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Radsport Doping-Enthüllung trifft Team Telekom

29.04.2007 ·  Doping war im Radsportteam Telekom anscheinend kein Fall für Einzeltäter: Der ehemalige Betreuer Jeff d'Hont wirft den bis heute aktiven Freiburger Sportmedizinern vor, Fahrer wie Jan Ullrich oder Bjarne Rijs mit Epo versorgt zu haben. Von Anno Hecker.

Von Anno Hecker
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Doping war im Radsportteam Telekom zu Hochzeiten offensichtlich kein Fall für Einzeltäter, sondern Teil eines ehrgeizigen Programms mit Wissen und tatkräftiger Hilfe der medizinischen Abteilung. Das behauptet zumindest der Belgier Jeff d'Hont. In der Montagausgabe des „Spiegels“ wirft der ehemalige Betreuer bei Telekom den bis heute im inzwischen umbenannten Rennstall (T-Mobile) aktiven Medizinern Lothar Heinrich und Andreas Schmid vor, Fahrer wie Jan Ullrich mit dem im Sport verbotenen Erytropoietin (Epo) versorgt zu haben.

„Es war nicht so, dass Heinrich gesagt hat: Nein, nein, das will ich nicht. Epo fand er ganz normal. Und das war es ja auch, nicht nur beim Team Telekom, sondern auch bei einigen anderen Teams. Heinrich hat das Epo mitgebracht und auch selber gespritzt und mit den Rennfahrern gesprochen“, sagte d'Hont dem „Spiegel“ und fügte an anderer Stelle hinzu: „Die Fahrer wollten es, auch wenn der Teamarzt Andreas Schmid sich anfänglich sträubte.“

Brisanter Kronzeuge

Epo verbessert die Ausdauerfähigkeit, birgt aber unter anderem die Gefahr einer lebensgefährlichen Blutverdickung. Für die Verabreichung muss eine medizinische Indikation vorliegen, was bei Tour-de-France-Fahrern wohl ausgeschlossen werden kann. Die betroffenen Mediziner waren zunächst zu einer Stellungnahme nicht zu erreichen. Der Pressechef des Teams T-Mobile, Christian Frommert, kündigte eine Unterredung an.

D'Hont ist in den vergangenen Wochen zu einem Kronzeugen in der Aufarbeitung einer möglichen Doping-Ära bei Telekom geworden. Nach seinem Engagement bei Telekom bis 1996 arbeitete er unter anderem als Beschaffer von Dopingmitteln. Das gaben Fahrer nach dem sogenannten Festina-Skandal bei der Tour 1998 zu Protokoll. Im Zuge der Ermittlungen wurde d'Hont wegen der Weitergabe von Dopingmitteln von einem französischen Gericht zu neun Monaten auf Bewährung verurteilt. Der Mann ist also vom Fach. Und, wie er behauptet, über die Jahre bei seinen Arbeitgebern Augenzeuge von Manipulationen gewesen.

Nun zitiert er, wie er sagt, aus dem Gedächtnis: Ende März warf er dem Tour-de-France-Sieger von 1996, Bjarne Riis, vor, bei seinem Erfolg im Trikot des Bonner Unternehmens „randvoll mit Epo“ gewesen zu sein. Allerdings erklärte er, keine Unterlagen mehr zu besitzen. Seine Frau habe alles verbrannt, als er in Untersuchungshaft gesessen habe. Vor diesem Hintergrund reagierte Riis gelassen: Da wolle wohl einer sein Buch verkaufen.

„Richtig los ging es 1993“

Immerhin scheute sich d'Hont nicht, nun im „Spiegel“ über die Entwicklung der Doping-Einnahme bei Telekom zu berichten, Methoden, Substanzen und Namen zu kombinieren. Was zu juristischen Auseinandersetzungen führen müsste. Denn d'Hont, Anfang der sechziger Jahre Radrennfahrer mit einem mächtigen Amphetamin-Bedarf, widersprach den bisherigen Darstellungen von Telekom und deren ehemaligen wie gegenwärtigen Angestellten: „Richtig los ging es 1993. Uwe Ampler war seit einem Jahr dabei, und man bereitete Olaf Ludwig auf die Weltmeisterschaft vor, bei der er Dritter wurde.“ Epo-Lieferungen hatten das deutsche Team demnach aus Italien erreicht und für Aufregung gesorgt, weil Ampler plötzlich so viel besser wurde.

Ampler ist übrigens bislang der einzige Telekom-Fahrer, der zugab, im Team unter Stoff (Epo) geradelt zu sein. Den Hinweis, er sei ohne sein Wissen gedopt worden, nahm er zwar in einem Arbeitsgerichtsverfahren zurück. Nicht aber die Aussage über Einnahme selbst. „Die Fahrer wollten es (. . .) Der Höhepunkt, den ich miterlebt habe“, sagt d'Hont nun, „war 1996, mein letztes Jahr bei Telekom.“ Das war das Jahr von Riis' Sieg bei der Frankreich-Rundfahrt.

„Nie ohne Absprache mit den Ärzten“

Just die Saison, in der d'Hont (“Wir mussten die Fahrer beim Dopen bremsen“) nach eigener Aussage alarmiert über die Werte des Dänen zu den Team-Ärzten von der Freiburger Uniklinik lief: Riis hatte nicht nur einen eigenen Arzt in Italien, sondern auch einen gefährlich hohen Hämatokritwert (64 Prozent), der das Verhältnis von flüssigen zu festen Stoffen im Blut angibt. Heinrich und Schmid seien erschrocken gewesen, dass Riis so viel macht. Aber nicht, dass er überhaupt etwas macht. Denn das war „Alltag. Die Ärzte spritzten, und wenn wir spritzten, geschah das nie ohne Absprache mit den Ärzten.“ Ein Jahr später gewann ein gewisser Jan Ullrich die Tour. Bis heute, selbst nach den erschlagenden Indizien in der Fuentes-Affäre, behauptet er, niemanden betrogen zu haben. Weil es alle wussten?

D'Hont sagt nicht, ob er eine von den Hunderten Spritzen, die er setzte, auch Ullrich ins Gewebe stach. Er behauptet aber, gesehen zu haben, wie Ullrich Epo spritzte oder gespritzt wurde. D' Hont war demnach nicht der einzige Spritzen-Mann im Team. „Oft haben die Ärzte die Spritzen gesetzt“, erklärte er dem „Spiegel“, „es gab auch Fahrer, die sich die Spritzen selbst setzten.“ Die Menge der Einnahme reichte von 10 000 Einheiten (für etwa eine Woche) bis 50 000. Angst vor einer Entdeckung mussten Profis, Ärzte und Betreuer nicht haben. Erst seit ein paar Jahren ist es möglich, extern zugeführtes Epo nachzuweisen.

Dass bei Telekom nicht allein Ullrich seine Ausdauer mit Epo steigerte, lässt sich schon am Vergleich mit Festina ablesen. Nur drei Festina-Fahrer gaben nach der Affäre von 1998 an, keine Dopingmittel während der Tour de France eingenommen zu haben. Dann aber wäre die Telekom-Truppe, die mindestens auf dem Niveau von Festina fuhr, theoretisch en bloc überführt. Wenn doch schon Ullrich, das Ausnahmetalent, zur pharmazeutischen Beschleunigung griff: „Und er nahm auch Wachstumshormon „, sagt d'Hont bedauernd: „In einem Feld ohne Doping hätte Ullrich sie alle geschlagen, und das auf Jahre.“

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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