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Radsport Die beschmutzte Sauberfrau Jeannie Longo

10.10.2011 ·  Jeannie Longo ist die dienstälteste Ikone des französischen Sports, eine Verfechterin des natürlichen Lebens. Nun droht ihr wegen eines Doping-Verstoßes das Karriere-Ende.

Von Annika Joeres, Nizza
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Frankreichs ewiger Sauberfrau droht ein beschämendes Karriere-Ende. Sollten sich die Dopingvorwürfe gegen die Radrennfahrerin Jeannie Longo und ihren Mann erhärten, würde eine der dienstältesten Sportikonen Frankreichs vom Sockel gestürzt. Die Karriere der 52 Jahre alten Dauerleisterin schien unendlich - doch beim "Chrono des Nations" am kommenden Wochenende wird sie fehlen. Das Zeitfahren in der westfranzösischen Vendée ist ein Klassiker und beendet die Saison im Nachbarland.

Noch im vergangenen Jahr gewann Longo das Rennen souverän zum sechsten Mal. Heute aber befindet sie sich in der sicherlich schwierigsten Situation ihrer Karriere: Beim französischen Radsport-Verband (FFC) ist ein Disziplinarverfahren anhängig, weil sie drei Mal versäumte, den Doping-Kontrolleuren ihren genauen Aufenthaltsort mitzuteilen. Nun droht ihr eine Sperre bis zu zwei Jahren - und damit das wahrscheinliche Ende ihrer beispiellos langen und erfolgreichen Karriere.

Noch schwerer wiegen allerdings die Vorwürfe gegen Patrice Ciprelli. Die französische Sportzeitung "L'Equipe" veröffentlichte eine E-Mail des Longo-Gatten und -Trainers an den inzwischen überführten einstigen Sportler und amerikanischen Doping-Händler Joe Papp aus dem Jahr 2007. Darin soll eine Lieferung des Blutdopingmittels Epo ausgehandelt worden sein.

„Ich bin seine Puppe, die er kreiert hat“

Diese Substanz gilt als das wahrscheinlich am häufigsten genommene unerlaubte Mittel von Radrennfahrern. Der französische Radsportverband FFC hat Patrice Ciprelli inzwischen vorläufig suspendiert. Ciprelli aber bestreitet die Anschuldigungen. Er lässt über seinen Anwalt ausrichten, die E-Mails seien "betrügerisch" und "unwahr".

Longo aber wird unter den Vorwürfen gegen ihren Mann ebenso leiden wie unter denen gegen sie selbst: Das Ehepaar Longo-Ciprelli ist ein unauflösbares Tandem. "Ich bin seine Puppe, die er kreiert hat", sagte Jeannie Longo einmal schonungslos. Ihr Mann hat ihre Karriere von Anfang an begleitet, bei jedem Rennen steht er an der Ziellinie. "Ohne ihn hätte ich längst alles aufgegeben", sagt sie.

Schwaches Alibi

Die gegen sie gerichteten Vorwürfe weist Jeannie Longo kategorisch zurück. "Ich bin die meist getestete Sportlerin Frankreichs", sagt sie. Da könne bei der Meldung ihres Aufenthaltsortes auch mal ein Fehler passieren. Tatsächlich ist die Meldepflicht für viele Spitzensportler ein Ärgernis. In Frankreich müssen sie der Anti-Doping-Agentur (AFLD) vor jedem Quartal ihren Aufenthaltsort der kommenden Monate bis auf die Stunde genau mitteilen, um unangekündigte Blut- und Urintests zu ermöglichen. 97 Prozent aller überprüften Sportler taten dies laut dem Jahresbericht 2010 der AFLD anstandslos.

Jeannie Longo gibt zu ihrer Entschuldigung an, sie habe ihren todkranken und inzwischen verstorbenen Vater besucht und sei deswegen unvorhersehbar abwesend gewesen. Ein Mobiltelefon und einen Computer, um die AFLD zu benachrichtigen, hat Longo nach eigenen Angaben nie besessen. Sie lehne den Big-Brother-Staat ab, sagte sie einmal. Dass sie nach den zahlreichen Doping-Skandalen im Radsport selbst zum gläsernen Menschen werden musste, scheint sie nie akzeptiert zu haben.

