor der damaligen Tour suspendiert worden war. Ullrich soll Kunde des spanischen Doping-Rings um den Arzt Eufemiano Fuentes gewesen sein, was der Rostocker bisher jedoch bestreitet. Die Bonner Staatsanwaltschaft soll inzwischen nach Informationen des Magazins „Focus“ mit Ullrich und dessen Anwälten über eine gütliche Einigung verhandeln. Wenn Ullrich eine Million Euro zahlt und seine Beziehung zu Fuentes zugibt, wird das Verfahren wegen Betrugs zum Nachteil seines einstigen Arbeitgebers T-Mobile eingestellt, heißt es.
Das Gestern noch teilweise ungeklärt, das Heute überschattet von Auseinandersetzungen zwischen der UCI und der ASO: Der Radsport gibt auch 2008 wieder ein Bild der Zerrüttung ab – wenigstens aber demonstrierten die Rennställe Einigkeit. „Wir wollen Radrennen fahren“, sagte Hans-Michael Holczer, Chef des Teams Gerolsteiner, zu dem Entschluss, ungeachtet des Polterns der UCI bei Paris–Nizza anzutreten. Holczer wertete dies als eine Entscheidung für den Sport, für die Rennfahrer und die Sponsoren. Er behauptete, dass dies kein Votum gegen die UCI gewesen sei – er räumte jedoch auch ein: „Man hatte die Tour im Hinterkopf. Keiner wollte sich mit der ASO überwerfen.“
Rückzieher der UCI bezüglich Olympia-Teilnahme
Am Sonntag war nun von „High Noon in Amilly“ die Rede: Kurz nach zwölf Uhr mittags eröffnete der Franzose Thierry Hupond südlich von Paris den Prolog von Paris–Nizza. Der Moment, in dem sich die Spaltung des Radsports vollzog? „Der Weltverband UCI in seiner alten Form ist tot“, schrieb die Deutsche Presse-Agentur – und sie berichtete auch, dass Tour-Direktor Christian Prudhomme am Sonntag hochzufrieden gewirkt habe.
Vermutlich hatte dies auch damit zu tun, dass die UCI, die Teams und Fahrer vor Paris–Nizza mit möglichen Ausschlüssen und Sperren unter Druck setzen wollte, in einem Punkt schon wieder einen Rückzieher gemacht hatte: Auf die Zulassung zu den Olympischen Spielen in Peking habe ein Start bei Paris–Nizza keinen Einfluss, ließ die UCI wissen. Der Verband steht im Abseits – als „Regierung“ im Radsport aber, so Holczer, sei die UCI unverzichtbar. Gleichwohl soll die Macht im Radsport jetzt neu verteilt werden. Man müsse, fordert Holczer, „die Rechte für Teams und Organisatoren einfließen lassen“. Zum Beispiel bei der Erteilung der Lizenzen oder der Gestaltung des Rennkalenders.
Die Welt des Radsports wird sich wohl ändern. Das bedeutet aber noch nicht, dass der Weg wirklich zur Sonne führt.