Ewige Sportlerin des Jahres

Während Deutschland seine des Dopings verdächtigen Radsportler inzwischen etwas distanziert und mit schwindendem Interesse betrachtet, lässt Frankreich auf seine größte Titelträgerin Longo nichts kommen. Seit mehr als einem Jahrzehnt wird die medienscheue und äußerlich zart wirkende Person in zahlreichen Umfragen immer wieder zur beliebtesten Sportlerin des Landes gewählt, in diesem Jahr überflügelte sie sogar ihre männlichen Kollegen und ließ Rennfahrer Sebastien Loeb und Rugby-Star Sébastien Chabal hinter sich.

Schließlich ist sie in ihrem Leben etwa so erfolgreich wie Jan Ullrich und Eddie Merckx zusammen: Longo hat 38 Weltrekorde aufgestellt, dreimal die Tour de France der Frauen gewonnen und war dreizehn Mal Weltmeisterin. Insgesamt gewann sie 1165 Rennen in ihrem Leben. An Longo kommt keine vorbei. Frankreich hält ihr auch jetzt die Treue.

„Ich bin keine Optimistin“

Der FFC tritt gegenüber seinem Star versöhnlich auf, im Disziplinarverfahren droht ihr kaum die Höchststrafe. "Die Anforderungen an die Athleten wiegen sehr schwer", sagt eine Sprecherin. Und der Jurist des FFC, Christoph Lavergne, erklärt: "Es ist auch gut möglich, dass sie freigesprochen wird." Auch die Pariser Sportministerin Chantal Jouanno möchte nicht zur Königsmörderin werden. "Longo ist eine französische Legende, ich werde mich da nicht einmischen", sagte Jouanno. Longo hat den Frauenradsport im Land der Tour de France wesentlich populärer gemacht, als er in Deutschland je war.

Aber auch sie litt unter dem insgesamt dennoch "geringen Interesse am Frauensport", das sie einmal in einem Interview vorsichtig beklagte. Schließlich wird auch in Frankreich über die weibliche Tour de France, die "Grande Boucle feminine", nur wenig berichtet. Bei der Rundfahrt standen zuletzt nur einige hundert Zuschauer am Straßenrand, die Sportlerinnen müssen sich abends meist selbst um ihr Essen in einfachen Herbergen kümmern. Longo nahm dies immer gleichmütig hin. "Ich bin keine Optimistin", pflegt sie mit ihrer leisen Stimme zu sagen, wenn von ihr Vorschläge zur Weltverbesserung gefordert werden.

Image der zurückgezogenen Naturfreundin

So unaufgeregt und nüchtern begann Longo auch ihre Karriere. Aufgewachsen in der Bergwelt von Savoyen startete sie zunächst erfolgreich als Skifahrerin, bis sie sich erst mit Mitte 20 für den Radsport entschied. Seitdem wohnt sie mit ihrem Mann auf einem Hof mit Tieren in dem 5000-Seelen-Ort Saint Martin-Le-Vinoux bei Grenoble. Unzählige Porträts in französischen Zeitungen wurden mit rührenden Bildern ihrer Alm bestückt. Aber Longo ist mehr als eine schüchterne Einsiedlerin. Wie ihre männlichen Kollegen auch hat sie sich vermarktet, brachte drei Bücher über sich und mit Fitnesstipps auf den Markt und eine Produktlinie für Nahrungszusätze.

Aus der heutigen Perspektive wirken ihre häufig gutmütig belächelten Ansichten schon fast kalkuliert: Longo gab in vielen Interviews an, weder Reinigungsmittel für ihr Geschirr noch für ihre Wäsche zu benutzen - und dass sie deshalb so fit geblieben sei. Sie pflegte das Image der zurückgezogenen Naturfreundin, die schon "von weitem riechen kann", ob eine ihrer Konkurrentinnen im Feld scharfes Waschpulver benutzt hatte, und nie auf die Idee käme, sich zu dopen.

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